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Seite Drei Die Schicksalsnacht für Lübecks Synagoge
Nachrichten Seite Drei Die Schicksalsnacht für Lübecks Synagoge
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18:24 08.11.2013
Die Lübecker Synagoge in der St. Annen-Straße. In dem Nebengebäude links befand sich das jüdische Altenheim. Heute ist es Sitz der jüdischen Gemeinde. Quelle: Fotos: Lutz Roeßler
Lübeck

Nein, sie hat nicht gebrannt: Lübecks Synagoge überstand als eine der wenigen in Deutschland die sogenannte „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November. Trotzdem waren die Tage des beeindruckenden Kuppelbaus im maurischen Stil gezählt.

„Die Stadt wollte die Synagoge damals erwerben und befand sich schon in den Verkaufsverhandlungen“, weiß Yelizaveta Paliy von der jüdischen Gemeinde zu berichten. Und so stand um 3 Uhr morgens der Chef der Lübecker Gestapo, Wilhelm Bock, in schwarzer Uniform und mit vorgehaltener Pistole vor der Synagoge, begleitet von sieben SS-Männern, und forderte Zutritt. Die von der SA bereits vorbereitete Sprengung wurde von dem ebenfalls eintreffenden NS-Polizeipräsidenten Walther Schröder verboten. Begründung: Die Gefahr für das St. Annen-Museum gleich nebenan sei zu groß. Das Inventar aber solle „sichergestellt“ werden.

Was, wie Gemeindemitglied Leonid Kogan (57) erläutert, 50 alkoholisierte SA-Leute mit Beilen, Äxten und Brechstangen besorgten. Kogan: „Selbst die Torarollen wurden aus ihrem Schrein gerissen und zerstört.“

Mindestens zehn Geschäfte und Handwerksbetriebe wurden in den folgenden Stunden verwüstet, außerdem eine unbekannte Zahl von Wohnungen. Gleichzeitig begannen die Verhaftungen.

Der Lübecker Josef Katz (damals 20) schreibt in seinem Buch „Erinnerungen eines Überlebenden“, wie die Gestapo ihn am 11. November festnimmt. Erst flieht er nach Hamburg, dann aber erreicht ihn ein Telegramm seiner Mutter: „Sie bittet mich, so schnell wie möglich nach Hause zu kommen. Man würde sie sonst verhaften.“ Mit zwölf anderen Juden wird er in eine Zelle in der Anstalt Lauerhof gesperrt.

70 Männer wurden in diesen Tagen ins KZ Sachsenhausen gebracht. 56 weitere Häftlinge kamen aus Kiel dorthin, 20 von ihnen stammten aus Friedrichstadt, Kappeln, Ratzeburg und Flensburg. Acht von ihnen starben im KZ.

Das Gotteshaus wurde bald nach der Pogromnacht zwangsversteigert, von der Stadt erworben und in „Ritterhof“ umbenannt. Von 1939-1941 erfolgten die Entkernung und der Umbau nach den Vorstellungen der Nazis. Die Synagoge erhielt ihr heutiges Aussehen. Bis 1945 wurde sie als Turnhalle, Kindergarten und Requisitenkammer des Theaters genutzt.

„Die jüdische Gemeinde hatte gehofft, durch den Verkauf des Gebäudes ihren Mitgliedern helfen zu können, ins Ausland zu emigrieren“, erzählt Paliy. Doch diese Hoffnung zerschlug sich. Der Kaufpreis von 50 000 Reichsmark wurde zwar bezahlt, die Summe jedoch sogleich beschlagnahmt.

Die Juden wurden nach und nach aus ihren Wohnungen und Geschäften gedrängt, schreibt die Flensburger Historikerin Bettina Goldberg in ihrem Buch „Abseits der Metropolen“. In Lübeck waren es etwa die Fellhandlung Semmy Frankenthal, die „Norddeutsche Bürstenindustrie“ von Albert Asch und das „Spezialhaus für Damenbekleidung Gebr. Hirschfeld“, die in „arischen“ Besitz übergingen. Insgesamt waren in Lübeck elf Einzelhandels- und sieben Handwerksbetriebe betroffen.

Die Gemeinde, die 1913 noch aus 750 Menschen bestand, war schon 1938 bedeutend kleiner geworden. Auch anderswo befanden sich die Gemeinden in der Auflösung. In Neumünster gab es 1939 noch 18 Einwohner jüdischen Glaubens, in Friedrichstadt und Flensburg zusammen 17, in Rendsburg 17 und Elmshorn acht. In Bad Segeberg waren es noch drei alte Leute.

1942 begannen die Deportationen. 92 Lübecker Juden wurden in das Lager Jungfernhof bei Riga (Lettland) abtransportiert. Der letzte Gemeindevorsitzende, Joseph Carlebach (geboren 1883), der aus einer angesehenen Rabbinerfamilie stammte, wurde mit seiner Frau Charlotte (geboren 1900) und vier seiner Kinder ebenfalls dorthin gebracht. Die Carlebachs und ihre drei Töchter Ruth, Noemi und Sara wurden erschossen. Ihr jüngerer Bruder Salomon überlebte, weil er einem Arbeitskommando zugeteilt war.

Im Juli 1942 wurden auch die letzten Bewohner des jüdischen Altenheims abgeholt, das sich im Nebengebäude der Synagoge befand. Es war das Ende jüdischen Lebens in der Stadt.

Nach dem Krieg wurde die Synagoge wieder für Gottesdienste genutzt. Gleich 1945 fand der erste statt. Die Teilnehmer waren aus Polen geflüchtete Juden und Heimkehrer aus dem KZ. Auch Josef Katz, der 1942 ebenfalls nach Riga deportiert wurde, Ghetto, KZ und Todesmarsch überlebte, kehrte 1945 zurück. Er wanderte in die USA aus. Sein Bruder Berthold, der in Palästina war, kam 1950 wieder nach Lübeck und übernahm in der jüdischen Gemeinde die Aufgabe des Kantors.

„Heute hat die Gemeinde wieder 800 Mitglieder“, sagt Yelizaveta Paliy, die aus der Ukraine stammt und 1995 nach Lübeck kam. Gemeindevorsitzender ist Leonid Gendelmann (74) aus Talinn (Estland).

„Meine Mutter flüchtete mit mir 1942 nach Usbekistan — dort haben wir überlebt.“

„Vier Mitglieder von Joseph Carlebachs Familie wanderten nach Palästina aus“, weiß Yelizaveta Paliy. Seine Tochter Prof. Dr. Miriam Gillis-Carlebach, ist 92 Jahre alt und besucht uns jeden Sommer.“

1983 kam sie das erste Mal. „Als Erstes kam die Sprache zurück“, berichtete sie der Autorin Sabine Niemann. „Und dann habe ich versucht, Leute kennenzulernen, um zu erfahren, ob es unter ihnen welche gibt, die nicht nur bedauern, sondern auch verstehen. Es sind nicht viele, aber doch einige.“

„Reichskristallnacht“
In der Pogromnacht vom 9. November 1938 zerstörten SA und SS-Männer in Zivil in ganz Deutschland 1400 Synagogen, Betstuben, Versammlungsräume, Geschäfte und Wohnungen. Zu den Anschlägen hatte Propagandaminister Joseph Goebbels indirekt in einer Rede aufgerufen.


Vorgeblicher Anlass für die Ausschreitungen war die Ermordung eines deutschen Diplomaten in Paris durch den 17-jährigen Juden Herschel Grünspan. Die Übergriffe wurden nach außen als Entladung des Volkszorns dargestellt. Die NS-Propaganda prägte den beschönigenden Begriff „Reichskristallnacht.“

Am 10. November wurden 30 000 Juden verhaftet. Hunderte starben in der Folge oder wurden in den Selbstmord getrieben. Schon nach der Machtübernahme 1933 hatten SA-Leute zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen. Die Pogromnacht markiert den Übergang von der Diskriminierung der Juden zur systematischen Verfolgung, die in den Holocaust mündete.

Marcus Stöcklin

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