Menü
Lübecker Nachrichten | Ihre Zeitung aus Lübeck
Anmelden
Seite Drei Ein rätselhafter Zeuge - Nach der Aussage von Carsten S.
Nachrichten Seite Drei Ein rätselhafter Zeuge - Nach der Aussage von Carsten S.
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
23:32 21.06.2013
Der Angeklagte Carsten S. sitzt im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München (Bayern). Quelle: dpa
Anzeige
München

26 Stunden lang wurde Carsten S. vor dem Oberlandesgericht München vernommen, an acht Verhandlungstagen - aber noch immer bleiben Fragen offen. Vor allem eine: Warum er sich nichts Schlimmes dabei gedacht haben will, als er den polizeilich gesuchten Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe eine Pistole mit Schalldämpfer besorgte?

Carsten S. ist der einzige Angeklagte im Münchner NSU-Prozess, der überhaupt aussagt und Fragen beantwortet. Er ist einer der wichtigsten Zeugen der Anklage. Der 33-Jährige stieg vor langer Zeit aus der Neonazi-Szene aus. Vor allem, weil er dort nicht offen als Schwuler leben konnte. Auf den Fotos aus dem Gerichtssaal trägt Carsten S. immer eine blaue Kapuzenjacke. Sein Gesicht ist nie zu sehen. Sobald die Kameras draußen sind, zeigt sich ein gutaussehender Mann mit dunkelbrauner Ponyfrisur, stets in einem ordentlichen, mittelblauen Hemd.

Ausführlich erzählt S., wie der Mitangeklagte Ralf Wohlleben ihn zum Verbindungsmann zu den Untergetauchten machte. Und wie er schließlich den Dreien eine Waffe besorgte - wahrscheinlich jene „Ceska“ mit Schalldämpfer, mit der Mundlos und Böhnhardt neun Menschen ermordeten und deren Geschosse zur Signatur der NSU-Terroristen wurden. Noch im Prozess hat S. die Ermittler auf eine neue Spur gebracht: Zu einem Anschlag 1999 in Nürnberg, mit einer Rohrbombe die wie eine Taschenlampe aussah.

An anderen Stellen wird er jedoch seltsam unscharf. Vor allem, wenn es um die politischen Motive geht. Wenn Carsten S. versucht zu erklären, wie er zum Neonazi wurde, geht es nicht um Politik. Sondern um Erotik. Wie er zum erstem Mal Uwe Böhnhardt sah, beim Dartspielen. „Er hatte so eine braune Uniform angehabt und hohe Stiefel.“ Ein andermal habe er auf einer Party Skinheads getroffen. Sie hätten sich gegenseitig die Glatzen rasiert. „Das war super. Das hat mir Spaß gemacht. Ich denke, da war auch eine sexuelle Komponente dabei.“

Im Detail kann Carsten S. erzählen, was er damals anhatte, in seiner Zeit als Neonazi: Rangerboots mit Stahlkappe, schwarze Hose, Hemd, Barettkappe. Bei der Übergabe der Waffe: Einen Pulli mit der Aufschrift „ACAB“ - all cops are bastards. Darunter ein „Troublemaker“-T-Shirt. Als er gefragt wird, wie er seinen Ausstieg aus der Szene deutlich gemacht habe, fällt ihm zuerst ein, dass er sich neue Klamotten gekauft habe, in einem Skaterladen.

Wenn es aber um die politischen Motive geht, wird S. einsilbig. Warum sie einen Dönerstand umgeworfen hätten, will der Vorsitzende Richter wissen. „Ich gehe davon aus, dass es auch ein gewisses Feindbild war, diese Dönerbude“, meint S. Auf weitere Fragen ergänzt er: „Wenn da jetzt 'ne Bockwurstbude gestanden hätte, hätten wir das nicht gemacht.“

Auch wenn er erklären soll, was er gemeint habe, wenn er sich als „Nationaler Sozialist“ bezeichnete, kommt Carsten S. ins Stocken. Eigenartig für jemanden, der immerhin Funktionär bei den „Jungen Nationaldemokraten“ war, Schulungen für andere Mitglieder gab und später Sozialpädagogik studierte. Wenn S. von seiner Neonazi-Vergangenheit erzählt, klingt es nach Alkohol und Musik, nach Spaß und Randale. Nur dass am Ende zehn Menschen ermordet wurden.

Noch einsilbiger wird Carsten S., wenn es darum geht, was er sich dabei gedacht habe, als er den drei mutmaßlichen NSU-Terroristen die Waffe brachte. „Sind Sie davon ausgegangen, dass die Waffe überhaupt zum Einsatz kommt?“, will ein Nebenklage-Anwalt wissen. „Nein.“ Nächste Frage: „Warum haben Sie sie dann besorgt?“ Antwort: „Ich weiß es nicht.“

Irgendwann habe Ralf Wohlleben ihm erzählt, die drei hätten jemanden angeschossen. „Hoffentlich nicht mit der Waffe“, habe er da gedacht. Nach seinen Angaben müsste das vor dem ersten „Ceska“-Mord gewesen sein. Die Bundesanwaltschaft prüft, ob möglicherweise eine weitere Tat auf das Konto des „Nationalsozialistischen Untergrundes“ (NSU) gehen könnte. Vielleicht stimmen aber auch die Zeitangaben nicht. Vielleicht erzählte Wohlleben von einer heute bekannten Tat. Klar ist: Kurz nachdem Böhnhardt und Mundlos im September 2000 Enver Simsek erschossen, stieg Carsten S. aus. Von dem Mord habe er nichts gewusst.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!
Anzeige