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Seite Drei „Die wollten einfach nur töten“
Nachrichten Seite Drei „Die wollten einfach nur töten“
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22:58 23.10.2013
Heute ist der 50. Verhandlungstag des NSU-Prozesses. Gestern sagten die Zeugen des Rostocker Mordes aus. Quelle: dpa
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München

15 Jahre hatte Andreas M. (52) schon bei der Rostocker Mordkommission gearbeitet, aber so etwas wie diesen Tatort hatte er noch nicht gesehen. Fast zehn Jahre später erinnert er sich: „Es gab da nur diese riesige Blutlache auf dem Boden.“ Keine Spuren eines Kampfes, keine Zerstörungen, nicht den geringsten Blutspritzer an der Einrichtung. Der Ermittler glaubt, dass die Täter ihr Opfer erst überwältigt, dann am Boden fixiert und mit aufgesetzten Kopfschüssen hingerichtet haben. „Die Menschen, die hier reingingen, wollten nicht rauben oder zerstören. Die wollten einfach nur töten“, sagte M. gestern am 49. Verhandlungstag im Münchner NSU-Prozess.

Lange hat es gedauert, bis der Mord an Mehmet Turgut in einem Döner-Kiosk am 25. Februar 2004 in Rostock-Toitenwinkel aufgerollt wird. Im Kern geht es dabei um die mögliche Schuld von Beate Zschäpe und der vier Mitangeklagten, doch der Fall wirft bis heute weitere Fragen auf: War Mehmet Turgut ein Zufallsopfer, da er doch eigentlich nur spontan den eigentlichen Kioskbetreiber vertrat? Warum hörte bis auf einen Anwohner niemand Schüsse? Und wie kamen die mutmaßlichen Mörder Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt überhaupt auf diesen abgelegenen Ort am Rande des Neubaugebietes?

„Ich war da noch nie und hätte auch fast nicht hingefunden“, berichtet Andreas M. vor Gericht über seine Tatortarbeit am Morgen des 25. Februar. „Wir haben uns gefragt: Was sucht jemand in diesem Bereich?“ Der Kriminaloberkommissar schildert dann auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl aber auch, dass die nächste Autobahnauffahrt nur ein paar Kilometer entfernt sei. Es ist ein möglicher Anhaltspunkt für die gezielte Auswahl des Tatorts: Mundlos und Böhnhardt planten ihre Fluchtbewegungen meistens minutiös. Sie kamen im angemieteten Wohnmobil und fuhren die letzten Meter bis zum Tatort mit dem Fahrrad. Für beides gibt es im Rostocker Fall bislang aber weder Hinweise noch Beweise.

Als Andreas M. damals gegen 10.30 Uhr am Neudierkower Weg eintraf, war Mehmet Turgut seinen inneren Verletzungen nach mehreren Kopfschüssen bereits erlegen. Also untersuchte der Polizist das Innere des Döner-Verkaufsstands. Und stellte fest, dass der Grill bereits glühte und die Kaffeemaschine dampfte.

Die Verkleidungen an den Fenstern hatte Turgut abgenommen. Im Mülleimer vor der Tür steckte eine neue Mülltüte. „Alles machte den Eindruck, als wäre der Imbiss gerade eröffnet worden.“ Woher aber wussten die Täter, wann Mehmet Turgut die Geschäfte aufnahm? Öffnungszeiten standen jedenfalls nicht an der Kiosktür.

Der Mann, der anschließend aussagt, war vielleicht das eigentliche Ziel der Mörder. Wenn er sich am Morgen des 25. Februar etwas mehr beeilt hätte — vielleicht wäre Haydar A. dann nicht mehr am Leben. Offiziell betrieb er den Kiosk damals allein. Mehmet Turgut, mit dessen Vater er 1987 aus der Türkei nach Deutschland gekommen war und der sich zum Tatzeitpunkt illegal in Deutschland aufhielt, half manchmal bei ihm aus. Weil A. an diesem Morgen noch Gemüse vom Großhandel besorgen musste, verspätete er sich eine Viertelstunde. Am Kiosk angekommen, fand er den noch lebenden Turgut im Blut liegend. Er erinnert sich: „Er lag am Boden, es kam ein Geräusch von ihm.“ A. imitiert ein Röcheln des Sterbenden. Auf der Tribüne schlagen einige Besucher die Hände vor das Gesicht. „Ich habe mit der Hand an seinen Hals gedrückt, ihn hochgehoben und um Hilfe gerufen.“ Ein Passant rief schließlich den Krankenwagen. „Er war ein guter und einfacher Junge“, sagt A. leise.

Beate Zschäpe hat die Arme verschränkt und den Kopf leicht gesenkt. Es ist ihre typische Haltung während emotionaler Zeugenbefragungen.

Vorher, als Bilder des Tatorts und des blutüberströmten Opfers an die Wand geworfen wurden, putzte sie ihre Brillengläser und dann ihren Laptop. Ihre Verteidiger können nach diesem Verhandlungstag erneut einen kleinen Punktsieg verbuchen: Wie bei fast allen anderen Mordfällen auch ist eine direkte Mittäterschaft der Hauptangeklagten im Rostocker Fall wohl nur schwer zu beweisen.

Dafür sorgen die einstigen Ermittlungen der Behörden vor Gericht erneut für Unruhe. Jahrelang waren die Familien des Opfers und des Kioskbetreibers verdächtigt worden, selbst in den Mord und andere kriminelle Machenschaften verstrickt zu sein. „Ich wurde wie ein Beschuldigter behandelt. Was ich erlitten habe, weiß nur ich“, sagt Haydar A. Dass diese Ermittlungen nun im Prozess noch einmal recht ausführlich auf den Tisch kommen und von einigen Verteidigern immer wieder thematisiert werden, sorgt vor allem bei den Nebenklägern für Unmut. Bis Nebenklageanwalt Hardy Langer zum Gegenangriff ausholt: „Warum kann man eigentlich eine Ermittlungsrichtung schon nach einer Woche ausschließen?“, fragt er scharf. Bereits im März 2004 hatte die Rostocker Polizei einen ausländerfeindlichen Hintergrund ausgeschlossen. Langers Frage bleibt auch an diesem 49. Verhandlungstag unbeantwortet.

Die NSU-Morde und der Prozess
Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt lernten sich 1991 in einem Jugendclub in Jena kennen. Sie gründeten den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU).

Dem Trio werden mindestens zehn Morde angelastet. Von 2000 bis 2006 sollen Mundlos und Böhnhardt in verschiedenen Städten acht türkischstämmige und einen griechischen Kleinunternehmer erschossen haben. Bei einem Nagelbomben-Attentat vor türkischen Geschäften in Köln-Mülheim wurden 2004 insgesamt 22 Menschen verletzt. 2007 wurde auf einem Parkplatz in Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter (22) erschossen.

Der NSU-Prozess findet seit dem 6. Mai 2013 in München vor dem 6. Strafsenat des Oberlandesgerichts München statt. Fünf Angeklagte müssen sich verantworten.
Er war ein guter, einfacher Junge.“
Haydar A., Freund
des Opfers

Patrick Tiede

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