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Seite Drei Die Spur der Bilder
Nachrichten Seite Drei Die Spur der Bilder
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23:25 04.11.2013

Was für ein Kunstkrimi: In einer verdunkelten und verdreckten Münchner Privatwohnung stoßen Ermittler auf einen Hort von 1500 unsachgemäß gelagerten und verschollen geglaubten Bildern von Künstlern wie Picasso, Matisse und Kirchner, aber auch Spitzweg und Dürer. Die Polizei hegt den Verdacht, dass die Kunstwerke in der Zeit des Nationalsozialismus jüdischen Vorbesitzern geraubt wurden und zum Teil aus der antimodernen NS-Beschlagnahmungsaktion „Entartete Kunst“ stammen, also aus Museumsbesitz.

Offenbar aus Sorge vor einem weltweiten Ansturm an Besitzansprüchen und wegen laufender Ermittlungen vereinbaren die Behörden aber Stillschweigen. Bereits 2011 wird eine Berliner Kunsthistorikerin und Spezialistin für das Thema „Entartete Kunst“, Meike Hoffmann, mit der Herkulesaufgabe betraut, das Schicksal jedes einzelnen der inzwischen beschlagnahmten Kunstwerke zu erforschen und zu rekonstruieren. Auch ihr wird Schweigen auferlegt.

Noch gestern wollten die ermittelnde Staatsanwaltschaft in Augsburg und die bayrischen Zollfahnder die Meldungen des Magazins „Focus“ vom Wochenende weder bestätigen noch dementieren. Die Bundesregierung jedoch ließ verlauten, seit Monaten über den Fund im Bilde gewesen zu sein.

Meike Hoffmann war gestern zu keiner Stellungnahme bereit. Ihr Kollege Andreas Hüneke von der Forschungsstelle „Entartete Kunst“ sagte dieser Zeitung: „Natürlich ist es ein großartiger Fund, aber es sind nur ein paar Gemälde darunter. Das meiste sind Grafiken, Arbeiten auf Papier.“ Deswegen sei auch die kolportierte Summe von einer Milliarde Euro „absolut überzogen“. Hüneke bestätigte indes, dass ein Teil der Bilder aus der Beschlagnahmungsaktion „Entartete Kunst“ stammt. Diese hatte das Folkwang Museum in Essen und die Berliner Nationalgalerie besonders hart getroffen. Aber auch aus der Hamburger Kunsthalle und dem damaligen Provinzialmuseum in Hannover verschwanden Hunderte Werke. Insgesamt wurden damals laut Hüneke rund 20 000 Kunstwerke aus mehr als 100 Museen beschlagnahmt.

Können sich die Museen also auf eine Rückkehr der Schätze freuen? „Bei Beschlagnahmungen der Aktion ,Entartete Kunst‘ gelten Verkäufe heute als rechtsgültig. Die Museen haben keinerlei Restitutionsansprüche“, sagt der Forscher. Anders sei es bei Kunst aus jüdischen Privatsammlungen oder von politisch Verfolgten.

Eine Liste der in der Wohnung von Cornelius Gurlitt gefundenen Kunstschätze ist bislang nicht veröffentlicht worden. Durchgedrungen ist jedoch, dass offenbar ein Frauenbildnis von Henri Matisse entdeckt wurde, das dem großen Kunsthändler Paul Rosenberg gehört haben soll. Dessen Erben bemühen sich seit Jahren um die Rückgabe des Familienbesitzes.

Auch ein verloren geglaubtes Aquarell von Franz Marc soll aufgetaucht sein. Laut dem Beschlagnahmungsverzeichnis der Berliner Forschungsstelle ist das Blatt in den 1930er-Jahren im Städtischen Museum für Kunst und Kunstgewerbe in Halle (heute Stiftung Moritzburg) beschlagnahmt worden und galt als verschollen. In der Stiftung Moritzburg ist man ebenso überrascht über den Sensationsfund. Halle hat es bei der Beschlagnahmungsaktion besonders bitter getroffen. „Wir haben rund 250 Werke verloren. Mit dieser Aktion ist das ganze Museum zerschlagen worden“, sagt eine Sprecherin.

„Man kann gar nichts machen“, erklärt Ulrich Krempel, der Direktor des Sprengel Museums und bemerkt eine „gewisse Ironie der Geschichte“: Die Museen seien machtlos, was Rückgabeforderungen anlangt. Zugleich aber beherbergten sie Schätze aus der Aktion „Entartete Kunst“.

Wer sich über den Münchner Sensationsfund besonders freuen kann, ist der Kunsthandel. „Natürlich ist es wahnsinnig spannend“, sagte gestern der Sprecher des Kölner Auktionshauses Lempertz, Karl-Sax Feddersen. „Wenn man Pech hat, sind allerdings von den 1500 beschlagnahmten Bildern 1400 Druckgrafiken.“

Ein schlechtes Gewissen, dass man vom Gurlitt-Erben noch nach der Beschlagnahmungsaktion Max Beckmanns Bild „Löwenbändiger“ angenommen hat, plagt die Kölner Kunstversteigerer nicht. Das Bild war nach einer Einigung mit den jüdischen Erben für 864 000 Euro bei Lempertz versteigert worden. Im Auktionshaus hat man Gurlitt als „reizenden, sehr zurückhaltenden, scheuen und immer korrekten“ Herrn in Erinnerung und meint, der „rechtmäßige Erbe“ werde jetzt zu Unrecht Verdächtigungen ausgesetzt.

Im Nachhinein lässt sich rekonstruieren, dass der alte Herr, der mit dem gelegentlichen Verkauf von Werken aus der Familiensammlung offenbar seinen Lebensunterhalt bestritten hat, in Köln nach einem neuen Absatzmarkt gesucht hatte, nachdem er mit 18 neuen 500-Euro-Scheinen an der schweizerisch-deutschen Grenze Zollfahndern ins Netz gegangen war. Er kam direkt vom Schweizer Kunsthändler Eberhard Kornfeld.

Johanna Di Blasi

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