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20:24 19.10.2013
Eduard (54) und Ruth Hilligsberg (42) sind Kapitäne der Heilsarmee und leiten das Männer-Wohnheim in der Engelsgrube. Quelle: Fotos: Wolfgang Maxwitat
Lübeck

Er sei nicht der Traum aller Schwiegermütter gewesen, sagt Eduard Hilligsberg nach der Morgenandacht und blickt zu seiner Frau hinüber. Beide wissen: Das ist stark untertrieben. Eduard (54) und Ruth Hilligsberg (42) sind Kapitäne der Heilsarmee. Seit sieben Jahren leiten sie das Männerwohnheim an der Engelsgrube. Nach Eduard Hilligsbergs Vorgeschichte ist das eine Art Wunder.

Mit 16 fing er an zu trinken. Mit 18 ging er von Cannabis über Tabletten zu Kokain über. Um an Geld für Drogen zu kommen, wurde er zum Räuber. Er saß sieben Jahre im Gefängnis, zuletzt für einen bewaffneten Überfall. Er setzte sich nach Frankreich ab und lebte dort zwei Jahre lang auf der Straße. „Ich brauchte Minimum sechs Liter Rotwein am Tag, um normal zu sein“, sagt er.

Eines Tages brach er zusammen. Er kam in Mulhouse in die Psychiatrie. Von dort schickten sie ihn nach Freiburg ins Krankenhaus. Hilligsberg war ein großgewachsener Mann von Ende Dreißig. Er wog 48 Kilogramm. Er konnte nicht mehr als 40 Meter gehen, ohne zwischendurch Pause zu machen. Bei der ersten Visite sagte der Arzt: Ihre Leber ist so zerstört, in drei Monaten sind Sie tot. Eduard Hilligsberg dachte: Beten hat noch nie geschadet. Wenn es Gott gibt. . . — Er schlich sich in die Krankenhauskapelle und redete mit Gott: Ich verspreche dir, wenn du mich am Leben lässt, dann will ich nie wieder Alkohol anrühren. „Es war jemand da“, sagt er. „Heute bin ich überzeugt: Jesus war da.“ Er ging danach noch mehrmals in die Kapelle, aber nun nicht mehr heimlich. Als er das Krankenhaus verließ, sagt er, sei er wieder Christ gewesen. Zum ersten Mal, seit er 25 Jahre zuvor der katholischen Kirche den Rücken gekehrt hatte.

Er hatte Gott gefunden, aber eine Wohnung hatte er nicht. Die Frau, die bei der Stadt Freiburg die Wohnheimplätze verteilte, sagte ihm: Wenn Sie in ein Wohnheim gehen, wo gesoffen wird, sind Sie sofort wieder dabei. Sie besorgte ihm einen Platz im Männerheim der Heilsarmee. Dort war Alkohol streng verboten. Er fügte sich ein. Er trank nicht. Er besuchte den Gottesdienst. „Ich wusste gleich:

Das ist mein Ding“, sagt er. Er wurde Mitglied. „Ohne Uniform“, sagt er. „Die Uniformträger, das waren die da oben.“ Aber bald legte er doch die dunkelblaue Uniform der Heilsarmee-Soldaten an. Er hörte dafür mit dem Rauchen auf, von 60 Zigaretten am Tag auf Null.

Seine Leber wurde wieder gesund. Der Arzt, sagt er, habe es kaum glauben können. Und auch Eduard Hilligsbergs zerstörtes Leben wurde gesund, gegen alle Wahrscheinlichkeit. Er heiratete die Frau, die er bei der Heilsarmee kennengelernt hatte. Zusammen ließen sie sich ausbilden und wurden Offiziere, also Geistliche. Hilligsberg hatte nie eine Uniform getragen, die Bundeswehr hatte ihn ausgemustert. Jetzt fügte er sich ein in die Ordnung der Heilsarmee. „Als ich das erste Mal in Freiburg in Uniform Straßenbahn gefahren bin, haben alle mich angeguckt — und ich war stolz.“

Zum Gottesdienst und zu besonderen Anlässen trägt Eduard Hilligsberg die dunkelblaue Uniform mit den Schulterklappen. Im Arbeitsalltag trägt er ein Heilsarmee-Sweatshirt mit hochgekrempelten Ärmeln. Seine Unterarme sind tätowiert. Die alten Motive hat er sich im Gefängnis selbst gestochen:

Schlange, Schwert, Totenkopf. „Man hatte viel Zeit“, sagt er. Die neuen Motive hat ein Tätowierer gestochen: ein Gedenkspruch für den letztes Jahr verstorbenen Hund, eine Christusgestalt.

Die Männer im Wohnheim nehmen ihn ernst. „Weil die auch wissen, dass ich nicht nur fromm bin“, sagt er. Ein Süchtiger kann Eduard Hilligsberg so leicht nichts vormachen. Er kennt die Lügen und Ausflüchte der Alkoholkranken. Er weiß, was Abhängige erzählen, um an Geld für Drogen zu kommen. Weil er selbst gelogen und gestohlen hat. „Ich lauf‘ damit nicht Reklame“, sagt er, „aber ich versteck es auch nicht. Das sind Sachen, die ich bereue. Eine Frau in einer Spielhalle überfallen, das ist das Letzte. Aber ich habe das abgesessen, ich habe der Heilsarmee reinen Wein eingeschenkt, und Gott hat mir vergeben.“

Warten, bis der Tag endet
Das Schlimmste ist die Langeweile. Um den Tisch in der Diele des Männerheims in der Engelsgrube sitzen alte Männer, lesen Zeitung, lösen Kreuzworträtsel, reden oder schweigen. Es gibt einen Billardtisch und eine Tischtennisplatte, es gibt Bundesliga im Fernsehen, aber es ist immer mehr Zeit da als Beschäftigung. Besonders im Winter. „Hier sitzen, Kaffee schlabbern, dumm‘ Zeug reden, warten, bis der Tag vorbeigeht“, sagt einer.

37 Bewohner sind in Mehrbettzimmern untergebracht, manche nur ein paar Tage, einige ein ganzes Jahr, wenige auch länger. Zurzeit sind alle Plätze belegt, auch die acht zusätzlichen Notbetten und ein paar Liegen. Jeder Bewohner kann erzählen von Krankheit, Trennung, Arbeitslosigkeit, Sucht. Aber er rede mit den anderen über Sport, Frauen, manchmal Politik, sagt der Mann. „Ich würde mich keinem anvertrauen. Es gibt Zweckgemeinschaften, keine Freundschaften.“ 90 Prozent der Bewohner, sagt Heimleiterin Ruth Hilligsberg, seien süchtig. Am Monatsanfang, sagt ihr Mann Eduard, kämen viele betrunken herein. Sie werden nicht abgewiesen. Nur wer Alkohol hereinbringt, fliegt schnell raus.

Arbeit hat praktisch keiner. Nur zwei Ein-Euro-Jobber kann die Heilsarmee in Lübeck beschäftigen. Michael (28) kocht in der Begegnungsstätte „Salut“. Er kam ins Männerheim, weil er nach einer Suchttherapie keine Wohnung fand. Er erzählt: „Ich hab ein halbes Jahr nichts gemacht. Da gehst du ein. Dann lässt du alles schleifen.“ Er hat sich arrangiert, vorläufig. Er hat sogar Freunde gefunden. „Man hat ja auch die gleichen Schicksale erlebt.“ Aber Michael will unbedingt eine Wohnung finden. Er will arbeiten. Er ist jung. Er hat Hoffnung. kab

Hanno Kabel

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