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Mehr als Holz und Lack

Mehr als Holz und Lack

Haat-Hedlef Uilderks baut in seiner Lübecker Werkstatt seit mehr als drei Jahrzehnten Geigen, Bratschen und Celli. Es ist ein Handwerk, natürlich. Aber es ist eben auch eine Kunst.

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Lübeck. Ein Ahorn-Scheit, unterarmlang, fast neunzig Jahre alt und fein gemasert. Haat-Hedlef Uilderks‘ Lehrmeister hat es noch in sein Holzlager gelegt, oben im Turm des Lübecker Burgtors. Jetzt ruht es hier auf der Werkbank, und wenn Uilderks es mit den Fingerknöcheln abklopft, kann er den späteren Ton schon erkennen. Dann bekommt er eine Ahnung, wie die Geige mal klingen wird.

Man kann das schlecht beschreiben, sagt er. Es ist ein Gefühl, ein Tasten. Vor allem aber ist es Erfahrung. Die Bilanz eines Mannes, der sich mehr als sein halbes Leben mit dem Bau von Geigen beschäftigt. Uilderks macht das seit 1977, da fing er an zu lernen. Und seither legt sich die Erfahrung um die Anfänge wie Jahresringe um einem Baum.

Vor mehr als drei Jahrzehnten hat er die Werkstatt seines Meisters Günther Hellwig übernommen. Er hat sie vom Burgtor in die Große Petersgrube verlegt, gleich neben die Musikhochschule, das Inventar aber ist das alte. Drei große Werkbänke stehen vor den hohen Fenstern, alt und schwer, voller Narben und voller Geschichte. Oben unter der Decke hängen Schablonen für Geigen, Celli und Bratschen, und an der Wand wartet das Werkzeug, der Instrumentenkasten.

Bis auf den Zehntelmillimeter

Hobel sind da in jeglicher Beschaffenheit, manche groß und gewaltig, andere kaum länger als ein Fingerhut. Hämmer sieht man, Zangen und Schieblehren. Bohrer hängen neben Laubsägen, Feilen neben Winkeln und Ahlen. Es gibt Regimenter von Stemmeisen, feinste Messgeräte für den Zehntelmillimeter und Schraubzwingen, die ähnlich humorlos sind wie die Schärfe des japanischen Stahls. Im Regal darunter stehen Gläser und Tiegel, Flaschen und Fläschchen, und überhaupt ist der hohe Raum mit den Dielen aus längst vergangenen Jahrhunderten so, wie man sich die Werkstatt eines Geigenbauers wohl vorstellen mag.

Und natürlich ist da vor allem und in erster Linie das Holz, der Urstoff, das Alpha und Omega einer Geige. Ahorn und Fichte sind es meist, wie schon bei den alten Meistern. Aus ihnen werden die Decke und der Boden gearbeitet, die Zargen, der Hals mit der Schnecke. Es ist Holz aus den Alpen, weil die Jahreszeiten beim Wuchs im Gebirge nicht so ins Gewicht fallen wie in der Ebene. Aber geschlagen werden muss es im Winter, dann sind weniger Harz und Nährstoff im Baum. Und für Uilderks spielt auch der Mondkalender eine Rolle.

Ahorn und Fichte passen sehr gut zusammen. Sie fügen sich von ihrer Struktur her und sind mehr als die Summe ihrer Teile. Uilderks fährt hin zu den Tonholzhändlern und sieht sich an, was sie zu bieten haben. Er prüft, er schaut, er klopft. Es sind grobe Scheite, wie Tortenstücke aus dem Stamm geholt, aber zu Hause in der Werkstatt werden daraus Instrumente im sanft schimmernden Lack, und ihr Klang kann einen tief im Innern bewegen.

Der Geigenbauer arbeitet die Formen heraus. Er legt sie frei, mit jedem Zug des Hobels etwas mehr. Schon eine Kleinigkeit kann den Ton verändern und wegführen von dem Klang, den er vor Augen hat, wenn man das von einem Klang so sagen mag. „Rund“, sei der Ton seiner Instrumente, sagt er. „Eher breit, nicht eng. Und er soll gut tragen, damit man in einem großen Saal auch die leisen Töne hört.“

Er entwickelt den Ton zusammen mit dem Kunden. Aber wie der Maler bei einem Bild sagt auch er, wann ein Instrument fertig ist. Es soll dem Musiker den Weg freiräumen und Grenzen möglichst weit nach hinten verlagern. Und weil das so ist und es sich im Übrigen schwer beschreiben lässt, ist Geigenbau natürlich ein Handwerk, aber immer auch in Tuchfühlung mit der Kunst. Eine Geige ist mehr als ein Gebinde aus Holz, Leim und Lack, wie ja auch eine Luther-Bibel mehr ist als bedrucktes altes Papier.

Man hat die Geigen der alten italienischen Meister untersucht, man hat ihren Lack analysiert und sie in Computertomografen gelegt. Die letzten Winkel ihrer Geheimnisse aber blieben verborgen. Dennoch hat sich der Geigenbau seit den Stradivaris, Amatis und Guarneris im Kern kaum verändert. Es geht immer noch um Holz, über dessen Saiten ein mit Pferdehaar bespannter Bogen streicht. Es geht immer noch um den reinen Klang.

Man versucht ihm mit allem Möglichen auf die Spur zu kommen. In alten Lehrbüchern ist von Kampher im Lack die Rede, von Kolophonium und Myrrhe. Sandelholz färbt den Lack rot, Safran färbt ihn gelb, und Peru-Balsam dient der Grundierung. Geigenbauer gehen um mit Alkannawurzeln und Blauholz, mit übel riechendem Orlean und venetianischem Terpentin. Und Bimsstein, steht da, dient fein gemahlen und gesiebt zum Schleifen des Lacks.

Uilderks macht kein Geheimnis aus seinem Lack. Naturharze wie Sandarak und Mastix spielen eine Rolle, aufgeschlossen mit Walnussöl, angemischt, filtriert, gelöst in Alkohol, und in die Farbe mischt sich Drachenblut. Es ist ein dünner Lack, 15 bis 16 Mal wird er aufgetragen, Uilderks hat ihn selbst aus alten Rezepten entwickelt. Und er ist sehr zufrieden damit. „Ich glaube“, sagt er, „ich werde ihn wohl nicht mehr verändern.“

Alles eine Handschrift

Wie überhaupt der Geigenbau zu den seltenen Gewerben zählt, bei denen die Erzeugnisse ihre Meister überdauern. Es sind Lebenswerke, meist mehr als das. Und der Geigenbauer fertigt sie vom Anfang bis zum Ende. Da ist keine Anweisung von außerhalb und keine Entfremdung. Es ist alles von einer Person, es ist alles eine Handschrift.

Uilderks baut drei bis fünf Instrumente im Jahr zu Preisen zwischen 15000 und 35000 Euro. Die Kunden kommen meist aus Deutschland, aber auch aus Japan, Australien oder den USA. Bei Konzerten wird gefragt, was für ein Instrument man spielt, die Studenten der Musikhochschule zerstreuen sich nach dem Studium in alle Welt, auf Wegen wie diesen kommen die Namen von Werkstätten weit herum.

Im vergangenen Jahr erreichte ihn so eine Mail aus New York, ein Cellist brauchte ein neues Instrument. Sie haben sich ausgetauscht, haben ihre Vorstellungen beschrieben, einen Vertrag gemacht, und dann hat der Kunde das Cello vor nicht langer Zeit abgeholt. Er ist vorher noch nie dagewesen in der Großen Petersgrube, es war sein erster Besuch. Und aus einem kleinen Rahmen an der Wand über der Werkbank schaut ein Mann von einem Foto. Das ist Günther Hellwig, Uilderks‘ alter Lehrmeister. Er ist immer dabei.

Peter Intelmann

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