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In der Stille von Oradour

Oradour In der Stille von Oradour

Joachim Gauck hat als erster Bundespräsident Oradour-sur-Glane besucht, einen Ort der deutschen Schande und der französischen Trauer.

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Frankreichs Präsident François Hollande (l.) und Bundespräsident Joachim Gauck (r.) mit Robert Hébras, einem Überlebenden des Massakers.

Quelle: Fotos: AFP, dpa

Oradour-sur-Glane/Paris — Es ist eine kleine, fast zarte Geste. Seite an Seite stehen die beiden Präsidenten in der zerstörten Kirche von Oradour und reichen einander unmerklich die Hand. Die Linke von Bundespräsident Joachim Gauck ruht so in der Rechten des französischen Staatschefs François Hollande, während beide mit den Schrecken der gemeinsamen Geschichte konfrontiert werden.

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Frankreichs Präsident François Hollande (l.) und Bundespräsident Joachim Gauck (r.) mit Robert Hébras, einem Überlebenden des Massakers.

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In Oradour ist es still, gespenstisch still. Die Spätsommersonne brennt auf die liebliche Landschaft, als Gauck und Hollande sich von Robert Hébras das Massaker schildern lassen. Der 88-Jährige ist einer der beiden letzten von sechs Überlebenden. Hébras führt noch immer Besucher durch das Dorf, in dem die SS am 10. Juni 1944, vier Tage nach der Landung der Alliierten in der Normandie, 642 Menschen ermordete (siehe unten).

„Warum Oradour?“

Gauck schweigt zunächst. Im Schatten der „Feuereiche“, die wie durch ein Wunder den Brand überlebt hat, hält die kleine Gruppe kurz inne. Sie betreten die Ruine der Kirche, in der allein etwa 400 Frauen und Kinder ums Leben kamen. Dann gehen die Gäste durch die leeren Straßen des Dorfes, die nur von Fassaden und Ruinen gesäumt werden. In der Mitte steht das verrostete und ausgebrannte Wrack eines Renault. Nicht viel wurde hier verändert seit Kriegsende, alles zum Gedenken für die Nachwelt konserviert.

Dann stellt Gauck die Frage: „Warum Oradour?“ Mit letzter Sicherheit wird das niemand beantworten können. Klar ist nur, dass die SS hier bewusst und mit grauenvoller Präzision Terror gegen die Zivilbevölkerung ausgeübt hat.

Auch für Hollande sind dieser Ort und seine Geschichte etwas Besonderes. Nicht nur als Präsident sieht er einen „symbolischen Tag der Geschichte“, an dem die Verbrechen der Vergangenheit anerkannt werden, um die Zukunft anzugehen. An diesem Ort gelte es „über die Schrecken des Krieges hinauszuwachsen, um den Frieden zu gestalten“. Hollande ist politisch in der Gegend verwurzelt. Zur zentralen Region Limousin gehört Oradour genauso wie das etwa 100 Kilometer entfernte Tulle, wo Hollande bis 2008 Bürgermeister war. Unmittelbar vor dem Massaker von Oradour hängten Soldaten derselben SS-Panzerdivision 99 Menschen in Tulle auf. Auf französischer Seite wurde der Besuch in Oradour in einer Linie gesehen mit der Versöhnungsgeste von Verdun, zu der sich 1984 François Mitterrand und Helmut Kohl trafen.

Beim Besuch im Märtyrerdorf Oradour ist Vergangenheitsbewältiger Gauck ganz in seinem Element. Er nimmt das Wort von der „Kollektivschuld“ auf und verurteilt die Unfähigkeit der Deutschen, nach den Verbrechen der Nazi-Herrschaft zu ihrer Verantwortung zu stehen. Er geißelt die fehlenden juristischen Konsequenzen. „Ich teile Ihre Bitterkeit“, sagt er, „dass Mörder nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, dass schwerste Verbrechen ungesühnt blieben. Aber aus der ernsthaften Auseinandersetzung mit dieser bitteren Geschichte haben die Menschen in Deutschland die Kraft gewonnen, mein Heimatland zu einem guten Land zu machen.“ Deutschland wolle nicht über oder unter anderen Ländern stehen, „es will Europa bauen, aber nicht beherrschen“.

Das Staatsoberhaupt dankt „im Namen aller Deutschen dafür, dass Sie uns mit diesem Willen zur Versöhnung gegenübertreten“. Dieser Ort und seine Bewohner seien „in einem barbarischen, in einem zum Himmel schreienden Verbrechen vernichtet“ worden. So großherzig die Geste der Versöhnung auch sei, „so kann sie mich doch auch nicht von dem tiefen Entsetzen befreien angesichts der großen Schuld, die Deutsche an diesem Ort auf sich geladen haben“. Dafür lobt Gauck die Generation der 68er, die Schluss gemacht habe mit Verdrängung und Ignoranz. Er stehe vor den Überlebenden von Oradour als Vertreter eines „anderen Deutschlands“, und er leitet daraus eine Verpflichtung ab: Europa müsse weitergebaut werden, auf der Grundlage von Freiheit und Menschenwürde, so kompliziert das manchmal auch sein möge.

Europas Gestaltungswille

In Paris hatte der Bundespräsident zuvor die zunehmende Rolle Europas als Gestalter globaler Politik gewürdigt. „Die Europäische Union ist längst kein Akteur mehr, der nur in die Mitgliedstaaten hinein wirkt“, sagte er. Europa finde seine Legitimation nicht nur durch die Vorteile wirtschafts- und finanzpolitischer Integration, „sondern auch durch den Willen, gemeinsam Außenpolitik zu gestalten“.

Bereits am Dienstag hatte Gauck Frankreich in der Syrien-Frage inhaltlich unterstützt. Es sei unerträglich, dass Tabu- und Rechtsbrüche wie der Einsatz von Giftgas die Welt heute erschrecken könnten.

Dies erfordere „eine angemessene Reaktion“.

Zum Abschluss seines dreitägigen Staatsbesuchs fliegt der Bundespräsident heute nach Marseille, die europäische Kulturhauptstadt 2013. Gauck wird auf der Reise von seiner Lebensgefährtin Daniela Schadt begleitet.

Nur sechs Menschen entkamen
Am 10. Juni 1944 löschten Soldaten des SS-Panzerregiments „Der Führer“ den Ort Oradour-sur-Glane in Zentralfrankreich binnen weniger Stunden aus. 642 Dorfbewohner wurden ermordet, darunter 207 Kinder. Bis heute ist der Grund für das Verbrechen unklar.


Die Deutschen riegelten das Dorf ab. Frauen und Kinder wurden in der Kirche eingeschlossen, die Männer in mehreren Scheunen zusammengepfercht, dann brannte die SS sämtliche Gebäude in Oradour nieder. Nur sechs Menschen konnten entkommen.

In einem Prozess in Frankreich wurden 1953 auch aus dem Elsass stammende zwangsrekrutierte Soldaten der Einheit zu Haftstrafen verurteilt. Nach Protesten im Elsass erließ die Nationalversammlung umgehend ein Amnestiegesetz. Der „Mörder von Oradour“, Zugführer Heinz Barth, musste sich als einziger Täter vor einem deutschen Gericht verantworten. Er lebte lange unerkannt in der DDR und wurde dort 1983 zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Ruinen des zerstörten Dorfes sind in eine Gedenkstätte verwandelt und konserviert worden.

Thomas Lanig und Gerd Roth

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