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21:13 26.11.2016
Im Laufe des Vormittags füllt sich der Lieferwagen mit Kartoffeln, Gemüse und Brot.

. Ein ganz normaler Tag bei der Tafel in Eutin. Neben dem Eingang des Hauses am Stadtgraben sind Kisten mit Lebensmitteln aufgestellt. Brötchen vom Vortag, angebräunte Bananen, Rettich, Radieschen, Salat. Es gibt auch ein paar Bücher, die irgendjemand gespendet hat: Ein Liebesroman, eine Seeräubergeschichte und „Märchen aus 1001 Nacht“.

Mitarbeiter der Tafel Eutin holen Lebensmittel-Spenden von den Supermärkten und helfen bei der Ausgabe.

Eine ältere Frau begutachtet aufmerksam das Angebot. „Haben Sei nicht ein bisschen Schwarzbrot?“, fragt sie schließlich eine Mitarbeiterin. Die geht drinnen nachsehen, wo ehrenamtliche Helfer mit dem Sortieren der Waren beschäftigt sind, die bei der Sammeltour durch die Supermärkte am Morgen zusammengekommen sind.

„Ich komme schon seit ein paar Jahren hierher“, sagt die Dame, die gerne Schwarzbrot hätte. Sie ist 65 Jahre alt, wirkt sehr gepflegt. Ihre Kleidung ist einfach, aber ordentlich. Rentnerin sei sie noch nicht. „Aber fast.“ Besser werde es dann auch nicht, mit dem Geld, glaubt sie. „Man findet was“, meint sie zuversichtlich, mit Blick auf die Waren. Und wenn es kein Schwarzbrot gibt, dann vielleicht doch etwas Obst, Gemüse, Konserven? Jochen Detlefs (66), der im Inneren des Gebäudes Brötchen sortiert, will helfen. Er arbeitet ehrenamtlich, wie die meisten hier. „Ich bin seit vorigem Jahr im Ruhestand“, erzählt er. „Ich habe eine Aufgabe gesucht.“ Etwas „Gutes“ habe er machen wollen, „etwas Sinnvolles“. Nun kommt er einmal die Woche. „Es macht mir Spaß.“

Das sagt auch Doreen Voß (42) die gerade Gemüseblätter in den Abfall wirft, die zu schlecht für die Ausgabe sind. Sie sei Hausfrau, habe Familie. An sich Arbeit genug – und doch habe sie das Bedürfnis zu helfen. „Die Zeit nehme ich mir.“

Das Helfen macht Freude: Man unterhält sich, man ist für jemanden da, wird gebraucht. Die meisten der rund 60 ehrenamtlichen Tafel-Mitarbeiter kommen deshalb gerne. Auch die zwei Kollegen, die das Arbeitsamt über eine „Maßnahme zur sozialen Teilhabe am Arbeitsmarkt“ schickt. Und die drei Ein-Euro-Jobber, die den Fahrdienst übernehmen.

Dennis Just (25) ist einer von ihnen. Hunderte Bewerbungen habe er schon geschrieben, aber nie einen Ausbildungsplatz bekommen. Jetzt jobbt er bei der Tafel als Lieferwagenfahrer, in der Hoffnung bald den Lkw-Führerschein machen zu können. „Wer einmal hier war, kommt wieder.“

Es geht nun wieder los für ihn, die dritte Tour heute: Zu Sky, Aldi und Lidl im Eutiner Gewerbegebiet, außerdem zur Bäckerei Klausberger. Um 7 Uhr war er zum ersten Mal bei zwei Bäckern, um 9

Uhr bei Famila und Rewe. Und später fährt er noch zu Supermärkten in Malente.

Ins Gewerbegebiet ist es nicht weit. An der Rampe von Lidl parkt Dennis den Wagen, geht dann durch den Vordereingang ins Lager. „Wir haben noch nichts“, ruft ein Mitarbeiter. „Bitte nachher wiederkommen!“ Dennis zuckt die Achseln und geht. Bei Aldi stehen einige Kisten an der Rampe. Brot, Brötchen, Birnen. Und Kartoffeln, bei denen der Sack aufgegangen ist.

Bei Sky ist die Ausbeute besonders gut: Es gibt einen Wagen mit Blumensträußen, Trauben, Möhren, Pilzen, Bananen, Mandarinen und Tomaten. Alles sieht noch recht frisch aus. „Hier ist es selten, dass wir etwas Fauliges bekommen“, lobt Dennis Just. Bei der Bäckerei Klausberger stehen Kuchen, Spritzringe und Schokobrötchen bereit. Zurück bei der Tafel wird abgeladen – es dauert nicht lange.

Gerhard Timm (62) wartet bereits auf die Lebensmittelausgabe, die in einer halben Stunde beginnen soll. „Man kriegt eine Tüte“, sagt er. „Den Inhalt kann man sich nicht aussuchen.“ Zu Hause sehe er nach, was er bekommen habe. „Wenn das Haltbarkeitsdatum länger überzogen ist, werfe ich mal was weg. Ist aber die Ausnahme.“

Geld für andere Lebensmittel habe er leider kaum. Ein Bier, eine Zigarette wünsche er sich auch manchmal. „Das ist schon Luxus“, gesteht er zerknirscht. Er lebe von Sozialhilfe. Von seinem Vater habe er einen Schinken-Handel übernommen, der dann pleite ging.

Gisela Hausfeld (53) hat sich ebenfalls zum Abholen ihrer Lebensmittel-Tüte eingefunden. Alle 14 Tage komme sie, schon seit Langem. Sie habe lange ihre Mutter gepflegt, für sie gab es bei der Tafel sogar Diät-Lebensmittel. Sie schluckt. „Jetzt bin ich alleine.“

12000 Abnehmer kommen in der Woche, sagt Monika Gertenbach (64), die die Eutiner Tafel ehrenamtlich leitet. Viele von ihnen sind Migranten oder Flüchtlinge. „Aber das ist weniger geworden.“

Besonders berührt sie das Schicksal der Kinder, die sich ebenfalls bei der Tafel verpflegen. Für die ganz Kleinen haben die Mitarbeiter der Tafel etwas Besonderes da: Eine Kiste mit gebrauchten Stofftieren. Und eine alte Spieluhr, die ein Schlaflied spielt.

Marcus Stöcklin

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