Volltextsuche über das Angebot:

15 ° / -2 ° heiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Lob und ein Ritterschlag — der Präsident im Norden

Kiel/Schleswig Lob und ein Ritterschlag — der Präsident im Norden

Mit einer Stunde Verspätung kam Joachim Gauck zu seinem Antrittsbesuch nach Schleswig-Holstein. Aber dann war das Eis schnell gebrochen.

Voriger Artikel
„Verhaltene Buchungslage“ im Norden
Nächster Artikel
Preview im Kommunalen Kino Lübeck

In historischer Kulisse: Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt in der Gotischen Halle auf Schloss Gottorf in Schleswig vor einem Altar.

Quelle: dpa

Kiel. Ein Dank an die Politiker im Land, ein Appell zu bürgerschaftlichem Engagement und dann noch ein Ritterschlag im alten Schloss Gottorf: Bundespräsident Joachim Gauck (73) gab Schleswig-Holstein gestern bei seinem Antrittsbesuch die Ehre.

Um 11.12 Uhr betritt er mit Lebensgefährtin Daniela Schadt im Kieler Landeshaus den gläsernen Plenarsaal. Die 69 Abgeordneten erheben sich, auch das Kabinett, Pressevertreter und eine Schulklasse auf der Tribüne, die Ex-Ministerpräsidenten Carstensen und Simonis. Die Atmosphäre: festlich bis steif. Sie alle haben lange gewartet. Ein Vogel hat den Präsidentenbesuch um eine glatte Stunde verzögert.

0000y2j8.jpg

„Ritterschlag“ auf Schloss Gottorf für einen jungen Rittersmann.

Zur Bildergalerie

Er war ins Triebwerk des Bundeswehrflugzeugs geraten, das Gauck von Berlin nach Hohn fliegen sollte. Es dauerte, bis eine Ersatzmaschine die Hauptstadt erreichte. „Dat deit mi leed, dat ik een lütt beten to lat bin, aber dat legt nich an uns“, entschuldigt sich der Bundespräsident in Rostocker Platt. „Wi bejde warn tidig upston hüt morgen.“ Das Eis ist gebrochen, das erste Lächeln auf die Gesichter der Abgeordneten gelockt.

Gauck lobt die Minderheitenpolitik des Landes, daran zeige sich die Stärke der Demokratie. Dass seit November auch die Roma und Sinti in der Verfassung erwähnt sind, sei ein wichtiges Bekenntnis. Lob auch dafür, dass der Landtag die Quoren für Bürgerbegehren gesenkt hat. Denn die Entwicklung eines Landes müsse von zwei Seiten getragen werden, den politischen Repräsentanten genauso wie von einer aktiven Bürgerschaft. Den Abgeordneten dankt er „für jede Stunde des Meinungsstreits, für jedes offene Wort“ und den „Mut, Ziele zu definieren und eine zukunfts- und bürgerorientierte Ausgabenpolitik zu wagen“. Wenn Demokratie schwierig werde, dürfe es nicht zu „gegenseitigen Beschimpfungen der handelnden Akteure oder gleich des ganzen politischen Systems“ kommen. Kritik und Debatte seien hingegen „Zeichen des Engagements“.

Die Abgeordneten quittieren Gaucks Rede mit langem Beifall, auch SPD-Chef Ralf Stegner und FDP-Kollege Wolfgang Kubicki, die es in hitzigen Debatten zuletzt nicht immer nur bei solcher gegenseitigen Kritik belassen hatten. „Er hat ja den politischen Streit gelobt“, sagt Stegner. „Er hat uns alle daran erinnert, dass es die Abgeordneten sind, die die Bürgerbeteiligung verbessern müssen“, sagt Kubicki. „Sehr sympathisch“ findet Regina Poersch (SPD) den Präsidenten. CDU-Ex-Finanzminister Rainer Wiegard, der 2009 den Sparkurs mit einleitete, strahlt wegen Gaucks Lob für die zukunftsgewandte Ausgabenpolitik. Stolz? „Ja. Schon.“ Im Foyer freuen sich einige Schüler: „Der ist sehr nett, hat sich für uns noch extra Zeit genommen, Hände geschüttelt.“

Für Gauck geht‘s da schon zum Kabinetts-Empfang ins nahe „Haus B“. Dort wird vor allem über Bildung gesprochen. Gut, dass die Medizin-Uni in Lübeck erhalten geblieben sei, sagt der Präsident. Vor Haus B friert Uschi Wiek, wartet mit der Handy-Kamera aufs Staatsoberhaupt. Die 69-Jährige leitet in der nahen Uniklinik ehrenamtlich eine Bastelgruppe auf der Kinderkrebsstation. „Ich habe Mittagspause, habe den Kindern versprochen, ein Foto vom Präsidenten mitzubringen.“ Der startet kurz darauf zum Geomar, lässt sich in dem Forschungsinstitut die Bedeutung der Meere fürs Klima erklären.

Im Schloss Gottorf in Schleswig herrscht da längst Aufregung. Polizei ist aufgezogen, Sicherheitsschleusen sind eingerichtet. Um 15.30 Uhr zuckt Blaulicht durch das Schneetreiben. Vier Streifenwagen donnern über die Schlossbrücke, fünf schwarze Limousinen. Vorne der 7er-BMW mit dem Präsidenten-Stander, dahinter der Wagen von Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) und seiner Frau Gabriele.

Museumschef Claus von Carnap-Bornheim begrüßt den hohen Besuch in der Gotischen Halle. Drei kostümierte Schüler holen Gauck hier kurz darauf ab. Einige Säle weiter führen ihre vierte, fünfte und siebte Klasse dem Präsidenten das Projekt „Leben im Mittelalter und Barock“ und eine Forscher- Werkstatt vor. Und dann wird der Präsident sogar zum Kaiser. Für einen Moment jedenfalls. Ein Schüler möchte mit seinem Holzschwert unbedingt zum Ritter geschlagen werden. Gauck erfüllt ihm den Wunsch — obwohl das ja sonst so gar nicht seinem Bild vom Staatsoberhaupt entspreche, sagt der Präsident und lacht. In der Kapelle gibt es ein kleines Orgelkonzert.

Eine gute Stunde lang zieht sich Gauck danach ins Büro des Museumschefs zurück. Diese Pause hat er sich ausbedungen. Einfach mal abschalten. Denn am Abend, beim Empfang in der Reithalle, will er ausgeruht sein, will mit allen 150 Gästen persönlich sprechen, ihnen aufmerksam zuhören können. Politiker kommen, Soldaten, Kirchenleute, Richter. Vor allem aber: viele Ehrenamtler aus dem ganzen Land, jung und alt. Die Begegnung mit den vielen engagierten Menschen sei ja überhaupt das Schönste an seiner Präsidentschaft, sagt Gauck in der Eröffnungsrede. Also los: „Ich bin hier zum Angucken, Anfassen und zum Anstoßen.“

Salutschüsse, Verdienstorden, Staatsbesuch
Der deutsche Bundespräsident ist das Staatsoberhaupt, aber er hat keine politische Macht. Seine Rolle ist repräsentativ, aber er hat keinen Hofstaat. Statt eines Ornats hat er bloß einen Anzug. Manchmal schafft er es in die Schlagzeilen, weil er etwas Bemerkenswertes gesagt hat. Aber was tut er in der übrigen Zeit?

Aufschluss gibt der Kalender mit den öffentlichen Terminen, den das Bundespräsidialamt ins Internet stellt. Am Tag vor seinem Besuch in Schleswig-Holstein begrüßte Joachim Gauck im Schloss Bellevue Seine Exzellenz den Präsidenten der Tunesischen Republik, Moncef Marzouki. Anschließend traf er sich mit Ihrer Exzellenz der Vorsitzenden des Föderationsrates der Föderalen Versammlung der Russischen Föderation, Walentina Iwanowna Matwijenko.

Journalisten waren bei beiden Begegnungen nicht anwesend, und der Inhalt der Gespräche war nicht einmal dem Bundespräsidialamt eine Pressemitteilung wert. Trotzdem, sagt Gaucks Sprecherin Ferdos Forudastan, hätten Gauck und seine Gäste „nicht nur Höflichkeiten ausgetauscht“. Gauck habe viele Fragen gestellt — über die wirtschaftliche und soziale Lage, den islamischen Extremismus und den Aufbau der Demokratie in Tunesien; über den Transformationsprozess und die Bürgerrechte in Russland. Mit dem tunesischen Präsidenten habe er anderthalb Stunden gesprochen, und das Gespräch mit der russischen Politikerin habe 20 Minuten länger gedauert als die geplante halbe Stunde.

Außerdem stand im März auf dem Programm: Besuch des indonesischen Präsidenten, Antrittsbesuch in Brandenburg, 33 Verdienstorden zum Weltfrauentag, Empfang für die Junge Islam-Konferenz, Besuch des ungarischen Präsidenten, Salut der Bayerischen Gebirgsschützenkompanie Waakirchen zu Ehren des Präsidenten, Verdienstorden für Peter Harry Carstensen, Antrittsbesuch in Hessen, viertägiger Staatsbesuch in Äthiopien.

Heute wird Gauck in Halle eine Ansprache zum 350. Geburtstag des christlichen Reformers August Hermann Francke halten, um dann morgen nach Sant‘Anna di Stazzema aufzubrechen, wo er mit seinem italienischen Amtskollegen Giorgio Napolitano zusammenkommen wird. In diesem Dorf ermordete die Waffen-SS 1944 mehrere hundert Zivilisten. Gauck wird einen Kranz niederlegen und eine Rede halten. Er wird damit den Lauf der europäischen Geschichte nicht ändern. Aber man wird ihn hören, und für das deutsch-italienische Verhältnis wird er mehr tun als Angela Merkel und Peer Steinbrück zusammen.

kab Wolfram Hammer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Seite Drei
Reporter vor Ort

In einer fortlaufenden Galerie zeigen wir Ihnen jeden Tag die wichtigsten Bilder aus Lübeck und den umliegenden Kreisen. An dieser Stelle finden Sie die Galerie für den April 2017.

  • Hochzeitszauber
    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informationen und kompetente Ansprechpartner in und um Lübeck für Ihre Traumhochzeit.

    Tipps und Tricks zum Planen und Organisieren Ihrer Hochzeit. Ob Location, Dekoration, Trauringe, Flitterwochen, Catering - hier finden Sie Informat... mehr

  • Reisetipps
    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber.

    In unserem Reiseportal finden Sie viele Tipps & Tricks für Reisende und Urlauber. mehr

  • Events & Veranstaltungen
    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe.

    Was? Wann? Wo? Hier finden Sie die Veranstaltungen und Events in Ihrer Nähe. mehr

  • Lifestyle

    Unser Lifestyle-Portal mit nützlichen News und Tipps: Informieren Sie sich über Mode, Beauty und aktuelle Trends. Mehr Schwung, mehr Spaß... mehr

Städtewetter
Heute -° / -° -
- -°/-° -
- -°/-° -
Kommentar

Bissig, polemisch, kontrovers: Kommentare aus den LN.

TV-Vorschau

Unsere Kolumne zeigt, wo sich das Einschalten lohnt.

Sonntagsreden

Von Börse bis Fußballplatz - Blogs unserer "Edelfedern".

Kreuzwort

Auch online wartet täglich ein neues Rätsel auf Sie. Jetzt rätseln!

Sudoku

Bleiben Sie geistig aktiv – mit japanischem Gehirnjogging.

25. April 2017 - Alev Doğan in Allgemein

Welches Glück müssen wir jahrzehntelang gehabt haben, dass wir in Frieden und relativ sicher in Deutschland leben konnten – mit all den Türken, die das Land bevölkern.

mehr