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Seite Drei „Es war wie ein Erdbeben“
Nachrichten Seite Drei „Es war wie ein Erdbeben“
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20:26 13.08.2015
Auch eine Metro-Station in der Stadt wird zum Einsturz gebracht.

Tianjin — Ein Feuerblitz erhellt die Nacht, heftige Explosionen folgen, die Erde bebt: Es ist eine halbe Stunde vor Mitternacht, als über der nordchinesischen Hafenstadt Tianjin eine große pilzförmige Wolke bis zu hundert Meter in den Himmel steigt wie nach einem gewaltigen Bombenangriff. Die Zerstörungen im Hafengelände des Binhai-Distrikts sind enorm, Feuer breitet sich in einem weiten Umkreis aus. Am Morgen danach sieht die Gegend aus wie ein Kriegsgebiet. Man zählt mindestens 50 Tote und mehr als 700 Verletzte, Dutzende davon schwer. Viele werden noch vermisst. Es ist verheerend.

Trümmer sind selbst weit entfernt in Häuserwände eingeschlagen und haben Menschen verletzt. Die Druckwelle war kilometerweit zu spüren. Sie drückte Fenster ein, zerstörte Häuser, kippte Schiffscontainer um. „Wie ein Erdbeben“ oder „wie im Krieg“, sagen Augenzeugen immer wieder.

Unter den Opfern sind auch mindestens zwölf Feuerwehrleute. Ein Arzt weint, als die Leiche eines Retters in seine Klinik gebracht wird, noch in Uniform und die Haut schwarz vom Rauch. Die Feuerwehrmänner waren zu einem Brand in einem Lagerhaus für Gefahrgüter gerufen worden, als Chemikalien explodierten, womit die Katastrophe ihren Anfang nahm. Die Explosionen waren so heftig, dass sie als Erdbeben registriert wurden. Die erste Detonation erreichte die Stärke von drei Tonnen herkömmlichen Sprengstoffs TNT, meldete das seismologische Amt. Die zweite war siebenmal stärker.

Der Wanderarbeiter Wang Yongyong stand gerade unter der Dusche seiner Unterkunft, als die erste Druckwelle Türen und Fenster eindrückte und ihn drei, vier Meter wegschleuderte. Nur in Unterhose und mit einem Latschen rannte er raus, als eine weitere Explosion folgte. „Die zweite Druckwelle war noch viel stärker, die Decke krachte ein“, schildert er dem Webportal Sina. „Ich sah einen riesigen Feuerball, fühlte einen heißen Wind auf meinem Gesicht und hörte dann eines der lautesten Geräusche in meinem Leben“, berichtet der Bauarbeiter Wang He, noch immer deutlich geschockt. Er schlief gerade in seiner Unterkunft, keinen Kilometer vom Unglücksort entfernt. Er erwachte mit einem heftigen Ruck, als sein Kopf gegen die Wand schlug. Jetzt sitzt er hier in der Notaufnahme einer Klinik und wartet darauf, behandelt zu werden. In einem Krankenhaus in der Nähe des Explosionsorts sitzt der 50-jährige Wachmann Zhang Hongjie mit bandagiertem Kopf. „Die Explosion war schrecklich, ich bin fast bewusstlos geworden“, erzählt er. Seine Arme sind mit Schnitten von Glassplittern übersät. „Entschuldigung, ich kann immer noch nicht klar denken, ich bin etwas durcheinander“, sagt er. Und dass er jetzt obdachlos sei, sagt er auch.

Am Tag danach ist die genaue Ursache sowie das Ausmaß der Zerstörung und der Gefahren noch unklar. In den frühen Morgenstunden ist die Konzentration von Chemikalien in der Luft so schlimm, dass den Menschen die Augen tränen. Feuerwehrleute fühlten sich unwohl. Aus dem nur eine gute Autostunde entfernten Peking wird ein 214-köpfiges Spezialteam der Volksbefreiungsarmee für biologische, chemische oder nukleare Unfälle mobilisiert, berichtet der Staatssender. Auch werden wohl weitere Explosionen befürchtet, weshalb die Bergungsarbeiten zumindest vorübergehend ruhen.

Zudem werden die Informationen über das Unglück stark eingeschränkt (siehe unten). Chinesische Medien dürfen nur noch Berichte der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua weitergeben und werden angewiesen, nicht selbst zu recherchieren. Da hat die „Beijing News“ aber schon von 42 Leichen allein im nächstgelegenen Hospital berichtet — ein Zeichen, dass die Zahl der Toten zumindest bis dahin schon höher ist als offiziell angegeben.

Am Nachmittag stellen sich Behördenvertreter vor die Kameras und nennen neue Opferzahlen. „Wir sind sehr unglücklich über diesen Zwischenfall“, sagte Zhang Yong, Distriktchef von Binhai. Er lobt die Feuerwehrleute, und überhaupt stehen vor allem die Anstrengungen der Behörden im Vordergrund. Nachdem Präsident Xi Jinping und Regierungschef Li Keqiang „umfassende Anstrengungen“ gefordert haben, will die allmächtige Partei dem Volk wie immer nach solchen Katastrophen vermitteln: Wir haben die Situation im Griff. Das Leid, der Tod, die Zerstörung oder die Ursachen und Verantwortlichkeiten für das Unglück treten darüber leicht in den Hintergrund. Während über dem Binhai-Distrikt am Abend weiter die Rauchwolken in den Himmel steigen, werden landesweit schon neue Sicherheitsinspektionen in Lagerhäusern angeordnet. Da sind Manager der Firma Ruihai Logistics, der das zuerst explodierte Lagerhaus gehört, schon längst festgenommen und verhört worden.

Tausende Neuwagen verbrannt
Tianjin — Bei den Explosionen und Bränden in Tianjin sind auch Tausende importierter Autos zerstört worden, darunter mehr als 2700 von Volkswagen. Das meldete die chinesische Finanzzeitung „Yicai“. Der französische Fahrzeugbauer Renault berichtete von etwa 1500 vernichteten Wagen, der südkoreanische Konzern Hyundai beklagte den Verlust von rund 4000 Fahrzeugen.
Tianjin ist ein wichtiger Hafen für den Autoumschlag. Volkswagen hat in der Stadt gar ein eigenes Werk, nach eigenen Angaben das 18. in China und das 107. weltweit. Es laufen dort aber keine kompletten Fahrzeuge vom Band, es werden vielmehr Doppelkupplungsgetriebe hergestellt. Die Grundsteinlegung war im August 2012, im vergangenen November ist die Produktion angelaufen. In der ersten Ausbaustufe hat Volkswagen dort 265 Millionen Euro investiert. Bis zum Jahr 2019 sollen nach Konzernangaben 5500 neue Arbeitsplätze in der Region entstehen.
Auch Airbus ist in Tianjin vertreten. 2008 wurde in der Stadt als Joint Venture mit einem chinesischen Konsortium ein Werk zur Endmontage eröffnet. Bisher sind dort mehr als 200 Flugzeuge der Reihen A319 und A320 endmontiert worden. Das Werk war aber von den Explosionen und dem Brand nicht betroffen.
Tianjin ist ein Industrie- und Handelszentrum und einer der wichtigsten Außenhandelshäfen des Landes. Die Stadt zieht wie zahlreiche chinesische Metropolen Tausende Wanderarbeiter an. Viele von ihnen wurden bei dem Unglück verletzt. „Unsere Behausung sah aus, als hätte ein Riese in die Seite des Gebäudes geschlagen“, berichtete einer von ihnen. int
Großes Handelszentrum
15 Millionen Menschen leben in Tianjin, einer der größten Städte des Landes. Sie liegt rund 140 Kilometer südöstlich von Peking und zählt mit der Hauptstadt, Shanghai und Chongqing zu den vier Städten Chinas, die den Status einer Provinz genießen. Mit Peking gibt es eine Verbindung über eine Schnellbahnstrecke, in 30 Minuten ist man von einer Stadt in der anderen. Der Hochseehafen macht Tianjin zum wichtigen Handelszentrum.
Seifenopern statt Nachrichten
Ob Erdrutsch, Schiffsunglück oder Explosion: Wenn in China etwas Schlimmes passiert, sind verlässliche Informationen Mangelware. Auch nach der Katastrophe von Tianjin ließ
die staatliche Nachrichtenkontrolle nicht lange auf sich warten.
Die „New York Times“ berichtet, dass die Behörden kurz nach dem Unglück kritische Kommentare aus den Sozialen Medien entfernten. Die Internetpolizei von Tianjin habe davor gewarnt, „Gerüchte über den Unfall“ zu verbreiten. Nach mehreren übereinstimmenden Berichten strahlte der wichtigste Nachrichtensender von Tianjin Stunden nach der Explosion koreanische Seifenopern aus. Laut dem englischen „Guardian“ war gestern Nachmittag (Ortszeit) eine chinesische Firmen-Datenbank nicht zugänglich, mit der sich die Eigentümer des betroffenen Unternehmens hätten identifizieren lassen.
Das Internet hat die chinesische Öffentlichkeit zwar verändert: Unglücke nach Art traditioneller kommunistischer Propaganda ganz zu verschweigen, ist kaum noch möglich. Um so mehr aber bemüht sich die staatliche Zensur, den Zugang und die Verbreitung von Information in ihrem Sinn zu steuern und zu manipulieren — so wie nach dem Fährunglück auf dem Fluss Jangtse im vergangenen Juni. Damals berichtete die BBC von einer Anordnung der Kommunistischen Partei, die alle chinesischen Medien verpflichtete, ihre Reporter zurückzurufen und nur noch die Beiträge der staatlichen Nachrichtenagentur Xinhua und die Bilder des staatlichen Fernsehsenders CCTV zu verwenden. Auch ausländische Medien wurden am Unfallort behindert.
Im vergangenen Jahr hatte das Regime die Zensur verschärft. Seitdem dürfen Journalisten in ihren privaten Blogs und in Sozialen Netzwerken keine Nachrichten mehr verbreiten. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ führt China in ihrer „Rangliste der Pressefreiheit“ auf Rang 176 von 180 — vor Syrien, Turkmenistan, Nordkorea und Eritrea. kab
Tote und Verletzte
Bei gewaltigen Detonationen werden immer wieder Menschen getötet:



Juni 2015: Bei der Explosion einer Tankstelle in Ghanas Hauptstadt Accra gibt es 150 Todesopfer.



August 2014: 75 Menschen sterben, als in Kunshan (China) eine metallverarbeitende Firma explodiert.



August 2014: Mehrere Explosionen reißen in Kaohsiung (Taiwan) 25 Menschen in den Tod und verletzen mehr als 270. In dem Stadtteil verlaufen viele Leitungen von Chemiefirmen.
Offenbar hatte sich Propangas entzündet.



Dezember 2006: 284 Menschen kommen bei einer von Treibstoff-Dieben ausgelösten Explosion einer Pipeline in Lagos (Nigeria) ums Leben.



September 2001: Bei einer Explosion in einer Chemiefabrik nahe Toulouse (Frankreich) werden 31 Menschen getötet und rund 4500 verletzt. 10 000 Gebäude werden zerstört oder beschädigt. Die Wucht der Detonation entspricht einem Erdbeben der Stärke 3,4.


Mai 2000: Bei Explosionen in einer Feuerwerksfabrik im niederländischen Enschede sterben 22 Menschen, mehr als 1000 werden verletzt.

Andreas Landwehr und Benjamin Haas

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