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Lübeck Die allerletzte Runde

Mit Muhammad Ali starb einer der größten Sportler des 20. Jahrhunderts. Und ein großer Mensch.

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„Steh auf!“: Muhammad Ali schlägt im Mai 1965 den amtierenden Weltmeister Sonny Liston schon nach 105 Sekunden K.o. und fordert ihn auf weiterzumachen.

Quelle: Fotos: Imago

Lübeck. Es war ein lautes Leben, aber am Ende ein leises, stilles Verglühen. Cassius Clay, der Mann, der sich Muhammad Ali nannte, lebt nicht mehr. Er ist in der Nacht zu gestern gestorben, mit 74 eingeschlafen in einem Krankenhaus in Phoenix. Es werde nur „ein kurzer Klinik-Aufenthalt“ sein, hatte sein Sprecher Bob Gunnell gesagt. Jetzt wurde es einer für die Ewigkeit.

Für die Ewigkeit war manches in diesem Leben und Größenwahn nichts, womit dieser Mann ein Problem gehabt hätte. Man hatte das Gefühl, die Welt und ihre Bewohner seien ihm immer zu klein gewesen. Er schien anderes vorzuhaben, Gewaltigeres. Er war wie King Kong, der auf dem Empire State Building steht und guckt, wer wohl diese seltsamen winzigen Leute sind, die es da mit ihm aufnehmen wollen. Er schien sich auf die Brust zu klopfen und zu rufen: Seht her, hier steht einer, der nicht werden wollte, wie sein Vater einer war. Der nicht bereit ist für die Baumwollfelder oder andere miese Jobs und den Hochmut der weißen Aufseher. Hier steht einer, der einen Begriff von einem anderen, einem eigenen Leben hat. Und der ein Boxer ist, der beste der Welt.

Das Leben Muhammad Alis barg alles an menschlichen Möglichkeiten. Es war Drama und Tragödie, Komödie und absurdes Theater. Es stand für Kampf und Mut, für Siege und Niederlagen. Für Krieg und Frieden. Es spiegelten sich darin all die kollektiven Sehnsüchte, all das Verlangen nach Unbeugsamkeit und einem Willen, der Aufgeben nicht kennt.

Ali war ein freier Radikaler, der nicht bereit war für Kompromisse mit sich selbst und mit dem Rest der Welt schon gleich gar nicht. Er ging seinen Weg und dabei auch sehr auf die Nerven mit seiner ausgestellten Einzigartigkeit. Aber das störte ihn wenig. Er wurde Muslim, als er den Islam für die bessere Religion befand. Er kam wieder als Box-Champion, als alle Welt ihn abgeschrieben hatte. Er verweigerte den Wehrdienst, weil er den Krieg in Vietnam für ein Verbrechen hielt. Nein, sagte er, er werde nicht helfen, „eine andere arme Nation zu ermorden und niederzubrennen, nur um die Vorherrschaft weißer Sklavenherren über die dunkleren Völker der Welt“ zu sichern.

Und er stand 1996 mit einer Fackel in der Hand im Stadion von Atlanta, um das olympische Feuer anzuzünden. Zitternd, krank und vor der Zeit alt geworden, ein Mann, dem sein Körper nicht mehr gehorchte und dessen Gegner jetzt Parkinson hieß. Aber der nicht aufgab, der zu Beethovens Götterfunken mit beiden Händen die Fackel hielt, bis das Feuer brannte und er ein weiteres Signal in die Welt geschickt hatte: Seht her, ein Mensch, in all seiner Gebrechlichkeit, in all seiner Stärke.

Dieses Leben war immer auch nach außen gerichtet. Es hatte immer eine zweite Ebene. Ali lebte und kämpfte nicht nur für sich, sondern für das andere, das schwarze Amerika. Er wurde geboren, als der Oberste Gerichtshof der USA die Rassentrennung in den öffentlichen Schulen erst dreizehn Jahre später für verfassungswidrig erklären sollte. Und er kam zum Boxen, als ihm mit zwölf Jahren sein Fahrrad gestohlen wurde und er bei seiner wütenden Suche nach dem Dieb Joe Martin über den Weg lief, einem Polizisten und Boxtrainer, der ihm riet: Bevor du jemanden herausforderst, solltest du kämpfen lernen. Der junge Cassius lernte zu kämpfen, gewann mit 18 Jahren olympisches Gold und wurde Profi. Vor allem aber wurde er zu einem Ästheten im Ring, manche nannten ihn einen Künstler. Er tänzelte wie ein Nurejew zwischen den Seilen, er schwebte wie ein Schmetterling und stach wie eine Biene, so nannte er das mal. Und er schlug zu mit einer seltenen Wucht. Er war kein „ultimativer Puncher“, sagte Jürgen Blin, der 1971 als einziger Deutsche neben Karl Mildenberger gegen ihn geboxt hat. Ali habe einen langsam zermürbt und dann zugeschlagen: „Unglaublich schnell, unglaublich präzise. Eine für den Gegner unheilvolle Kombination.“

Die Gegner haben diese Kombination reihenweise zu spüren bekommen. Sonny Liston zum Beispiel, amtierender Weltmeister, den Ali 1964 nach sechs Runden entthronte und der ein Jahr später schon nach 105 Sekunden auf dem Boden lag. „Steh auf!“ schrie Ali ihn an, aber da ging nichts mehr. George Foreman hat das gespürt, 1974 beim „Rumble in the Jungle“ in Kinshasa, als Ali sich in der achten Runde nach einer doppelten Links-Rechts-Kombination den Titel zurückholte.

Und natürlich Joe Frazier, der Ali 1971 beim „Kampf des Jahrhunderts“ in New York besiegt hatte und der ihm 1975 beim „Thrilla in Manila“ erneut gegenüberstand. Sie hatten sich 14 Runden eine unglaubliche Schlacht geliefert und waren völlig fertig, völlig am Ende. Da kam aus Fraziers Ecke das Handtuch, und Ali war wieder mal, was er ohnehin war: der Größte.

„Ein Gigant“ – Reaktionen

„Unser Vater war ein bescheidener Riese! Und nun ist er heim zu Gott gegangen.“ (Tochter Hana Ali)

„Ali, Frazier und Foreman, wir waren wie ein Mann. Ein Teil von mir ist heute von uns gegangen, der großartigste Teil.“ (Ex-Boxweltmeister George Foreman)

„Gott hat seinen Champion zu sich geholt.“ (Ex-Boxweltmeister Mike Tyson)

„Sein Geist wird für immer leben. Er repräsentierte, was jeder Athlet anstrebt, den unbedingten Siegeswillen. Er war fabelhaft, ein großartiger Mensch, ein Champion des Volkes.“

(Box-Promoter Don King)

„Muhammad Ali war The Greatest. Punkt.“ (US-Präsident Barack Obama)

„Ein Champion im Ring, ein Held weit über den Ring hinaus. Er hat seine Karriere für seine Prinzipien geopfert, ein Anti-Kriegs-Prophet, die Stimme unserer Zeit.“ (US-Bürgerrechtler Jesse Jackson)

„ Es war mir eine Ehre, ihm die Presidential Citizens Medal zu überreichen, zuzusehen, wie er das Olympische Feuer entzündete und Freundschaft mit einem Mann zu schließen, der durch seine Triumphe und Prüfungen sogar noch größer als seine eigene Legende wurde.“ (Ex-US-Präsident Bill Clinton)

„Du wurdest verschmäht, missbilligt und eingesperrt aus dem gleichen Grund, der dich zum Helden gemacht hat.“ (Ex-Tennisstar Martina Navratilova)

„Ein Gigant. Ali verkörperte eine Größe von Talent, Courage und Überzeugung, die die meisten von uns niemals in der Lage sein werden zu verstehen.“ (Ex-Boxweltmeister Lennox Lewis)

61 Kämpfe, 56 Siege

Muhammad Ali wird am 17. Januar 1942 als Cassius Clay in Louisville (Kentucky) geboren. Der Vater ist Schildermaler, die Mutter Haushaltshilfe

Er bestreitet von 1960 bis 1981 insgesamt 61 Profikämpfe (56 Siege, davon 37 durch K.o, fünf Niederlagen). Seinen letzten Kampf hat er im Dezember 1981 in Nassau (Bahamas) gegen Trevor Berbick. Er verliert, schon von Parkinson gezeichnet, nach Punkten.

Erfolge: Olympische Goldmedaille im Halbschwergewicht 1960, Schwergewichts-Weltmeister nach WBA-Version 1964, 1967, 1974 – 1978 und 1978 – 1979; Schwergewichts-Weltmeister nach WBC-Version 1964 – 1967 und 1974 – 1978

Auszeichnungen: UN-Friedensbotschafter 1998 – 2008, Sportler des Jahrhunderts 1999, Otto-Hahn-Friedensmedaille in Gold 2005, Freiheitsmedaille 2005

Seine letzte Ruhe soll er in seiner Heimatstadt Louisville finden.

„Großartig wie ich“ – Alis Sprüche

„Ich bin so schnell, als ich letzte Nacht das Licht in meinem Hotelzimmer ausgemacht habe, war ich im Bett, ehe es dunkel war.“

„Es ist schwer, bescheiden zu sein, wenn man so großartig ist wie ich.“

„Ich werde ihn so übel schlagen, dass er einen Schuhanzieher braucht, um seine Mütze aufzusetzen.“ (Vor dem Kampf gegen Floyd Patterson 1965)

„Cassius Clay ist ein Sklavenname. Ich habe ihn nicht gewählt, und ich will ihn nicht. Ich bin Muhammad Ali, der Name eines Freien, und ich verlange, dass ihn die Leute verwenden, wenn sie mit mir und über mich reden.“ (Ali nach dem Wechsel seines Namens)

„Ich habe George Foreman beim Schattenboxen gesehen, und der Schatten hat gewonnen.“ (Vor dem „Rumble in the Jungle“ gegen Foreman)

„Ist das alles, was du hast, George?“ (Ali während des Kampfes zu Foreman, nachdem der ihm schwere Treffer verpasst hatte)

„Joe Frazier ist so hässlich, wenn er weint, kehren seine Tränen um und laufen an seinem Hinterkopf herunter.

„Es ist nur ein Job. Gras wächst, Vögel fliegen, Wellen spülen Sand weg – ich verprügele Leute.“

„Boxen heißt, ein Haufen Weißer sieht zwei schwarzen Männern dabei zu, wie sie sich verprügeln.“

„Ein Mann, der die Welt mit 50 genau so sieht wie mit 20, hat 30 Jahre seines Lebens verschwendet.“

„Ich werde das Kämpfen nicht vermissen, das Kämpfen wird mich vermissen.“ (Ali übers Karriereende)

Peter Intelmann

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