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Die Rückkehr des Adlers

Herzogtum lauenburg Die Rückkehr des Adlers

Seeadler waren aus Schleswig-Holstein fast ganz verschwunden. Jetzt brüten wieder mehr als 80 Paare im Land. Der mächtige Greifvogel hat einen Platz in der Natur und im öffentlichen Bewusstsein.

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Gut zwei Meter im Durchmesser: der Seeadlerhorst im Wald bei Ratzeburg.

Herzogtum Lauenburg. Der Wald liegt etwas abseits der schmalen Straße. Das nächste Haus ist weit und Ratzeburg noch viel weiter. Die Bäume stehen alt und mächtig, Wildschweine haben sich durch den Frost im Boden gewühlt. Es ist kalt, rings auf den Äckern liegt das Eis in den Furchen. Und oben in einer Buche, vielleicht 20 Meter hoch zwischen den winterkahlen Kronen, thront groß und doch verborgen ein Seeadlerhorst.

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Bis zu 2,5 Meter Spannweite: ein Seeadler mit einem erbeuteten Aal in den Fängen.

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Er ist noch verwaist, die Adler sind irgendwo in ihrem Revier unterwegs. Aber in wenigen Wochen werden sie zurückkehren. Mitte Februar wird das sein, wenn die Brut beginnt, und im April sollen die Jungen schlüpfen.

Das ist ein Erfolg, ein Sieg nach all den Jahren. Es ist nicht selbstverständlich, dass dieser mächtige Vogel wieder zu Hause ist in Schleswig-Holstein. Es stand schlecht um seine Art, er war verschwunden wie der Biber und der Wolf. Sein einziger Feind hatte ihm nachgestellt mit Gewehren und Chemie, mit Zivilisation. Und er tat seine Arbeit gründlich.

Aber jetzt ist der Adler wieder da. Von 84 Brutpaaren berichtet der gerade vorgestellte Landes-Artenschutzbericht für das vorige Jahr, 95 Seeadler-Reviere waren besetzt. „Rings um die Ostsee ist er wieder lückenlos verbreitet“, sagt Thomas Neumann, Adlerschützer und seit mehr als drei Jahrzehnten Naturschutzbeauftragter des Kreises Herzogtum Lauenburg. „Das haben selbst die Optimisten nicht für möglich gehalten. Ein großer Erfolg von Naturschützern und Grundeigentümern.“

Adler gehörten dazu über die Generationen. Sie waren Teil des natürlichen Gefüges. Aber man stellte ihnen nach seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Adler räuberten Fische in den Flüssen und Seen, hieß

es. Steinadler holten junge Lämmer aus den Herden. Man zahlte Geld für Adlereier und für Jungvögel noch viel mehr. Man warf Pflanzengift auf die Felder, gerade auch DDT, das sich über die Nahrungskette in die Adlerbahnen schlich und das Gelege dünn werden ließ und brüchig. In Norwegen erhielt gar noch Mitte der Sechzigerjahre eine Prämie, wer einen toten Vogel brachte. Der Adler, der Stärke symbolisierte, der für Stolz und Majestät stand auf Flaggen, Münzen und Standarten, den hatte man fast ausgerottet. Das war die Lage, und das war die Schizophrenie. Der Adler war ein trauriger Held des Rückzugs.

Vom Horst geschossen

Am Schaalsee wurde der letzte Seeadler 1925 geschossen, ein Schüler der Landwirtschaftskammer Lübeck hatte ihn vom Horst geholt. Um 1930 gab es kein einziges Paar mehr in ganz Schleswig-Holstein. Ein halbes Jahrhundert später waren es wieder vier, ein Anfang. Und dann ging es aufwärts. In kleinen Schritten zwar, aber stetig.

Man hatte ein Einsehen mit dem mächtigen Vogel. Man stellte ihn unter Schutz, in Deutschland und Europa. Man richtete Sicherheitszonen ein, Freiwillige meldeten sich und bewachten seine Nester. Man verbot DDT und in Schleswig-Holstein die Jagd mit bleierner Munition. Und jüngst sorgte ein Adlerhorst an der geplanten Trasse der Autobahn 20 im Kreis Steinburg für einen bemerkenswerten Streit zwischen dem Wirtschafts- und dem Umweltministerium in Kiel. Der Adler hat längst gewonnen an Gewicht und Bedeutung. Er ist wieder ein mächtiges Tier, trotz allem.

Inzwischen zählt man in Norwegen mehr als 3000 Paare. Nach Polen folgt dann schon Deutschland mit etwa 800 Paaren auf Rang drei in Europa. Vor zwei Jahren hat sogar wieder der Fischadler erfolgreich gebrütet in Schleswig-Holstein. In einem Revier bei Mölln war das und das erste Mal seit den letzten Jahren Otto von Bismarcks, wenn man das als Wegmarke heranziehen mag.

„Zwei Meter Durchmesser sind es bestimmt“, sagt Thomas Neumann und schaut an eine Buche gelehnt hoch zu dem Horst im Wald bei Ratzeburg. „Eine Knüppelburg.“ Seit 1994 brütet hier wieder ein Adler im Revier, und seit 1994 auch gehört das Gebiet dem Zweckverband Schaalsee-Landschaft und der Umweltstiftung WWF. Sie haben die 700 Hektar seinerzeit für sechs Millionen D-Mark gekauft. Das Land wird jetzt nicht mehr bewirtschaftet, es hat jetzt seine Ruhe.

Der erste Horst hier war auf einer alten Eiche, dann zogen die Adler weiter, und seit ein paar Jahren gibt es dieses Nest oben in der Krone einer Buche. Es ist ein mächtiges Gebilde aus Zweigen, dessen Inneres zum Brüten mit Gras ausgekleidet wird. Manchmal baut der Adler schon im Sommer und zur Herbstbalz an dem Horst, zur Brutzeit aber wird er noch mal aktiv. Dann kann das Nest in einer Woche leicht um das Doppelte wachsen.

Eis und Schnee kein Problem

Sollte der Winter noch einmal mit Macht kommen, mit Eis und Schnee, würde das dem Adler wenig anhaben. Kälte sei für ihn kein Problem, sagt Neumann. Allenfalls die Nahrungssuche könnte schwieriger werden, wenn auch das letzte Wasserloch zugefroren ist und sich die Beutetiere zurückgezogen haben.

Adler haben große Reviere. 60 Quadratkilometer im Durchschnitt in SchleswigHolstein, im Winter noch einiges mehr. Und nach Möglichkeit ziehen sich die Vögel in einsame Winkel zurück. Manchmal brüten sie aber auch nahe von Schienensträngen oder Autobahnen. Adler könnten sich einstellen auf gewisse Dinge, sagt Neumann. Wenn es in ihr Revierschema passe, verliere manche Störung an Bedrohlichkeit.

Der Horst zwischen Itzehoe und Elmshorn an der geplanten A20-Trasse sei daher auch kein grundsätzliches Argument gegen den Bau der Autobahn. Die Adler brauchten halt nur während der Brutzeit Ruhe, und man müsse Ausgleichsmaßnahmen schaffen.

Auch Tourismus und Adler schlössen sich nicht aus, sagt Neumann. Windräder allerdings seien eine rechte Gefahr für die Vögel. Er hielte es für besser, man baute sie vor allem an die Westküste und nicht ins seenreiche Hügelland im Osten. Denn hier ist der Adler am meisten verbreitet in Schleswig-Holstein. Hier findet er Wald und Wasser und Ruhe, hier kann er in hohen Buchen in einem abgelegenen Waldstück bei Ratzeburg brüten und seine Jungen aufziehen. Und es wäre ganz schön, wenn man ihn dabei nicht stört.

Auch im Lübecker Stadtwald brütet wieder der Seeadler
Im Landkreis Plön leben die meisten Seeadler-Paare in Schleswig-Holstein. Der in dieser Woche vorgestellte Landes-Artenschutzbericht für das vergangene Jahr listet dort 22 Paare auf. Es folgen die Kreise Ostholstein mit 16 und Rendsburg-Eckernförde mit 14 Paaren. Im Herzogtum Lauenburg gab es zehn, in Schleswig und Segeberg jeweils sieben, in Itzehoe und Heide je fünf, in Nordfriesland vier, in Stormarn und Pinneberg jeweils zwei Paare.



Auch Lübeck hat wieder brütende Adler. Der Horst des Paares liegt an der südlichen Stadtgrenze. Adler wurden dort schon länger beobachtet, 2014 aber gab es mit zwei Jungen wieder einen Bruterfolg, im vorigen Jahr kam ein Junges zur Welt. 2012 allerdings waren dort in dem Revier zwei vergiftete Adler gefunden worden. Die Vögel hatten schon mit der Brut begonnen.

Vergiftungen gibt es immer wieder bei Adlern. In Dithmarschen waren es im vergangenen Jahr allein sechs Vögel, zuletzt starb einer zu Weihnachten an zu viel Zink im Körper.
Vermutlich hatte er es über ein Beutetier aufgenommen, Wühlmäuse etwa werden mit Zinkphosphid bekämpft. Im Juni war in einem Wald bei St. Michaelisdonn eine vierköpfige Seeadlerfamilie gestorben.
Untersuchungen wiesen Mevinphos nach, ein in keinem Land der Europäischen Union zugelassenes Pflanzenschutzmittel. Umweltminister Robert Habeck (Grüne) sprach von einem „kriminellen Verstoß“, der WWF setzte eine Belohnung von 5000 Euro aus. Ende November haben Unbekannte nahe Husum eine hohe Pappel abgesägt, auf der ein Adlerpaar ein Nest begonnen hatte. Hier haben WWF und die örtliche Gemeinde insgesamt 3500 Euro Belohnung ausgesetzt.

4 Adlerarten brüten noch in Deutschland: See-, Stein-, Fisch- und Schreiadler. Der Seeadler mit einer Spannweite bis zu 2,5 Metern ist der mächtigste und der zahlreichste unter ihnen. Das Weibchen ist größer als das Männchen. In Schleswig-Holstein brüteten im vergangenen Jahr 84 Seeadler- und erstmals seit etwa 130 Jahren auch wieder ein Fischadlerpärchen mit drei Jungen. 2014 wurde im Bereich Nusse ein Schreiadler beobachtet, im Winter ziehen mitunter Steinadler durch Schleswig- Holstein.



In Schleswig-Holstein gibt es seit 1968 die Projektgruppe Seeadlerschutz, einen Zusammenschluss von verschiedenen Naturschutzverbänden, der Landesjägerschaft, dem Waldbesitzerverband, dem Umweltministerium und den Schleswig-Holsteinischen Landesforsten als Seeadlerschutzstation.



Der Doppeladler ist auf vielen Fahnen verbreitet. In Lübeck prangt er seit 1850 auf weiß-rotem Grund. Als die Hansestadt 1937 ihre Eigenständigkeit verlor, wurde die Flagge umgestaltet und der veränderte Adler aus der Mitte in die Ecke verfrachtet. Nach dem Krieg griff man auf diese Form zurück und hat sie bis heute beibehalten.

Peter Intelmann

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