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Seite Drei Eine Sache der Frauen!
Nachrichten Seite Drei Eine Sache der Frauen!
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09:58 11.11.2013
In einer "Brigitte"-Studie gaben  91 Prozent der 21- bis 34-Jährigen an, dass sie Kinder und Beruf wollen - nicht immer leicht unter einen Hut zu kriegen.
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Es sagt schon etwas aus über unsere Gesellschaft, wenn eine Familienministerin mit keinem Satz ihrer Amtszeit so viel Wirbel verursacht wie vor ein paar Wochen mit diesem hier: „Ich möchte zukünftig mehr Zeit für meine Familie haben.“ Kristina Schröder begründete ihren Rücktritt damit, dass sie „viele schöne Momente“ im Leben ihrer Tochter Lotte verpasst habe. Wütende Leserbriefschreiber, nicht nur, aber vorwiegend weiblich, warfen ihr anschließend vor, die Sache der Frauen zu verraten. Doch was ist „die Sache der Frauen“?
Man kann über die CDU-Ministerin und ihre magere Bilanz denken, was man will. Aber kann man ihr vorwerfen, ungewohnt ehrlich zuzugeben, dass sie den Spagat zwischen (Top-)Job und Mutterrolle nicht hinbekommt? Oder sich zumindest schlecht dabei fühlt?

Schröders war angetreten, die Bedingungen für Frauen zu verbessern. Gleichzeitig ist ihre Aussage ist authentischer als so vieles, was wir im Politikbetrieb vorgesetzt bekommen. Und birgt im Kern tatsächlich Zündstoff: Könnte es sein, dass es gar nicht möglich ist, all das in ein paar Jahrzehnten Frauenleben unterzubringen, was heute von der Politik gefordert und zum Teil gefördert wird, als da wären Karriere (zumindest finanzielle Eigenversorgung) und Mutterschaft? Dazu noch das, was die Allgemeinheit heute von einem erfüllten Leben erwartet: Glückliche Partnerschaft, selbstverwirklichende Hobbys, gesunde Lebensführung.
„Frauen verlangen sich immer noch zu viel ab“, heißt es im „Trend Update“ des Zukunftsinstituts von Matthias Horx. „Sie können nicht gleichzeitig im Beruf brillieren, den perfekten Haushalt führen, die Mama sein, die 24 Stunden auf Abruf steht – und gleichzeitig liebevolle Ehefrau und femme fatale.“ Diese Ansprüche führen zu Frust, einer Menge Frust.

Deutschland einig Frauenland? Wohl kaum. Es heißt „Alle auf die Frauen“ (Mehr von euch in die Vorstandsetagen! Und mehr Kinder kriegen!), „Alle auf die Mütter“ (Schnell zurück in den Job! Kinder nicht zu früh in die Kita!), „Mütter gegen Mütter“ (Was hat dein Erziehungskonzept, was meines nicht hat?), „Kinderlose gegen Mütter“ (Rücksichtnahme? Ihr habt es doch so gewollt!) und „Mütter gegen Kinderlose“ (Karrieregeile Egoisten!).

Und alles gerät durcheinander. Bis an einen Punkt, an dem eine Frau, die mit Mitte 30 oder 40 (noch) kein Kind hat, sich genauso unter Rechtfertigungsdruck fühlt wie eine Mutter, die ihr Kind mit einem Jahr (und damit mit Auslaufen des Elterngeldes) in die Kita eingewöhnt, als auch die Mutter, die dies erst zwei Jahre später vorhat. Sie alle kennen das Gefühl, etwas falsch zu machen, da die Vorgaben so mannigfaltig sind – und sich zum Teil gegenseitig ausschließen.
Jedenfalls noch. Denn dass sich auf den einzelnen Schauplätzen etwas tut, ist unbenommen. In Hamburg gibt es inzwischen so viele Krippen, dass das „Abendblatt“ von Gruppen berichtete, in denen zwei Erzieherinnen vorübergehend zwei Kinder betreuen.

Warben die Parteien zur Wahl noch unpräzise mit dem Slogan „Mehr Kitaplätze!“, wünschen sich Eltern Qualität. Sowohl der gesunde Menschenverstand als auch Familien-Gurus wie der Däne Jesper Juul („Wem gehören unsere Kinder?“) schlagen Alarm, wenn das Wohl der Kleinsten überdeckt wird vom n ökonomischen Zwängen und demInteresse des Staates an der Arbeitskraft qualifizierter Frauen – mit möglichst kurzer Mamapause. Die ist deshalb lukrativ, weil Mütter, deren Kinder einen Betreuungsplatz haben, im Schnitt 700 Euro mehr verdienen als Mütter ohne – und entsprechend mehr Steuern zahlen.

Untersuchungen zeigen allerdings, dass knapp ein Viertel der Ein- bis Dreijährigen in der Krippe ein relativ hohes Niveau des Stresshormons Kortisol aufweist. Sind Eltern gezwungen, dies in Kauf zu nehmen, weil die Lebenshaltungskosten so hoch und die Arbeitgeber nicht flexibel genug sind,ist der „gelungene“ Kita-Ausbau nur die halbe Wahrheit. Es sind dabei vor allem die Frauen, die dieses belastende Dilemma aushalten müssen.
Mehr Kinder haben sie trotz der Kita-Offensive interessanterweise auch nicht bekommen. Und das, obwohl 91 Prozent Kinder und Beruf wollen, was die neue „Brigitte“-Studie unter 21- bis 34-Jährigen jüngst ergab. Was die Vereinbarkeit dieser Ziele angeht, stimmte mehr als die Hälfte der Aussage „Wer Kinder hat, kann keine wirkliche Karriere machen“ zu.

Die befragten Mütter fühlen sich beruflich ausrangiert. Und obwohl viele Firmen flexiblere Arbeitszeitmodelle, Heimarbeit (bereits in jedem dritten Unternehmen möglich), Kinderbetreuung und Mentorinnen-Programme auflegen: Dass „Frauen und Männer dieselben Chancen haben“ findet bisher nur jede vierte Frau.
Warum aber denkt jede Einzelne über sich selbst, dass es bei ihr anders laufen sollte, könnte, müsste? Vermutlich, weil sie ständig aufgefordert wird, mehr aus sich herauszuholen. Dabei bleibt viel zu tun, bis man den oft unterstellten „Mangel an Aufstiegswillen“ tatsächlich als Kern der Problematik bezeichnen könnte. Die Schriftstellerin Pia Ziefle („Suna“) plädiert deshalb dafür, sich dem „kräftezehrenden Konkurrenzkampf um das richtige Lebensmodell“ zu entziehen. Die Sache der Frauen voranzutreiben, dabei jedoch realistisch Möglichkeiten und eigene Wünsche im Blick zu behalten. Meg Whitmann, CEO des Technologie-Konzerns Hewlett Packard, rät ihren Geschlechtsgenossinnen: „Finden Sie heraus, was wichtig ist, worin Sie richtig gut sind, und was Sie loslassen können. Und dann lassen Sie los.“

Annika Reichardt

Die „gläserne Decke“ – bald von gestern?

Frauenförderung zahlt sich aus. Laut einer Studie der Credit Suisse steigen die Aktien, wenn mindestens eine Frau in der obersten Führungsetage sitzt. Gemischte Teams fänden ganzheitlichere, krisenfestere Ansätze, seien kreativer, produktiver und gut fürs Arbeitsklima.
Ein Drittel der jungen Frauen hat den Eindruck, ihnen werde der Zugang zu Spitzenpositionen verwehrt. Der Frauenanteil in Vorständen und Aufsichtsräten bei Dax-Unternehmen: elf Prozent.
1000 Euro: So hoch ist der durchschnittliche Zuschuss des Staates für einen Kitaplatz – das ist mehr als viele Frauen in der gewonnen Arbeitszeit erwirtschaften können. Insgesamt fließen 200 Milliarden Euro jährlich in die Familienförderung.

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