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Kapitän Schettino vor Gericht

Rom Kapitän Schettino vor Gericht

32 Menschen starben bei der Havarie der „Costa Concordia“ vor der Küste der Toskana. Am Dienstag soll der Prozess beginnen.

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„Keine Angst vor dem Gefängnis“: Kapitän Francesco Schettino (l.) mit seinen Anwälten Domenico (M.) und Francesco Pepe.

Rom — Er fiel in ein Rettungsboot, der Steuermann verstand seine Anweisungen nicht, und der Felsen war auf keiner Karte verzeichnet — für die Tragödie um die Havarie der „Costa Concordia“ vor eineinhalb Jahren fand Unglückskapitän Francesco Schettino viele Erklärungen. Eine Schuld hat er für sich jedoch nicht anerkannt. Am Dienstag soll nun vor einem Gericht in Grosseto in der Toskana der Prozess gegen den Italiener beginnen, dessen Bild als braun gebrannter Kapitän mit Sonnenbrille um die Welt ging. Wegen eines Anwalts-Streits im Land könnte der Auftakt aber möglicherweise auf den 17. Juli verschoben werden. Das entscheidet sich übermorgen.

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„Keine Angst vor dem Gefängnis“: Kapitän Francesco Schettino (l.) mit seinen Anwälten Domenico (M.) und Francesco Pepe.

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„Kapitän Feigling“

Die Liste der Vorwürfe gegen den 52-Jährigen aus dem kampanischen Ort Meta di Sorrento bei Neapel ist lang. Ihm werden unter anderem fahrlässige Tötung und Körperverletzung, Havarie sowie das Verlassen des Schiffes während der Evakuierung vorgeworfen. Vor dem Prozess wurde spekuliert, die Anklage könnte bis zu 20 Jahre Haft für den Mann fordern, der der heimischen Presse eine Zeitlang als der „meistgehasste Italiener“ galt und von britischen Medien als „Kapitän Feigling“ verspottet wurde.

Staatsanwalt Francesco Verusio sieht in Schettino den Hauptschuldigen. Er habe ein unsinniges Risiko in Kauf genommen, als er so dicht an die Küste herangefahren sei. Aber es sind noch viele Fragen offen: Warum rammte die „Costa Concordia“ den Felsen? War der Kapitän wirklich schuld an der Havarie, oder führte eine Fehlerkette zu der Katastrophe? Hätten mehr Menschenleben gerettet werden können?

Zwölf Deutsche tot

Tatsache ist, dass die „Costa Concordia“ an diesem 13. Januar vergangenen Jahres mit rund 4200 Menschen an Bord zu nah an die Toskana-Insel Giglio heransteuerte. Das Schiff fuhr auf einen Felsen, wurde aufgeschlitzt und kenterte. 32 Menschen starben, unter ihnen zwölf Deutsche. Die Ermittlungen brachten zahlreiche Vorwürfe gegen Schettino zutage. Er soll das Unglück heruntergespielt, bei der Rettungsaktion Fehler gemacht und das Schiff vor Ende der Evakuierung verlassen haben, als noch mindestens 3000 Passagiere an Bord waren.

Nach der Havarie wurde Schettino festgenommen und unter Hausarrest gestellt. Für sein Verhalten und das Unglück fand der Italiener danach immer wieder Ausreden: Die zu dem US-Marktführer Carnival Corporation gehörende Reederei habe das riskante Manöver verlangt, die Havarie sei ein banaler Unfall gewesen, er sei in ein Rettungsboot gerutscht und habe zuvor sogar noch Schlimmeres verhindert.

Dennoch wurde er von Costa Crociere zunächst suspendiert und später entlassen. Das Unternehmen distanzierte sich mehrfach von seinem früheren Kapitän.

Die Kreuzfahrtgesellschaft entgeht durch einen Vergleich einem Strafprozess. Sie zahlte eine Million Euro Strafe, die Ermittlungen gegen sie wurden eingestellt. Für die Opfer, die nicht verletzt wurden oder Angehörige verloren, wurde eine pauschale Entschädigung von 11 000 Euro plus Unkostenerstattung ausgehandelt, die die meisten auch akzeptierten.

In den Voranhörungen mussten sich fünf weitere Beschuldigte verantworten, darunter der indonesische Steuermann, dem Schettino vorgeworfen hatte, seine Anweisungen nicht verstanden zu haben. Alle Fünf einigten sich allerdings mit der Anklage auf Verhandlungen über das Strafmaß, die eine Verurteilung ohne Prozess ermöglichen. Ursprünglich wollte das Gericht am 8. Juli über die Absprachen entscheiden. Dieser Termin wird wegen des Anwälte-Streiks jedoch voraussichtlich auf den 20. Juli verschoben.

Bis zu dem Unglück präsentierte sich Schettino gerne in schicker weißer Kapitänskleidung, braun gebrannt und mit Sonnenbrille auf der Kommandobrücke. Er stammt aus einer süditalienischen Schifffahrts-Familie. Zehn Jahre lang arbeitete er für Costa Crociere, zunächst als verantwortlicher Offizier für die Sicherheit, 2006 wurde er zum Kommandanten befördert. Mit der Havarie der „Costa Concordia“ scheint seine Karriere auf See jedoch beendet.

Das Verfahren gegen ihn könnte zu einem Mammutprozess werden und sich über Monate oder gar Jahre hinziehen. Das Interesse ist riesig, die Verhandlung wurde deshalb in das Theater von Grosseto verlegt. Hunderte Medienvertreter aus aller Welt werden erwartet, dazu Überlebende des Unglücks und Angehörige der 32 Opfer. Es gibt 400 Zeugen und 250 Nebenkläger, es haben sich Vertreter der Reederei und der als Nebenklägerin auftretenden Gemeinde Giglio angekündigt, ebenso die moldawische Tänzerin, mit der Schettino am Unglücksabend getrunken haben soll. Auch der Kommandant der Küstenwache von Livorno, Gregorio de Falco, wird erscheinen. Er hatte den Kapitän in einem heftigen Telefonat vergeblich gedrängt, wieder an Bord zu gehen.

Natürlich wird auch die Hauptperson Francesco Schettino erwartet. Seine Anwälte Domenico und Francesco Pepe wollen aber zeigen, „dass es keinen einzelnen Verantwortlichen“ gibt. Sie weisen der Führung von Costa Crociere eine Mitschuld an dem Unglück zu und führen mögliche technische Mängel an, zum Beispiel beim verwendeten Baumaterial und den Notfallgeneratoren.

Schettino selbst gibt sich zuversichtlich. Er sei „im Reinen“ mit seinem Gewissen, sagte er bei einer Anhörung im Mai. „Ich bin gelassen, da ich weiß, dass ich im Prozess die Fakten in Ruhe erklären werde können.“ Vor dem Gefängnis jedenfalls habe er keine Angst.

Eine schwierige Bergung

450 Millionen Euro hat die „Costa Concordia“ gekostet, nun könnte ihre Bergung etwa genau so teuer werden. Und die zieht sich hin. Jetzt sagte der italienische Zivilschutzchef Franco Gabrielli: „Ob das Schiff im November 2013 oder erst im März 2014 die Gewässer verlassen kann, müssen wir sehen.“

400 Spezialisten arbeiten seit Monaten an dem Schiff. Es wurde mit Stahlseilen an den Felsen gesichert. Stahlcontainer sollen mit Wasser vollaufen, um ein Gegengewicht herzustellen und später als Schwimmkörper dienen.

290 Meter lang ist die im September 2005 vom Stapel gelaufene „Costa Concordia“. Das seinerzeit größte Kreuzfahrtschiff Italiens ist für 3780 Passagiere und eine 1100-köpfige Besatzung zugelassen.

Miriam Schmidt und Gildas Le Roux

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