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Seite Drei Eine Übergangsregierung der Militärs ist wieder möglich
Nachrichten Seite Drei Eine Übergangsregierung der Militärs ist wieder möglich
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08:57 03.07.2013
„Die Militärs sind zwar eine gewaltige wirtschaftliche Macht, haben aber kein unmittelbares Interesse an der politischen Machtausübung.“  Prof. Dr. Henner Fürtig

Professor Dr. Henner Fürtig ist   Direktor des GIGA Instituts für Nahost-Studien in Hamburg.

Lübecker Nachrichten: Wie mächtig ist Ägyptens Armee?

Henner Fürtig: Sie ist eine der wenigen stabilen Institutionen, die Ägypten gegenwärtig noch hat. Seit mehr als 50 Jahren ist sie die Macht im Hintergrund, hat die Präsidenten bis Mubarak gestützt und die anschließende Übergangsphase an vorderster Front geleitet. Jetzt ist sie, wie das Ultimatum zeigt, eine ganz wichtige wenn nicht die wichtigste politische Kraft im Land.

LN: Und nach wie vor ein Staat im Staate?

Fürtig: Das kann man nicht sagen. Die Militärs sind zwar eine gewaltige wirtschaftliche Macht, haben aber kein unmittelbares Interesse an der politischen Machtausübung. Sie halten sich lieber im Hintergrund und gewinnen auf der ökonomischen Seite.

LN: Sind sie politisch zuzuordnen?

Fürtig: Sie haben kein bestimmtes Programm und wollen keine bestimmte politische Idee oder Vision umsetzen. Aber sie haben sich auf jeden Fall die Bewahrung der nationalen Einheit auf die Fahnen geschrieben. Daher kommen auch immer wieder ihre mahnenden Worte an die Politiker, diese Einheit nicht aufs Spiel zu setzen — und die Drohung, einzuschreiten, wenn sie die Sicherheit des Landes gefährdet sehen.

LN: Eine Übergangs-Militärregierung wäre also durchaus möglich?

Fürtig: Das hat es ja schon gegeben, und es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich das ein weiteres Mal vorzustellen. Am meisten zu befürchten hat Präsident Mursi aber gegenwärtig von den Hunderttausenden, die auf die Straße gegangen sind. Die wollen direkt einen Machtwechsel herbeiführen, während das Militär mit dem Ultimatum erreichen will, dass sich die verfeindeten Parteien an einen Tisch setzen. Aber es ist eben die größte Schwäche der Opposition, dass sie so vielgestaltig ist, nicht mit einer Stimme spricht und keine Führungspersönlichkeiten hat.

LN: Wie könnte die Zukunft nach einer Militärregierung aussehen?

Fürtig: Gesetzt den Fall, die Militärs machen ihre Ankündigung wahr, dann wird wahrscheinlich eine Regierung der nationalen Einheit eingesetzt werden. Sie bestünde eher aus Technokraten und Experten und müsste in einer Übergangsphase von minimal einem Jahr die dringendsten Wirtschaftsfragen lösen und Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds zur Streckung der Kredite führen. Die Lebensumstände im Lande haben sich weiter dramatisch verschlechtert, bis in die Mittelschicht hinein, und das ist es, was die Menschen auf die Straße treibt. Interview:

Peter Intelmann

LN

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