Volltextsuche über das Angebot:

16 ° / 2 ° wolkig
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Eine Schule wie in Bullerbü

Techau Eine Schule wie in Bullerbü

Die kleine Grundschule von Techau ist eine der wenigen im Land, in der Kinder der ersten bis vierten Klasse gemeinsam unterrichtet werden.

Voriger Artikel
„Ich dachte: Hoffentlich schafft er‘s übers Haus“
Nächster Artikel
Schöne Schweinerei

Gemeinsam geht es manchmal besser: Matilda und Lynn (beide 6) rechnen mit den Fingern.

Techau. Matilda (6) sitzt vor ihrem Übungsheft und rechnet: 7-5=2. Die gleichaltrige Lynn, die neben ihr sitzt, ist im Heft eine Seite weiter. Und Til-Luis (8) am Tisch nebenan ist sogar zwei Klassen weiter. Er schaut rüber zu seinem Sitznachbarn Benjamin (10), der schon in der Vierten ist: Multiplizieren mit großen Zahlen. „Sieht gar nicht so schwer aus“, findet Til-Luis.

Mathestunde in der Otfried- Preußler-Grundschule Techau (Kreis Ostholstein). Eine Schule, wie es sie fast nirgendwo sonst im Land gibt: Eine „Zwergschule“ , in der die Kinder aller vier Klassen gemeinsam lernen.

Die Tür zum Klassenzimmer steht offen, die Schüler unterhalten sich leise, es herrscht eine konzentrierte Atmosphäre. Lehrerin Michaela Heimann (47), zugleich Schulleiterin, geht von Tisch zu Tisch.

Etwa 20 Kinder sind in dieser Lerngruppe, die sich nach einem von Preußlers Büchern „Gespenster“ nennt. Alle wirken zufrieden und fleißig. Eine Art Bullerbü, ein Stück heile Welt?

Vielleicht. Doch: „Der Standort ist gefährdet“, räumt Martina Heimann ein. Im letzten Jahr gab es noch die „Gespenster“, die „Wassermänner“ und die „Hexen“. Der klassenübergreifende Unterricht — ein neues Konzept, das erst 2013 eingeführt wurde. Doch in diesem Schuljahr sind es noch zwei Lerngruppen — und im nächsten? „Wir rechnen derzeit mit 27 Anmeldungen“, sagt Heimann. Und das ist vielleicht zu wenig.

Was schade wäre, denn, das bestätigen laut Michaela Heimann die Kollegen weiterführender Schulen: Die Kinder aus Techau haben nicht nur das gleiche Wissensniveau wie Kinder anderer Grundschulen. Sie haben darüber hinaus eine größere Sozialkompetenz und lernen selbstständiger. Heimann: „Ich erlebe selten, dass Kinder sich streiten — und wenn, regeln sie es meist untereinander.“ Hänseleien gebe es so gut wie nie. Die Kleineren lernen von den Größeren, manchmal auch umgekehrt.

Nicht wenige Eltern sind begeistert vom Konzept der Otfried-Preußler-Schule. Manche schicken ihre Kinder sogar aus Lübeck oder Bad Schwartau. Stine und Wolfram Petraschewsky haben ihre Tochter Matilda in Techau angemeldet, obwohl sie im Nachbarort Pansdorf wohnen. Offiziell ist die Techauer Schule seit 2012 der Pansdorfer angegliedert. Doch Pansdorf hat 120 Schüler und macht „normalen“

Klassenunterricht. Martina Heimann leitet nun beide Häuser und macht auch in beiden Schulen Unterricht. Sie hat den Vergleich, kennt alle Vor- und Nachteile.

Das Konzept, an dem jedes Jahr weiter gefeilt wird, gehe auf, sagt Heimann. Der klassenübergreifende Unterricht ist für sie zukunftsträchtig. „Es ist eine Forderung unserer Zeit, dass wir individuell fördern müssen bei jedem Kind.“

Was bei den Techauer „Gespenstern“ offensichtlich bestens funktioniert: Während in der Mathestunde die Kinder an ihren Tischen selbstständig rechnen, holt Michaela Heimann den zehnjährigen Bennet an die Tafel und zeigt ihm das Multiplizieren mit großen Zahlen. Sie geht von Tisch zu Tisch, spricht mit einzelnen Schülern, sieht sich die Rechenergebnisse an. Sozialpädagogin Julia Haberditzl (39) kümmert sich derweil vorwiegend um die beiden Förderkinder, die in die Lerngruppe integriert sind.

Schulrat Manfred Meyer aus der Kreisstadt Eutin gefällt das Konzept. „Es ist schon faszinierend, was da passiert“, bekräftigt er. „Ich unterstütze das inhaltlich.“

Sein Kollege, Schulrat Gustaf Dreier aus Lübeck, nennt die Rückkehr zu klassenübergreifendem Unterricht aus pädagogischer Sicht gar „revolutionär“. Auch in der Grundschule Rangenberg (Lübeck-Kücknitz) werden Schüler der 1. bis 4. Klasse seit einem Jahr gemeinsam unterrichtet.

Schon der Schriftsteller und Pädagoge Walter Kempowski, lange Zeit Lehrer an einer Zwergschule in Niedersachsen, bedauerte 1980 die Abkehr von diesem seltener werdenden Unterrichtsmodell. „So wie es einen Umweltschutz gibt, der den Rest erhaltenswerter Qualitäten bewahrt, so sollte auch in der Schule ein Bewusstsein wirksam werden, das der Vermassung entgegenwirkt“, forderte der Autor.

In Techau steht die Gemeinde als Schulträger zum Standort. Die Außenstelle könne „auch mit 27 Kindern weiterlaufen“, so Schulrat Meyer. „Aber bei weniger Anmeldungen muss die Schulkonferenz sagen, wie es weitergehen soll.“

Wieso trotz des guten Willens aller Verantwortlichen die Anmeldezahlen in Techau drastisch sinken, kann Schulleiterin Heimann sich nicht erklären. Es sei wohl die Angst, das eigene Kind könne im Unterricht zu kurz kommen, mutmaßt Vater Petraschewsky. Sicher habe auch die Diskussion um den Fortbestand der Schule viele Eltern abgeschreckt. Verstehen kann er das alles nicht. „Diese Schule ist ein Juwel“, ist er überzeugt.

Rückläufige Schülerzahlen im Land

Die Grundschule Techau gibt es seit gut 100 Jahren. Seit 2012 ist sie Außenstelle der Grundschule Pansdorf. Derzeit hat Techau 43 Schüler, die in zwei Lerngruppen klassenübergreifend (1.-4. Klasse) unterrichtet werden.

Klassenübergreifender Unterricht war bis in die 60er Jahre auf dem Land verbreitet. Mit wachsenden Kinderzahlen wandte man sich von dieser Unterrichtsform ab. Eine Ausnahme sind die Inselschulen auf den Halligen, aufgrund ihrer niedrigen Schülerzahlen. Derzeit gibt es drei Halligen mit Schulkindern: Langeneß, Hooge und Nordstrandischmoor.

Der Trend geht in den letzten Jahren wieder mehr zum klassenübergreifendem Lernen. Die erste und zweite Klasse werden in Grundschulen nicht selten gemeinsam unterrichtet. Auch in der Grundschule Rangenberg (Lübeck-Kücknitz) lernen Kinder der 1.-4. Klasse seit letztem Juni gemeinsam in „Familienklassen“. In der Grundschule Puttgarden auf Fehmarn gab es das Modell von 2006 bis 2012.

Die Schülerzahlen in Schleswig-Holstein sind insgesamt rückläufig. Die Zahl der Schulanfänger sank von 103170 im Schuljahr 2010/11 auf 96419 im Schuljahr 2014/15.

Marcus Stöcklin

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Seite Drei
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. An dieser Stelle finden Sie die Galerie für den April 2017.

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Lifestyle

    Unser Lifestyle-Portal mit nützlichen News und Tipps: Informieren Sie sich über Mode, Beauty und aktuelle Trends. Mehr Schwung, mehr Spaß... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Kommentar

Bissig, polemisch, kontrovers: Kommentare aus den LN.

TV-Vorschau

Unsere Kolumne zeigt, wo sich das Einschalten lohnt.

Sonntagsreden

Von Börse bis Fußballplatz - Blogs unserer "Edelfedern".

Kreuzwort

Auch online wartet täglich ein neues Rätsel auf Sie. Jetzt rätseln!

Sudoku

Bleiben Sie geistig aktiv – mit japanischem Gehirnjogging.

25. April 2017 - Alev Doğan in Allgemein

Welches Glück müssen wir jahrzehntelang gehabt haben, dass wir in Frieden und relativ sicher in Deutschland leben konnten – mit all den Türken, die das Land bevölkern.

mehr