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Nachrichten Seite Drei Furchtbare Gewissheit im Fall Anneli
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20:18 18.08.2015
Abgesperrt: Polizisten stehen vor der Einfahrt zu dem Bauernhof im sächsischen Lampersdorf, wo die Leiche der vermissten Schülerin gefunden wurde. Quelle: Fotos: Arno Burgi/dpa

Dresden — „Alle Hoffnungen und Gebete haben sich nicht erfüllt.“ Dresdens Polizeichef Dieter Kroll schluckte, ehe er gestern Nachmittag um Fassung ringend die schlimmsten Befürchtungen im Fall Anneli bestätigen musste. Nach dem Fund der Leiche sei traurige Gewissheit, dass die 17-Jährige entführt und getötet wurde.

Die Unternehmertochter aus der Nähe von Meißen starb, weil sich zwei verschuldete Männer bereichern wollten und als Erpresser unplanmäßig vorgingen. „Verbrecherisch dilettantisch“, beschrieb Kroll ihr Handeln. Die Tatverdächtigen, die sich inzwischen in Untersuchungshaft befinden, handelten völlig chaotisch, nachdem sie Anneli überfallen hatten.

Anfangs stand als Motiv Bereicherung im Vordergrund. Als ihre Operation ohne sofortigen Erfolg blieb, wollten sie laut den Ermittlern vordergründig die Erpressung verdecken. Kroll sagte, der 39-jährige Koch und der 61-jährige Edelmetallhändler wollten 1,2 Millionen Euro Lösegeld per Onlinebanking überwiesen haben. „Das ist eine Sache der Unmöglichkeit in dieser Höhe.“ Eine Alternative fiel den Entführern nicht ein. Es soll insgesamt zehn direkte oder versuchte Telefonkontakte zwischen den Entführern und dem Vater gegeben haben. Aber obwohl die Familie zahlen wollte, blieb die Geldübergabe völlig unklar. „Es gab keinerlei Bemühen, an das Geld zu kommen“, meinte der leitende Kriminalbeamte Detlef Lenk. Doch möglicherweise war das Opfer da schon tot.

Das Mädchen ging am Donnerstagabend nahe dem Ort Luga in der Gemeinde Klipphausen mit dem Familienhund noch einmal Gassi, wo die Männer ihm auflauerten. Die 17-Jährige wurde überwältigt und in ein Auto verfrachtet. Etwa eine halbe Stunde nach der Entführung meldete sich ein Täter erstmals bei der Familie. Über Annelis Handy forderte er mit verstellter Stimme 1,2 Millionen Euro. Im Hintergrund waren Schreie zu hören. „Das ist ihr letztes Lebenszeichen“, sagte Kroll. Der Bauunternehmer fand kurz darauf das Fahrrad seiner Tochter und den daneben angebundenen Hund, einen Beagle, etwa zwei Kilometer vom Haus entfernt. Zwischenzeitlich alarmierte die Mutter die Polizei.

Der Polizeieinsatz rollte an, inklusive Spürhunde, Handyortung, Hubschraubern mit Wärmebildkamera und Durchsuchungen. Die Ermittler gingen auch mit einem Zeugenaufruf an die Öffentlichkeit. Insgesamt waren rund 1200 Beamte im Einsatz.

Die Entführer hatten sich nicht maskiert. „Sie konnten von der Entführten erkannt werden, das Risiko war ihnen zu hoch“, sagte Kriminaloberrat Lenk und nannte damit einen möglichen Grund, warum die Männer die 17-Jährige töteten. Wann, wo und wie die Gymnasiastin starb, wollten die Ermittler nicht sagen und verwiesen auf die laufende Obduktion. „Wir gehen derzeit von Freitag aus“, sagte Kroll.

Anneli starb demnach irgendwo auf dem Dreiseithof in Lampersdorf, auf dem dann Montagabend ihre Leiche, nackt und mit Erde bedeckt, gefunden worden war. Laut Lenk gibt es derzeit keine Anhaltspunkte für sexuellen Missbrauch. Allerdings ist der jüngere Verdächtige in der Vergangenheit unter anderem wegen eines Sexualdeliktes aufgefallen.

Zumindest einen Täter kannte Anneli vom Sehen. Möglicherweise sei der Kontakt beim Gassigehen mit dem Hund schon mit der Absicht erfolgt, sie zu kidnappen, so die Polizei. Der Mann lebte bis vor kurzem in der Nachbarschaft von Annelis Familie. Seine Frau wuchs in dem Dreiseithof auf, wo die Tote gefunden wurde. Die Täter sollen sich auch bei Facebook über ihr Opfer informiert haben.

Die im Polizeicomputer gespeicherte DNA des Kochs an dem Fahrrad des Mädchens brachte die Ermittler am Sonntag auf die richtige Spur. Bei der Oberservierung kam den Kriminalisten kurz darauf auch der 61-Jährige „ins Bild“, wie Kroll sagte. Die Männer kannten sich bereits länger, aber nicht besonders intensiv. Während der Ältere ein Teilgeständnis ablegte, schweigt der 39-Jährige bisher. Gegen beide wird nun wegen des Verdachts des gemeinschaftlichen Mordes und des erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge ermittelt. „Wir stehen aber erst ganz am Anfang“, sagte Kroll.

Das Verbrechen schockt die rund 10000-Seelen-Gemeinde Klipphausen, zu der 43 Orte gehören. Südwestlich von Meißen liegen weite Felder zwischen Hügeln und Gehöften, eine friedliche Landschaft.

„Wir sind alle entsetzt“, sagte eine Nachbarin. Sie kannte auch die Familie des 39-Jährigen. Er war mit Frau und zwei Kindern nach Bayern gezogen, das Haus steht zum Verkauf. „Ganz normale Nachbarn, nichts Auffälliges.“

Dank umfangreicher Gewerbeansiedlungen ist es eine wohlhabende und wachsende Gemeinde. Für viele junge Leute bietet die Idylle eine Alternative zum Leben in der Stadt. Annelis Vater genießt großes Ansehen, die Familie ist in der dörflichen Gemeinschaft sehr aktiv, wie der Klipphausener Bürgermeister Gerold Mann sagte. Unfassbar sei zudem, dass auch einer der mutmaßlichen Entführer bis vor kurzem dazu gehörte. „Wir stehen alle unter Schock, es ist für uns unfassbar, wir sind tief betroffen.“ Die Menschen beschäftige dabei nur eine Frage: „Warum?“

„Entführungen erwarten von den Tätern sehr hohen Aufwand“
Frank Roselieb (45) ist geschäftsführender Direktor und Institutssprecher des Krisennavigator — Institut für Krisenforschung in Kiel, ein „Spin-Off“ der dortigen Christian-Albrechts-Universität.



Lübecker Nachrichten: Wie wahrscheinlich ist es, dass Anneli zufällig Opfer einer Entführung wurde?

Frank Roselieb: Bei Entführungen handelt es sich selten um Zufallstaten. Die Täter müssen sich die Opfer vorher aussuchen, auch muss die Tat intensiv vorbereitet werden. Es handelt sich nicht um Autodiebstähle oder Einbrüche, bei denen man offene Türen nutzen kann. Die Durchführung einer Entführung erwartet von den Tätern sehr hohen Aufwand.



LN: Die Eltern haben sich an die Öffentlichkeit gewandt. Hat das den Druck auf die Täter nicht immens erhöht?

Roselieb: Ich glaube nicht, dass die Eltern den Weg in die Öffentlichkeit gewählt haben. Es werden eher die Polizisten gewesen sein, die diesen Schritt empfohlen haben.
Normalerweise wird dieses Vorgehen so lange es geht nach hinten verzögert, weil der Fahndungsdruck auf die Täter eben deutlich höher wird. Sie fühlen sich in die Enge gedrückt und möchten ihrerseits die Entführung schnellstmöglich beenden. Das Strafgesetzbuch sieht zwei Rücktrittsoptionen vor. Täter bekommen eine Straferleichterung, wenn sie das Opfer am Leben lassen und wenn es nicht zur Geldübergabe kommt. Das wollte die Polizei wohl signalisieren und ihnen so zeigen, dass sie keine Chance haben, zu entkommen. Es war taktisch richtig, so vorzugehen. Aber man nutzt dies als letzte Option, weil man nicht weiß, ob die Täter damit richtig umgehen können.



LN: Wie oft kommt es in Deutschland zu Entführungen?

Roselieb: Im Jahr rund 80 Mal, von denen rund 20 Versuche beim Tatausführungszeitpunkt vereitelt werden, indem das Opfer schreit oder wegläuft. Von den übrigen 60 Fällen werden 90 Prozent aufgeklärt. Entführungen sind für Täter auf den ersten Blick sehr verlockend, weil sie glauben, relativ leicht an relativ viel Geld zu kommen. Zum einen ist der Aufwand dann aber weitaus höher als befürchtet. Dazu fährt die Polizei einen enormen Apparat hoch.



LN: Um was für Tätertypen handelt es sich?

Roselieb: Eher um Ältere, meistens zwischen 35 und 55 Jahren. Viele von ihnen haben bereits Straftaten auf dem Kerbholz. Entführungen sind kein Zufallsverbrechen, das nebenbei begangen werden kann. Sie müssen sich in das Opfer hineinversetzen, zum passenden Zeitpunkt zugreifen, einen Verwahrort sicherstellen. Der Opfer-Täter-Kontakt ist ein sehr langer, es droht also die Enttarnung.



LN: Wenn es zur Lösegeldzahlung kam — dürfen sich Täter dann sicher fühlen?

Bergmann: Nein, Entführungen werden bei der Polizei nicht einfach ad acta gelegt.Viele Täter verraten sich spätestens bei der Lösegeld-Einlösung. Das hat auch den Entführern von Jan Philipp Reemtsma oder Richard Oetker ordentlich zugesetzt. Der Druck bleibt auch nach einer geglückten Lösegeldübergabe extrem hoch.
Interview: Carsten Bergmann
Sie ging mit dem Hund raus und kam nie wieder
Donnerstag, 13. August: Die Unternehmertochter verlässt das Wohnhaus der Eltern in einem Dorf bei Meißen am Abend gegen 19.30 Uhr mit dem Hund der Familie.



Freitag, 14. August: Ein Spürhund führt die Ermittler zu einem Hof am Feldrand. Am frühen Morgen durchkämmt ein Sondereinsatzkommando der Polizei das Anwesen. Allerdings finden die Beamten nichts.

Sonntag, 16. August: Die Polizei geht wegen einer Lösegeldforderung von einer Entführung aus. Die Eltern wenden sich per offenen Brief an die Täter.


Montag, 17. August: Auf einen Zeugenaufruf gehen mehr als 50 Hinweise ein. Die Polizei durchsucht Gebäude südlich von Meißen, darunter den Bauernhof in Lampersdorf, und nimmt in Bayern und Sachsen zwei Männer fest. Abends wird die Leiche gefunden.

Christiane Raatz, Simona Block, Andrea Hentschel

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