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„Heimatgefühle? Die habe ich in Lübeck“

Lübeck „Heimatgefühle? Die habe ich in Lübeck“

Morgen kommt der Film „König von Deutschland“ in die Kinos — in einer der Hauptrollen: Jonas Nay aus Lübeck.

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Nordlicht: Nach einem mehrjährigen Abstecher nach Rostock lebt Jonas Nay (22) heute wieder in Lübeck.

Quelle: Foto: Lutz Roeßler

Lübeck. Man wollte den Schauspieler eigentlich persönlich treffen, aber Jonas Nay, der Lübecker, der Musiker, der Grimme-Preisträger, ist schon wieder auf dem Weg zum nächsten Set. Diesmal nach Polen, wie blöd. Also verabredet man das Gespräch am Telefon; zur geplanten Zeit klingelt es dann auch; am Ende der Leitung zunächst aber — Stille. Neuer Versuch, dann, ah, eine Stimme.

Lübecker Nachrichten:  Hallo Jonas, sind Sie das? Alles gut bei Ihnen?

Jonas Nay: Bei mir ist alles super.

LN:  Was treibt Sie nach Polen?

Nay: Der Film heißt ,Sommersonnenwende‘; ist ein Film, der kurz vor Ende des II. Weltkrieges spielt. Erzählt wird die Geschichte eines deutschen jungen Soldaten und eines polnischen Jungen, deren Wege sich immer wieder kreuzen.

LN:  Ein Kriegsfilm?

Nay: Nee, das, was wir machen, ist zumindest nicht das, was man unter einem klassischen Kriegsfilm versteht, also mit ordentlich Kawumm. Es geht eher darum, wie Jugendliche in dieser Zeit Alltag erleben. Diese Absurdität fand ich total spannend. Ich habe mir vorher nie richtig Gedanken darüber gemacht, was Jungs in meinem Alter damals so gedacht und gemacht haben.

LN:  Aber in der Schule hatten Sie das Thema schon?

Nay: In der Schule haben wir uns vor allem mit dem Ablauf des Krieges beschäftigt, aber die menschliche Dimension, die hat mir gefehlt.

LN:  Haben Sie das Thema in der Familie debattiert; aktuell, meine ich?

Nay: Wenn ich meine Familie treffe, geht es nur um uns und nicht um die Geschichten, die ich gerade verfilme. Das ist auch wichtig für mich. Ich habe in der letzten Zeit sehr, sehr viel gedreht, und dann bin ich glücklich, wenn ich aus meiner Film-Welt mal wieder rauskomme.

LN:  Nach welchen Kriterien entscheiden Sie sich für einen Film?

Nay: Bei mir ist das ganz profan. Ich lese das Drehbuch und entscheide nach Bauchgefühl. Ich kann nur in Rollen schlüpfen, in denen ich mich wohlfühle, wo ich Lust habe, den Charakter zu skizzieren.

LN:  Und beim „König von Deutschland“ hat das funktioniert?

Nay: Die haben mich sofort damit gekriegt, als sie gesagt haben: Du spielst einen Musiker. Und dann durfte ich für den Film auch zwei Songs komponieren, das war mich eine Verkettung günstiger Umstände.

LN: Wie ist das denn so, mit alten Hasen wie Veronica Ferres und Olli Dittrich zu spielen?

Nay: Gerade mit Olli Dittrich war es total toll. Er ist auch jemand, zu dem ich aufgucke. Er ist ein unfassbar bodenständiger, netter Kerl. Er hat nicht nur meinen Filmvater, sondern auch den Daddy am Set gemimt. Ich vermisse die Zeit schon ein bisschen.

LN:  Weil es so etwas wie Familie war?

Nay: Alle ziehen an einem Strang, um ein gutes Produkt hinzukriegen. Das geht dann schon sehr familiär zu, und dann ist es auch genauso schnell wieder alles vorbei.

LN:  Und dann kommt die neue Familie?

Nay: Ein bisschen ist das wohl so, ja.

LN:  Im „König von Deutschland“ geht es um einen gewöhnlichen Mann, der am Ende auf Grund seiner Gewöhnlichkeit zu einer Art Held wird. Ein Loblied auf den Spießer also?

Nay: Alles, was der König von Deutschland anstellt, entspricht dem Durchschnitt der Deutschen. Er wird von einer Marktforschungsfirma ohne sein Wissen zur tragenden Stimme der Nation. Und als er das merkt, will er auf gar keinen Fall mehr durchschnittlich sein. In diesem Moment wird er zum Helden.

LN:  Das Spießertum siegt?

Nay: Wenn Sie so wollen. Ich selbst versuche gerade ein bisschen Normalität in mein Leben reinzukriegen. Die letzten drei Jahre waren eher Rock‘n‘Roll, und wenn ich dann nach Hause komme, versuche ich, den Spießer in mir zu entdecken.

LN:  Früh ins Bett, Bier ohne Alkohol?

Nay: Einfach mal ein bisschen Zeit für mich haben, runterkommen. Es ist so viel passiert, so viele Eindrücke, ich könnte mich jetzt erstmal ein halbes Jahr an die Ostsee setzen und das alles verdauen. Und die Zeit will ich mir auch nehmen. Wäre doch schade, wenn das alles so an einem vorbeifliegt und man sagt: Ja, ich habe viel gemacht, aber ich weiß nicht mehr genau, was. Jetzt habe ich in Lübeck meine erste eigene Bude,und das Letzte, was ich gerade habe, ist Fernweh. Also ein bisschen Normalität tut mir auf jeden Fall extrem gut.

LN:  Sie sehnen sich nach Heimat?

Nay: Ja, für mich ist es total wichtig, ein echtes Heimatgefühl zu haben. Und das habe ich in Lübeck. Da kenne ich meine Ecken, da habe ich meine Freunde, da ist meine Band, da habe ich meinen Handballverein, meine Familie.

LN:  Heimatgefühle hat nicht jeder.

Nay: Ich habe das ganz doll in Lübeck. Deswegen wird es mich so schnell nicht mehr wegziehen. Was mir auf jeden Fall fehlt, wenn ich im Süden drehe, ist das Wasser. Ich habe total gemerkt, wie sehr ich die salzige Luft vermisse. In die Berge könnte ich nicht ziehen; dafür bin ich zu sehr Nordlicht.

LN:  Dann bräuchte ja jetzt nicht mehr viel zu kommen. Zumal, wenn alles erreicht ist, oder?

Nay: Ach, ich weiß nicht. Da gibt es noch so viel zu tun. Ich habe nicht das Gefühl, dass jetzt irgendwelche Lebensziele gestorben sind, weil ich einen Preis gewonnen habe, darum geht es mir auch nicht.

LN:  Sondern?

Nay: Ich möchte als Pianist besser werden, mit meiner Band bin ich tierisch viel am Proben. Und irgendwann möchte ich eigentlich auch mal richtig Erfolg damit haben. Und beim Film: Da geht es mir in erster Linie darum, ob ich mir das selber gerne im Nachhinein angucke und ich mich nicht selber doof und langweilig finde. Und ob meine Familie oder meine Freunde sagen: Hey, das hast du gut gemacht — oder: Ey Dicker, das war echt peinlich. Interview: M. Hahnfeldt

LN

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