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„Man hat uns verraten und verkauft“

Friedrichskoog „Man hat uns verraten und verkauft“

Der Hafen von Friedrichskoog an der Nordsee wurde geschlossen. Damit hat der Ort keine Zukunft mehr, fürchten Bewohner.

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Harro Peters (74) in der geschlossenen Bootswerft am Hafen. Früher arbeiteten hier sieben Leute. Kunden kamen bis aus Bremen und Niedersachsen nach Friedrichskoog. „Die fehlen uns heute.“ In Büsum hat die Werft eine weitere Halle, die weiterhin besteht.

Quelle: Felix König

Friedrichskoog. Sie hatten die schlimmsten Befürchtungen. Viele Einwohner von Friedrichskoog (Dithmarschen) glaubten, dass ihr Ort sterben würde. Weil die Landesregierung den Hafen schließen wollte. Nun hat sie es getan. Und das Sterben, scheint es, beginnt.

„Man hätte den Hafen doch retten können.“ Uwe Marscheider (65), früher Werft-Mitinhaber, blickt auf das leere Becken, in dem nur noch ein rostiges Fischerboot liegt. „Der Hafen war unsere Lebensader“, ist Marscheider überzeugt. Es geht nun Schlag auf Schlag: Seine Bootswerft in Friedrichskoog hat schon dicht gemacht. Das Haus „Delphin“ mit 28 Betten auch. Und was wird aus den Fischgaststätten, die Krabben frisch vom Kutter verkauften? Vorbei. Die Fischer sind nach Büsum abgewandert, dort ist der nächste Hafen.

Wie Fischer Manuel Heller (36) überlegen nun viele, ihr Haus in Friedrichskoog zu verkaufen und wegzuziehen. Heller ist in Friedrichskoog aufgewachsen, am Hafen, am Deich. Er wollte nie weg. „Meine Kinder sollten hier groß werden“, sagt er.

Der Anfang vom Ende? „Irgendwann haben wir hier keine Kinder mehr, dann wird die Schule geschlossen“, ahnt Marscheider.

Was haben sie nicht getan, um den Hafen und damit letztlich den Ort zu retten. Er, Marscheider, und seine Mitstreiter von der Bürgerinitiative Hafenzukunft. 30000 Unterschriften gesammelt, Plakate gedruckt. Petitionen geschrieben. Vorschläge unterbreitet. Alles umsonst. Marscheider macht eine resignierte Handbewegung. „Die wollen dat nich und fertich is dat.“

„Hier ruht das Vertrauen in die Landesregierung“, steht auf einem großen Holzkreuz, dass Mitglieder der Bürgerinitiative gemalt und am Hafen aufgestellt haben.

Anfangs, erinnert sich Harro Peters (74), früher Chef der Bootswerft, hatten sie noch versprochen, der Hafen werde bleiben, die hohen Herren aus Kiel. Erst Alt-Ministerpräsident Harry Carstensen, dann der jetzige Ministerpräsident Torsten Albig. „Man hat uns verraten und verkauft.“

Guter Rat ist nun teuer in Friedrichskoog. „Es ist ja nicht so, dass wir plötzlich alle was anderes machen können“, sagt Marscheiders Schwester Petra Marscheider-Jäger (47). Etwa 2500 Einwohner hat die Gemeinde, ein kleiner Ort im Nichts. Ganz oben im Nordwesten, im flachen Marschland, wo der Wind regiert. Und das Meer. Die Nordsee. Man versucht zu überleben, es ist nicht immer leicht. Der Fischfang war stets ein Standbein und alles was dazu gehört, Bootsbau zum Beispiel, Schiffselektriker. Und in den letzten Jahrzehnten der Tourismus. 300000 Gäste kamen im Jahr. Früher.

„Der Hafen war ein Magnet“, meint Dörte Krämer (44) von der Bürgerinitiative. Sie zeigt auf ein Foto, da liegen viele Schiffe im Wasser. Einmal im Jahr war immer Kutterregatta. Die Boote mit bunten Wimpeln geschmückt, die Besucher kamen von nah und fern. Bis 2013, da fand die Regatta zum letzten Mal statt. „Seit im Becken nicht mehr richtig gebaggert wurde“, seufzt Marscheider. Das Wasser in der Hafeneinfahrt wurde zu flach.

Die Baggerkosten von über 300000 Euro jährlich dienten der Landesregierung als Argument für die Schließung. „Der Betrieb ist zu teuer und die Funktion als Landeshafen nicht gegeben“, ließ

Wirtschaftsminister Reinhard Meyer aus Kiel wissen.

Damals lagen noch 24 Kutter im Hafen. Auf jedem arbeiteten zwei bis drei Leute. „Die Fischer haben jährlich bis zu zehn Millionen Euro erwirtschaftet“, gibt Bürgermeister Roland Geiger (72) Auskunft.

„Das Geld fließt jetzt nach Büsum.“

Und heute? Die gesamte Entwässerung laufe über den Hafen, erklärt Harro Peters. Das niedrige Wasser könnte zur Kloake werden, fürchtet er. Zwar habe das Land drei Pumpen aufgestellt, bloß: „Da sind wir der Meinung, wenn das ordentlich regnet – die schaffen das nicht.“

Im Juli vorigen Jahres wurde die Schleuse dicht gemacht, danach bildete sich „ein Riesenalgenteppich auf dem Wasser“, sagt Dörte Krämer. „Und es stank.“ Man könne die Tore nicht mehr öffnen, hieß es.

Dann gab es im November Starkregen, die Häuser hinter dem Deich schienen bedroht und die Friedrichskooger waren kurz davor, die Schleuse zu stürmen. Krämer: „Dann haben sie aufgemacht. Dann ging es plötzlich doch.“ Inzwischen ist die Schleuse endgültig zu.

Für die Seehundstation im Ort, die vorher ihr Salzwasser aus dem Hafen entnahm, musste eigens für 1,8 Millionen Euro ein Brunnen gebohrt werden. Für Süßwasser, das mit Salz versetzt wird – das Geld war da. Und jetzt sollen auch noch die Spundwände für 2,3 Millionen einer Böschung weichen.

„Die Touristen fragen immer: Was ist hier los?“, berichtet Petra Marscheider-Jäger. „Die begreifen das nicht. Wir begreifen das ja selbst nicht.“

Das Land plane zum Ausgleich einen Erlebnishafen, so Krämer, mit Sandstrand, Museumsschiffen. Die Gemeinde solle sich beteiligen. Offiziell vom Tisch sei das nicht, „aber an einem stinkenden Hafen macht das keinen Sinn.“

Bleibt die Frage nach dem Warum. Theorien gibt es einige. Ist es, weil die Hamburger ihren Schlick von der Elbvertiefung draußen auf der Nordsee verklappen, der dann in den Hafen geschwemmt wird, und wenn man ihn in ausbaggert, müsste man den Schlick erneut für teures Geld entsorgen? Oder ist es wegen des Nationalparks Wattenmeer, der am Deich beginnt? „Die wollen uns da raus haben. Und die Krabbenfischer mit ihren Schleppnetzen“, mutmaßt Marscheider. Genau das habe er Umweltminister Robert Habeck bei einem Besuch auch gesagt. „Der hat gesagt: ,Nein.’ Und ich: ,Sie lügen doch.’“

Das sagt die Landesregierung

40 000 Euro betrugen laut Kieler Wirtschaftsministerium die Hafeneinnahmen in Friedrichskoog jährlich. Die Kosten für den Betrieb (mit Sperrwerk) dagegen eine Million Euro. Etwa 10000 Euro kostete den Steuerzahler jeder Kutteranlauf, bei rund 50 Tonnen Krabbenumschlag im Jahr. Das marode Sperrwerk hätte für 4, 5 Millionen Euro erneuert werden müssen. Schon die vorige Landesregierung wollte daher die Schließung des Landeshafens.

Ein neues Schöpfwerk soll für besseren Wasseraustausch sorgen. Die Spundwände seien marode, eine Böschung im Unterhalt für die Gemeinde günstiger.

Marcus Stöcklin

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