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20:10 22.06.2013
Ein Getriebener: Jan Ullrich (r.), hier verfolgt von Lance Armstrong bei der Tour de France 2003. Quelle: Fotos: dpa, Imago (1)
Rostock

Seit Jahren war es ein offenes Geheimnis, jetzt hat Ex-Radprofi Jan Ullrich die Fakten bestätigt: Der Tour-de-France-Sieger von 1997 hat im Nachrichtenmagazin „Focus“ erstmals Blutdoping beim spanischen Skandalarzt Eufemiano Fuentes zugegeben. „Ja, ich habe Fuentes-Behandlungen in Anspruch genommen“, sagte der 39-Jährige. Er habe aber keine anderen Dopingmittel verwendet als sein eigenes Blut, behauptete Ullrich und wies Betrugsvorwürfe weiter zurück. Es sei ihm nur um gleiche Chancen gegangen. Kaum war sein überfälliges Outing gestern in den Medien, hagelte es Kritik von allen Seiten (s. unten).

Mit einem Geständnis in Raten und einer Interview-Offensive drängte der Olympiasieger zuletzt an die Öffentlichkeit und scheint damit eine zweite Chance für sich einzufordern. Bisher hatte er stets mit verklausulierten Aussagen seine Verwicklung in die schwarze Doping-Ära des Radsports eingeräumt, aber keine umfassende Beichte abgelegt. Im Vorjahr hatte er auch Kontakte zu Fuentes gestanden, nachdem er vom Internationalen Sportgerichtshof CAS für zwei Jahre gesperrt worden war. Die Sperre wurde rückwirkend vom August 2011 an ausgesprochen. Alle Ullrich-Resultate vom 1. Mai 2005 an wurden gestrichen.

„Betrug? Dem war nicht so“

„Fast jeder hat damals leistungssteigernde Substanzen genommen. Ich habe nichts genommen, was die anderen nicht auch genommen haben“, sagte Ullrich. „Betrug fängt für mich dann an, wenn ich mir einen Vorteil verschaffe. Dem war nicht so. Ich wollte für Chancengleichheit sorgen.“ Erfolge im Radsport seien am Ende eine Frage von Talent, Teamgeist, Siegeswillen und der Leistungsfähigkeit.

Fritz Sörgel, Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Heroldsberg, hält es allerdings für „unvorstellbar, dass er mit reinem Blutdoping ausgekommen ist. Wenn ein Sportler seinen Körper durch Blutdoping auf eine höhere Stufe bringt, wird fast immer mit Steroiden gearbeitet, um die stärkeren Belastungen aufzufangen“, sagte er. „Dass er bei Fuentes war, ist nur ein Teil der Geschichte.“

Gesundheitliche Schäden hat Ullrich durch die verbotene Leistungsmanipulation offenbar keine davongetragen. Ähnlich wie der überführte Dopingsünder Lance Armstrong muss er sich jetzt aber dem Imageschaden durch seine jahrelange Verschleierungstaktik und eventuellen Regressforderungen stellen. „Beide sind wir nicht davongekommen und schuldig. Ich bin nicht besser als Armstrong, aber auch nicht schlechter“, sagte Ullrich. „Die großen Helden von früher sind heute Menschen mit Brüchen, mit denen sie klarkommen müssen.“

Vor diesem Hintergrund empfahl ihm Stefan Schumacher, endlich reinen Tisch zu machen. Das ehemalige Mitglied des Teams Gerolsteiner war wegen Dopings selbst zwei Jahre gesperrt. „Ich hatte zuerst auch erst gesagt, okay, ich habe Fehler gemacht und habe gedacht, das verstehen die Leute. Aber das hat nicht gereicht“, sagte Schumacher. „Es ist wichtig, alles zu erzählen — das ist für dein Umfeld, deine Familie und dich selber am besten. Die Leute haben die Wahrheit verdient.“

Die Nationale Anti-DopingAgentur (Nada) will Kontakt zu Ullrich aufnehmen. „Für den sauberen Sport ist es wichtig, dass er nicht nur seine Vergehen zugibt, sondern auch die Namen anderer Beteiligter im Hintergrund nennt“, erklärte die Agentur.

Mit umfassenden Ullrich-Enthüllungen ist allerdings nicht zu rechnen. Tatkräftige Unterstützung bei der Aufarbeitung der dunklen Ära im Radsport hat die gestürzte Rad-Ikone erneut nicht angeboten. Er wolle die Vergangenheit ruhen lassen, so Ullrich im „Focus“: „Das Thema ist für mich abgehakt. Ich will nur noch nach vorne schauen und nie wieder zurück.“ Ullrichs PR-Berater Falk Nier (s. rechts) stellte klar: „Das Interview war nicht Ergebnis eines Sinneswandels, eher ein langer Arbeits- und Reifeprozess. Wir sind der Meinung, Jan hat juristisch nichts zu fürchten. Im Allgemeinen hatte er das mit seinen Anwälten abgeklärt.“ Juristische Zwänge gelten auch als der Hauptgrund von Ullrichs Strategie. „Ich habe mich entschieden, so viel zu sagen, wie ich kann. Alles andere war nicht möglich“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Der Ex-Profi sieht sich ohnehin eher als Kämpfer für einen neuen Radsport. In Zukunft will er Fahrradtouren für Hobbyradfahrer anbieten. Gesundheitlich gehe es ihm nach überstandenem Burn-out im Jahr 2010 wieder gut. „Zum Glück ging alles glimpflich aus dank meiner Frau und meinen Kindern“, sagte Ullrich vergangene Woche der „Sport Bild“. „Wenn ich allein zu Hause gesessen hätte, weiß ich nicht, was passiert wäre. Meine Familie hat mich gerettet.“

Eufemiano Fuentes — der Herr des Blutdopings
Der spanische Sportmediziner Eufemiano Fuentes (58) wurde im April dieses Jahres als Dopingarzt zu einem Jahr auf Bewährung und vier Jahren Berufsverbot verurteilt. Der erst nach mehreren Jahren in Gang gekommene Prozess in Madrid wurde von Dopingexperten in aller Welt als Farce kritisiert. Das Gericht habe sich kaum für die Wahrheitsfindung interessiert, hieß es. Auch die Anordnung, 200 Blutbeutel von Fuentes-Kunden zu vernichten, stieß auf breites Unverständnis.


Blutdoping ist seit Anfang der 70er Jahre bekannt und wurde 1988 vom Internationalen Olympischen Komitee als Dopingmethode verboten. Dabei werden dem Körper Blut, rote Blutzellen oder andere Blutzellenprodukte zugeführt. Das kann durch Eigen- oder Fremdbluttransfusion geschehen oder durch die Blutspende eines Lebewesens anderer Gattung.


Durch diese Maßnahmen wird die Erythrozytenzahl im Blut erhöht, das so mehr Sauerstoff transportieren kann. Gesundheitsrisiken bestehen vor allem bei der Fremdbluttransfusion.

Mögliche Folgen reichen von allergischen Reaktionen bis zu Nierenschädigungen.

„Ich wollte für Chancengleichheit sorgen.“
„Jan Ullrich über seine

Motivation fürs Doping.

Sven Busch

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