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Seite Drei Die Spur der Mörder
Nachrichten Seite Drei Die Spur der Mörder
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20:21 21.06.2013
Mulmiges Gefühl im Nachinein: Wolfgang Schröder und Roswitha Maske aus Rostock.

Es ist lange her, dass Mehmet Turgut († 25) erschossen wurde. Damals, im Döner-Imbiss in Rostock-Toitenwinkel. Er war nur zu Besuch, wollte aushelfen. Und wurde ein Opfer des Terrortrios, das sich selbst Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nannte.

Der Platz, an dem die Bude stand, ist heute leer. Eine Stück grüne Wiese inmitten des von Wohnblocks geprägten Stadtteils. Daneben: ein Parkplatz. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, harkt ein älteres Ehepaar seinen Vorgarten.

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Süleyman Taskröpü wurde 2001 in Hamburg ermordet.

Der Mord passierte dort am 25. Februar 2004. Niemand bekam etwas mit. Die Täter hatten den Zeitpunkt sorgsam gewählt: Gegen zehn Uhr vormittags betraten sie die leere Bude und jagten ihrem Opfer aus nächster Nähe eine Kugel in den Kopf.

Keiner der Anwohner in Toitenwinkel kannte Mehmet Turgut, der in Wahlstedt (Kreis Segeberg) wohnte und illegal in Deutschland war. Mit dem Pass seines ein Jahr jüngeren Bruders Yunus. Deshalb stand auf den Fahndungsplakaten anfänglich der falsche Vorname.

„Mehmet Turgut war ein armer Kerl. Einer von uns.“

Mehmet Turgut? „Doch, ich kann mich an ihn erinnern“, sagt Walter St. (69). Er sitzt um die Ecke, hinter einem leerstehenden Geschäftskomplex. Ein Café hält sich in dem sonst verwaisten Block, angeblich treffen sich die Hells Angels dort. Daneben gibt es einen Asia-Imbiss, bei dem man auch Getränke bekommt. Strübing sitzt draußen an einem Tisch in der Sonne und erzählt, wie er sich noch am Tattag in der Dönerbude etwas zu trinken holte. „Wir haben da gestanden und ein bisschen gequatscht. Was, weiß ich nicht mehr.“ Vom Mord selber habe er nichts gesehen oder gehört. „Als ich mitbekam, der ist erschossen worden, da war ich doch geschockt.“ Auch heute noch beschäftige ihn das. „Man redet ab und an drüber. Gerade jetzt, wo der Prozess läuft.“

„Ein komisches Gefühl, im Nachhinein“, meint Anwohner Wolfgang Schröder (59). „Dass die Terroristen so nah waren. Dass die hier mit ‘ner Knarre rumgelaufen sind.“ „Und dass sie die solange nicht gekriegt haben. Da ist doch was faul“, ergänzt seine Nachbarin Roswitha Maske (60).

Den Prozess gegen Beate Zschäpe (38), die einzige Überlebende des Terror-Trios und ihre Helfer, beobachten sie und andere Nachbarn kritisch. „Paar Jahre Gefängnis, dann ist die wieder draußen“, befürchtet Wolfgang Strübing (57). „Ich sag‘ mal so, diese ganze Geschichte, dass sie diesen Nazi-Terroristen so lange nicht auf die Spur gekommen sind, das kann nicht sein. Da verliert man doch das Vertrauen in den Staat.“

Mehmet Turgut wohnte ab Mai 2003 in Wahlstedt. In dem Mehrfamilienhaus aber erinnert sich niemand mehr an ihn. Und auch im Berlin Döner, wo er vorübergehend arbeitete, haben die Kollegen gewechselt.

Die Betroffenheit unter den türkischstämmigen Verkäufern aber ist groß. „Ich verfolge den Prozess im Fernsehen“, sagt Murat Aydin (35). „Das war einer von uns, ein armer Kerl. Und dann die Zschäpe.

Es schockiert mich, wie die vor Gericht auftritt. Selbstbewusst und immer so schick, mit Kostüm. Wieso darf die das?“

„Wissen Sie, viele von uns kommen aus der Gegend, aus der auch die Turguts stammen“, verrät Ilhami Celik (40), der in einem anderen Imbiss arbeitet. Als der Mord passierte, riefen seine Eltern ihn aus der Heimat an. Ob es ihm gut gehe. „Sie sagten, dass sie sich Sorgen machen.“ Er habe alles heruntergespielt. „Dabei habe ich mir selbst Gedanken gemacht.“ Auch in der Heimat werde der Fortgang des Prozesses beobachtet. „Wir hoffen alle, dass die Täter ihre gerechte Strafe bekommen.“

Ibrahim Akarbulut (28) arbeitet in einer Döner-Bude in Lübeck-Kücknitz. Er kennt Mehmet Turgut noch von früher. „Wir sind im gleichen Dorf aufgewachsen.“ Weil er viel jünger als Mehmet war, hatten sie nicht viel Kontakt, sagt er. „Aber ich weiß, dass die Familie sehr arm ist.“ Mehmet habe gehofft, dass er in Deutschland genug Geld verdienen werde, um später in seiner Heimat einen eigenen Laden zu eröffnen. „Er wollte nur solange in Deutschland bleiben wie nötig. Dann wollte er zurück, sein Geschäft aufbauen und heiraten.“

Drei Brüder habe Mehmet Turgut. „Zwei leben in der Türkei, bei ihren Eltern.“ Der Dritte besitzt einen Döner-Imbiss in Lübeck. „Er möchte nicht darüber reden“, sagen die Kollegen.

Als die „Super-Illu“ die Eltern in ihrem Heimatort Kayalik im Taurusgebirge besucht, 550 Kilometer von Ankara, spricht der 63-jährige Vater von Trauer und Wut. „Wenn mir Gott den erstgeborenen Sohn nimmt, ohne Grund, ohne Unfall, ohne Krankheit, ohne eigene Schuld, dann kann ich das nicht annehmen. Deshalb ist es auch für mich als Gläubigen so schwer, Mehmets Tod zu verkraften.“

„Neonazis demonstrierten vor meinem Imbiss“

In Hamburg schlugen die NSU-Mörder bereits 2001 zu. Am 27. Juni erschossen sie dort den Gemüsehändler Süleyman Taskröpü († 31) im Laden seines Vaters. Die Schützenstraße, in der der Mord geschieht, gehört nicht zur schlechtesten Gegend der Stadt. Vor einem Lokal sitzen Gäste in der Sonne unter schattigen Bäumen. Es gibt einen griechischen Bäcker, ein portugiesisches Café und einen Fahrradladen.

„Ja, hier drin war früher das Gemüsegeschäft“, sagt der Inhaber des Fahrradladens.

Gewohnt haben die Taskröpüs einige Kilometer weiter draußen, in Lurup, am Rand der Großstadt. Es gibt dort eine endlose Durchfahrtsstraße mit vielen türkischen Geschäften.

Döner-Verkäufer Kacmaz Muharem (42) lebt seit 20 Jahren in Hamburg. Als Taskröpü erschossen wurde, hatte er sein Geschäft noch in einem anderen Stadtteil. Etwa sieben Jahre nach dem Mord habe es eine große Neonazi-Demonstration gegeben, sie führte direkt an seinem Laden vorbei. „Es waren einige Hundert Neonazis. Eine Demonstration gegen Ausländer. Polizisten standen vor meiner Tür, um mich zu schützen. Ein mulmiges Gefühl. Aber dann kamen normale Leute herein, 20, 30, und sie sagten, dass sie es nicht zulassen würden, wenn die Nazis mich angreifen. Das war ein unheimlich tolles Gefühl.

Ich dachte: Mann. Es gibt Deutsche, die dir helfen, das werde ich nie vergessen.“

Dass Taskröpü, eines der ersten Opfer, in ihrer Mitte wohnte, ist für viele Anwohner schwer fassbar. „Ich hab‘ das nie mit Lurup in Verbindung gebracht“, überlegt Optiker Hans-Peter Langholz (56).

„Ich meine, ich find‘ das schlimm. Dass so etwas passieren kann, so ein Serienmord. Und das die Behörden anscheinend auf dem rechten Auge blind waren. Oder sind.“ Das werde sich ja zeigen: „Je nachdem, wie der Prozess ausgeht.“

Marcus Stöcklin

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