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Flucht aus Syrien nach Lübeck

Lübeck Flucht aus Syrien nach Lübeck

Vor einem Jahr ist die Familie Brahim aus Syrien geflohen. In Lübeck ist sie nun in Sicherheit. Sie will zurück, aber niemand weiß, wann das möglich ist.

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„Es wird immer nur schlimmer“: Seher (l., 29) und Behzad Brahim (37) mit ihrem Sohn Juan (2). Übers Internet halten sie Kontakt zur ebenfalls geflohenen Familie.

Quelle: Foto: Lutz Roeßler

Lübeck. Behzad Brahim hat sich nie vorstellen können, Syrien mal verlassen zu müssen. Aber jetzt sitzt er hier in Deutschland in einer Stadt, von der er noch nie gehört hatte, in einer Wohnung mit weißen Wänden und einer blauen Couch. Seine Frau ist bei ihm, sein kleiner Sohn Juan, was Kurdisch ist und „Schönheit“ bedeutet, draußen kündigt sich der Herbst an, und er dreht und wendet in seinem Kopf die Frage, was werden soll mit ihnen und ihrem Land, mit ihrer Heimat.

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Rede an die Nation: US-Präsident Barack Obama.

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Sie stammen aus Hassake im Nordosten Syriens, einer Stadt in Kurdistan im Grenzgebiet zur Türkei. Er war Elektriker dort und hatte ein Textilgeschäft. Er heiratete seine Cousine Seher, eine Schneiderin und Designerin, sie bekamen ein Kind. Im April vor zwei Jahren war das, und es war auch die Zeit, in der die Proteste gegen das Regime von Baschar al-Assad begannen. Die Proteste gingen über in Gewalt, in blutige, grausame Kämpfe, sie bekamen schließlich eine weltpolitische Dimension. Syrer verließen ihr Land, Tausende jeden Tag, und Behzad Brahim wurde einer von ihnen.

In Europa, in Sicherheit

Er zahlte 25 000 Dollar an Schleuser, die seine kleine Familie mit einem Auto an die türkische Grenze brachten. In einem kleinen Bus ging es weiter nach Istanbul. Sie setzten sich in ein Flugzeug nach Hamburg, und als sie wieder ausstiegen, waren sie in einer völlig fremden Welt. Aber das war egal, wichtig war nur, dass sie irgendwo in Europa waren, in Sicherheit. Sie kamen in das zentrale Auffanglager des Landes nach Neumünster, lernten das Wort Asylverfahren kennen und erhielten eine Unterkunft bei der Gemeindediakonie in Lübeck. Seit zwei Monaten haben sie jetzt eine Aufenthaltserlaubnis für ein Jahr und seit August eine Wohnung im Stadtteil St. Jürgen.

Sie gingen nicht alleine fort. Behzad Brahims Eltern verließen ebenfalls das Land. Auch sie bezahlten Fluchthelfer, natürlich, und leben seit ein paar Monaten mit ihrem ältesten Sohn in der Türkei.

Eine Schwester schaffte es nach Dubai, ein weiterer Bruder nach Saudi-Arabien. Und wenn man Behzad Brahim fragt, was er am meisten vermisst, sagt er: „Meine Familie.“ Es gehe ihr gut, und gutgehen heißt: Sie ist in Sicherheit.

Sie halten Kontakt über das Internet, und überhaupt ist das Netz etwas, das ihn viele Stunden am Tag beschäftigt. Er verfolgt die Dinge zu Hause, er hält sich auf dem Laufenden. In der Nacht zu gestern hat er bis fünf Uhr morgens am Laptop gesessen und sich angeschaut, was US-Präsident Barack Obama in seiner Rede an die Nation zu sagen hatte. Es war nicht viel, es war jedenfalls nicht das, was er erwartet hatte. Er sei enttäuscht vom Westen, sagt er, „ja, leider“.

Er hat sich politisch engagiert in Syrien. Er ist auf die Straße gegangen und hat protestiert, 2006 zum Beispiel gegen ein Massaker an Kurden zwei Jahre zuvor. Sie warfen ihn dafür ins Gefängnis, 25 Tage, und der Dolmetscher Abdullah Mehmud sagt, er sei auch gefoltert worden.

Behzad Brahim hat sich vorbereitet auf den Besuch von der Zeitung. Er hat sich Notizen gemacht, arabische Schriftzeichen auf kariertem Papier. Es ist ihm wichtig, dass nichts vergessen wird. Und dann beginnt er zu reden von den vierzig Jahren, in denen das Regime der Familie Assad im Schatten des arabisch-israelischen Konflikts ihre Macht habe entfalten können. Vom Militär, in das Milliarden und Abermilliarden gesteckt würden. Von den Waffen aus Russland, die gegen das eigene Volk zum Einsatz kämen. Von der syrischen Unterstützung für die Radikalislamisten der Hamas und der Hisbollah. Von den Millionen Flüchtlingen. Und davon, dass das Regime die Verantwortung für den Giftgasangriff trage, bei dem im August in einem Vorort von Damaskus mehr als 1400 Menschen getötet worden seien, darunter 426 Kinder. Es gebe keine Zweifel, sagt er, „hundert Prozent“. Dann lässt er Bilder der Toten über den Laptop laufen, von zerbombten Häusern in Aleppo, von Panzern, einen CNN-Bericht über den Gasangriff zeigt er und weist dann auf das Foto eines Zimmers, in dem tote Kinder liegen, ein Raum voller kleiner lebloser Körper, und sagt: „Das ist sein Werk.“

Über die Gemeindediakonie hat Behzad Brahim einen Sprachkursus begonnen, im Oktober fangen seine Frau und er mit einem Integrationskursus an. Ihr Sohn geht in eine Kita. Sie kennen inzwischen ein paar Syrer in der Stadt, und sein Onkel wohnt in Kiel, Ismail Abdi, ein prominenter Rechtsanwalt und Menschenrechtler, der trotz seines deutschen Passes vor drei Jahren beim Besuch seiner todkranken Mutter in Syrien verhaftet und erst nach internationalen Protesten wieder freigelassen wurde.

Und natürlich wollen sie zurück nach Syrien, sagt er. Das sei ja ihr Zuhause, da kämen sie ja her. Aber momentan hat er kaum Hoffnung, dass das schnell passieren könnte. Also schaut er erst mal, dass er Deutsch lernt, dass er hier vielleicht Arbeit findet und Boden unter die Füße bekommt. In der Heimatregion sorgten inzwischen Terroristen für Unruhe, El Kaida und die islamistische Al-Nusra-Front.

Und der Westen könne sich nicht zu einem militärischen Einsatz gegen das Regime durchringen. Eine Lösung? „Schwierig“, sagt er. „Es wird immer nur schlimmer.“

USA mit den Russen an einem Tisch
Die USA und Russland wollen eine Einigung über konkrete Schritte zur Kontrolle der syrischen Chemiewaffen. Dazu treffen sich die Außenminister beider Länder, John Kerry und Sergej Lawrow, heute Nachmittag in Genf. Laut Diplomaten wollten die Minister zunächst ohne Beteiligung der UN bilateral die jeweiligen Vorstellungen erörtern und nach einem Konsens suchen.

Die Gespräche seien bis Freitag vorgesehen, könnten aber auch auf das Wochenende ausgedehnt werden. Russland hatte sich als Vetomacht im Weltsicherheitsrat bislang allen Sanktionen gegen das syrische Regime widersetzt.


US-Präsident Barack Obama hatte in der Nacht zu gestern in seiner Rede an die Nation zur Syrien-Krise erklärt, er habe Außenminister Kerry gebeten, mit Moskau einen diplomatischen Ausweg zu suchen. Obama forderte in seiner 15-minütigen Ansprache, dass Syrien seine Chemiewaffen aufgebe und letztlich vernichte. Andernfalls drohen die USA weiter mit einem Militärschlag gegen das syrische Regime. Der Giftgasangriff vom 21. August sei ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Die USA wüssten, dass Assad dafür verantwortlich sei.

Peter Intelmann

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