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Seite Drei „Jemand muss es den älteren Fahren sagen“
Nachrichten Seite Drei „Jemand muss es den älteren Fahren sagen“
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20:10 26.06.2013
Siegfried Brockmann (54) leitet die Unfallforschung der Versicherer (UDV).
Lübeck

Lübecker Nachrichten: Herr Brockmann, sind ältere Verkehrsteilnehmer eine Gefahr oder sind sie gefährdet?

Siegfried Brockmann: Beides. Natürlich sind sie zunächst mal als Fußgänger, Radfahrer und zum Teil auch als Autofahrer gefährdet — weil sie langsamer über die Straße gehen, weil sie auf dem Fahrrad weniger das Gleichgewicht halten können. Aber als Autofahrer gefährden sie auch — je älter sie sind, umso mehr. Man kann anhand der Statistiken deutlich sehen, dass jenseits des 75.

Lebensjahres die Probleme deutlich zunehmen.

LN: Was sich wegen des demografischen Wandels in Deutschland weiter verschärfen dürfte.

Brockmann: Ja, zumal künftig auch noch andere Gruppen in den Verkehr drängen. Denken Sie nur mal an die Frauen, die in dieser Generation jenseits der 75 in der Regel gar keinen Führerschein haben. Das wird sich in den nächsten 30 Jahren aber ändern. Da haben alle Frauen in diesem Alter auch einen Führerschein.

LN: Sind wir als Gesellschaft darauf vorbereitet?

Brockmann: Was die älteren Autofahrer betrifft, tun wir fast gar nichts. Das Thema wird zwar immer mal wieder schlaglichtartig diskutiert, wenn ein älterer Verkehrsteilnehmer einen dramatischen Unfall verursacht. Wenn es aber ans Eingemachte geht, wie zum Beispiel verbindliche Gesundheitstests, haben weder Politiker noch Organisationen Lust, das zu diskutieren. Und dann landen wir wieder bei Vorschlägen wie freiwilligen Sicherheitstrainings, Sehtests und so weiter. Das bringt uns aber nicht voran.

LN: Warum nicht?

Brockmann: Weil überwiegend nur die daran teilnehmen würden, die sich ohnehin sicher sind, die Tests zu bestehen. Wer hingegen ein schlechtes Gefühl oder Angst hat, zu versagen, würde nicht hingegen — aus Furcht, man könnte ihm doch den Führerschein wegnehmen.

LN: Und Politiker werden sich davor hüten, schärfere Regeln zu fordern, weil sie fürchten, Wähler und Mitglieder zu vergraulen. . .

Brockmann: Ja, aber schon innerhalb der Familie wagt kaum jemand, das Thema anzusprechen. Wenn man Opa sagt: ,Ich fahre nicht mehr mit dir‘, ist der Familienfrieden schwer gestört. Wir müssen deshalb dafür sorgen, dass es den Älteren jemand sagt, wenn ihre Fähigkeiten im Straßenverkehr nachlassen.

LN: Und wie könnte das gehen?

Brockmann: Es gibt einen Ausweg. Verbindliche Sehtests — zum Beispiel alle zehn bis 15 Jahre nach dem Erhalt des Führerscheins — ließen sich für alle Altersgruppen ohne Diskriminierung durchsetzen. Problematischer ist das Feld der mentalen Probleme, der Verarbeitung von komplexen Situationen im Straßenverkehr, denn da fehlt es noch an einem einheitlichen Prüfkanon. Zudem muss nicht alles, was im Labor nachgewiesen werden kann, auch unfallrelevant sein. Mein Vorschlag ist ein anderer: Sowohl ein Medizincheck als auch eine überwachte Fahrt mit einem Fahrlehrer wird verbindlich vorgeschrieben — ab dem 70. Lebensjahr alle fünf Jahre. Allerdings bleiben die Ergebnisse unter vier Augen und haben nur empfehlenden Charakter. Wir hätten damit das Problem gelöst, dass der ältere Mensch überhaupt erst mal von jemandem, den er auch akzeptiert, einen Rat bekommt.

LN: Aber warum nicht strenger sein, wie andere EU-Länder, die den Führerschein an das Bestehen eines Gesundheitstests koppeln?

Brockmann: Erste Untersuchungen eines unserer Forschungsprojekte haben gezeigt, dass viele solcher Gesetze nicht auf wissenschaftlichen Fakten basieren, sondern auf der öffentlichen Meinung — zum Beispiel nach einem besonders dramatischen Unfall mit einem 80-jährigen Geisterfahrer. Der Zusammenhang zwischen altersbedingten Erkrankungen und Unfällen ist aber überhaupt nicht belegt. Ich lehne es deshalb kategorisch ab, dass man aufgrund solcher Befunde nicht mehr Auto fahren sollte.

Interview: Oliver Vogt

LN

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