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Mein Vater, der große Unbekannte

Jena Mein Vater, der große Unbekannte

Sebastian Z. erfährt als Jugendlicher, dass er durch eine anonyme Samenspende gezeugt wurde. Doch wer ist sein leiblicher Vater? Die Frage lässt ihn nicht mehr los — eine Odyssee nimmt ihren Lauf.

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„Ich weiß jetzt, wer ich bin“: Sebastian Z., 26, hat seinen leiblichen Vater gefunden.

Quelle: Fotos: Fotolia, Heikemanssen

Jena. Die Papiere, die Klarheit in sein Leben gebracht haben, liegen auf dem Tisch. Ordentlich abgeheftet, füllen sie einen schwarzen Ordner. Sebastian Z. sitzt in seiner aufgeräumten Wohnung in der Nähe von Leipzig und wirkt zufrieden. Nicht euphorisch, nicht aufgeregt — einfach zufrieden. So, als sei er endlich angekommen. Nach einer langen, nicht einfachen Reise, die ein Leben lang hätte andauern können, ohne je an das gewünschte Ziel zu führen. Sebastian Z. hat dieses Ziel erreicht.

„Plötzlich war ein großer Teil meiner Familiengeschichte einfach weg. Das ist schlimm. Sebastian Z., Kind eines

Samenspenders

„Er war mir sympathisch.

Ich habe ihn mir bloß größer und jünger vorgestellt.“ Sebastian Z. nach der

Begegnung mit seinem

biologischen Vater

Vor knapp einem Jahr erzählt der 26-Jährige am Telefon dieser Zeitung zum ersten Mal von dem Vorhaben, seinen biologischen Vater zu finden. Sebastian Z. ist aus einer anonymen Samenspende in der Universitätsklinik Jena entstanden. Das Kind wird gezeugt, kurz bevor die DDR untergeht. Und es ist ein Relikt dieses Staates, das die Suche nach dem Vater noch komplizierter macht, als sie es ohnehin wäre. In der DDR wurde zu jener Zeit noch die sogenannte Mischspende praktiziert, wie sie bis in die 70er Jahre auch in Westdeutschland erlaubt war. Mischspende, das heißt: Sebastians Mutter werden während eines Befruchtungszyklus Samen von drei unterschiedlichen Spendern übertragen. Wer der Vater ist: schwer zu sagen.

Sebastian kommt 1990 auf die Welt. Er wächst mit der Gewissheit auf, dass der Mann an der Seite seiner Mutter sein Vater ist. Doch Gewissheit und Gefühl wollen nicht zusammenpassen: „Er war mir immer irgendwie fremd. Wir unterscheiden uns schon sehr“, sagt Sebastian. Das eigene handwerkliche Geschick, das Interesse an wissenschaftlichen und technischen Themen — nichts davon verbindet ihn mit dem Mann, den er da noch für seinen Erzeuger hält. Der Vater ist zudem psychisch krank. Noch schwieriger wird der Umgang mit ihm, als der 14-Jährige den Vater nach dessen Blutgruppe fragt. Sie passt nicht zur eigenen. Sebastian bekommt keine Antworten auf seine Fragen, die Eltern weichen aus. Für sie ist das Thema erledigt, für den Jungen fängt es erst richtig an. Dass etwas nicht stimmt, habe er seitdem genau gewusst. „Ich hatte kein Vertrauen mehr zu meinen Eltern“, sagt er.

Umgekehrt haben es die Eltern nicht leicht mit dem Sohn. Als „rebellisch“ beschreibt Sebastian Jahre, in denen die Pubertät vieles durcheinanderbringt — was aber nicht alles erklärt. Es gibt da, sagen die Psychologen, diese starke Differenz zwischen seinen schulischen Leistungen und seinem Leistungsvermögen. Sie attestieren dem Heranwachsenden eine überdurchschnittliche Intelligenz.

In dieser Phase fällt der Satz: „Das ist ja gar nicht mein Junge.“ Der Vater sagt das im Streit mit der Mutter, der Junge hört zu. Es klingt wie eine Szene aus einem Film, aber genau so sei es gewesen, beteuert Sebastian. Jetzt weiß der 15-Jährige, dass er mit dem Samen eines fremden Mannes gezeugt wurde. „Und plötzlich war ein großer Teil meiner Familiengeschichte einfach weg. Auch mein Opa war gar nicht mein Opa. Das war schlimm.“ Sebastian versucht, all das zu verdrängen. Doch dieses Wissen ist einfach da, jahrelang. Wie ein Stachel, der tief im Inneren sitzt, und immer mal wieder schmerzt.

Sebastian beendet die Schule, macht eine Ausbildung bei der Bundeswehr, als Sanitäter. Häufig hadert er mit sich und dem Leben. Zu den Eltern reißt der Kontakt irgendwann ab, auch zu seinem sozialen Vater, wie er ihn nennt. Das Wissen um das fehlende Puzzlestück in seinem Leben lässt ihn nicht los: „Wenn ich beim Arzt nach Krankheiten väterlicherseits gefragt wurde, war ich schnell wieder mit dem Thema konfrontiert.“ 2012 lernt der junge Mann seine heutige Frau kennen, das Paar möchte Kinder. „Doch was sagst du deinem Kind, wo es herkommt?“ Und dann fasst der junge Mann diesen Entschluss:

„Ich will meinen Vater finden.“ Da ist er Mitte 20.

Er schließt sich „Spenderkind“ an. Das ist ein ehrenamtlich arbeitender Verein, der Kindern aus Samenspenden, Eizellenspenden oder von Leihmüttern ein Forum bietet, ihnen bei der Suche nach Spendern oder Geschwistern hilft und Rechtsberatung anbietet. Zudem nimmt Sebastian Kontakt zum Universitätsklinikum Jena auf. Der schwarze Ordner füllt sich.

Die Suche nach dem leiblichen Vater gestaltet sich schwierig. Zunächst wird ihm mitgeteilt, dass die Unterlagen nicht mehr existieren. Doch Sebastian Z. lässt nicht locker, schreibt unermüdlich Briefe. Das Klinikum zeigt sich irgendwann kooperativ. Das ist nicht immer so — viele Spenderkinder verhandeln jahrelang mit Krankenhäusern und Reproduktionspraxen, um an die Daten ihrer Erzeuger zu gelangen.

Der nächste Brief aus Jena bringt Sebastian auf seinem Weg ins Straucheln. Er kann kaum glauben, was da steht. Die vorgelegten Unterlagen belegen, dass in seinem Fall „die Insemination mit drei von unterschiedlichen Spendern stammenden Spenden innerhalb ein und desselben Befruchtungszyklus durchgeführt worden ist“, heißt es in dem Brief. Und dann kommt wieder so ein Satz, den Sebastian nicht so schnell vergisst: „Insofern ist es uns nicht möglich, Ihnen mitzuteilen, wer tatsächlich Ihr biologischer Vater ist, da alle drei Spender gleichermaßen infrage kommen.“ Punkt. „Ich habe danach etwas die Hoffnung verloren“, erzählt er. Aber er ist auch jemand, der nicht so schnell aufgibt. Also recherchiert er weiter, schreibt Briefe, informiert sich über die Rechtslage. Sebastian Z. hat viel zu erzählen, blättert immer wieder in dem schwarzen Ordner. Juristische Details schrecken ihn nicht, im Gegenteil.

Monate vergehen. Dann ruft die Rechtsabteilung des Klinikums an und schlägt vor, alle drei Spender zu kontaktieren und auf eigene Rechnung einen Vaterschaftstest zu machen. Zwei der potenziellen Väter willigen ein. Einer von ihnen reagiert zunächst sehr zögerlich, spricht lange mit der Bearbeiterin. „Er wollte wissen, warum ich ihn kennenlernen möchte“, sagt Sebastian. Doch nie würde er Geld oder gar Unterhalt von seinem leiblichen Vater wollen — „ich kenne kein Spenderkind, dem es ums Finanzielle geht“.

Wochen später, das Ergebnis: Der Zögerliche ist Sebastians leiblicher Vater. Der Spender willigt ein, sich mit seinem Sohn zu treffen. „Es war so, als wenn ein Stein, den ich jahrelang mit mir herumgetragen habe, von mir abfällt“: So beschreibt Sebastian sein Gefühl nach dem Anruf des Vaters. Klarheit, endlich Klarheit.

Vor ein paar Wochen hat Sebastian Z. den ihm fremden Vater in einem Restaurant in Jena getroffen. Sie geben sich die Hand zur Begrüßung, reden über alles Mögliche. „Er war mir sympathisch, ich habe ihn mir bloß größer und jünger vorgestellt.“ Sebastians Vater ist heute 57 Jahre alt, hat eine Halbglatze und trägt Brille, ein gemütlicher Typ, der als Industriemechaniker arbeitet. „Jetzt weiß ich, warum mich technische Sachen so interessieren“, erzählt Sebastian später am Esstisch in seiner Wohnung. Und dass sein leiblicher Vater sehr vorsichtig sei. „Ich weiß, dass er Dieter heißt, seinen Nachnamen kenne ich nicht.“

Dieser Dieter hat Kinder, Sebastian hat also Halbgeschwister. Die Samenspende habe er damals — und Sebastian freut das — nicht wegen des Geldes abgegeben, sondern, um kinderlosen Paaren zu helfen.

Nach drei Stunden gehen Vater und Sohn wieder getrennte Wege. „Beim Abschied hat er mir auf die Schulter geklopft.“

Wie es nun weitergeht mit den beiden? Sebastian weiß es nicht. Vielleicht meldet sich Dieter noch mal bei ihm, vielleicht nicht. „Er muss nicht unbedingt in meinem Leben bleiben. Er hat keinen Anteil daran und ist keine Vaterfigur für mich.“

Sebastian Z. weiß jetzt, wer sein Vater ist. Ein bisschen zumindest. Wenn er mal eine Glatze bekommen sollte, weiß er, wem er das zu verdanken hätte. Schwere erbliche Krankheiten habe er nicht zu befürchten, hat Dieter ihm gesagt. Viel wichtiger ist Sebastian Z. allerdings, dass die offene Stelle in seinem Leben geschlossen ist.

„Ich weiß jetzt, wer ich bin. Mein Selbst hat sich so entwickelt, auch ohne meinen biologischen Vater“, sagt Sebastian. Er schließt den schwarzen Ordner.

Das Recht, die eigene Herkunft zu erfahren

Kinder anonymer Samenspender haben das Recht, den Namen ihres leiblichen Vaters zu erfahren, entschied das Oberlandesgericht Hamm in Nordrhein-Westfalen Anfang 2013. Es verpflichtete eine Reproduktionsklinik, einer per anonymer Samenspende gezeugten Frau den Namen ihres biologischen Vaters zu nennen. Das Bundesverfassungsgericht hatte bereits 1989 entschieden, jeder habe das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft.

In Deutschland ist die Samenspende (Donogene Insemination) legal. Sie ist durch Richtlinien der Bundesärztekammer und des Arbeitskreises für Donogene Insemination geregelt. Viele Details sind aber gesetzlich nicht festgelegt.

Die Samenspender sind meist anonym. Die rechtliche Vaterschaft hat der Mann des Paares, das die Insemination gewünscht und in sie eingewilligt hat. Trotzdem können auf den biologischen Vater theoretisch Unterhaltsansprüche zukommen. Es wäre rechtlich nur sehr kompliziert, sie durchzusetzen. Die Behandlungsunterlagen, aus denen die Identitäten des Samenspenders sowie der behandelten Frau hervorgehen, müssen nach deutschem Recht von Ärzten und Samenbanken 30 Jahre lang aufbewahrt werden.

Nach Angaben von Samenbanken und Kliniken gibt es bisher nur wenige Anfragen von Kindern, die mit einer Samenspende gezeugt wurden. Beim Zentrum für Reproduktionsmedizin in Essen beispielsweise liegen eigenen Angaben zufolge zurzeit etwa 50 bis 60 Anfragen vor. Nach Einschätzung von Experten gibt es in Deutschland derzeit etwa 110000 Spenderkinder, pro Jahr würden derzeit etwa 1000 Kinder geboren.

Die Suche nach dem biologischen Vater bleibt für Spenderkinder trotz mehrerer Urteile weiter schwierig. „Samenbanken und Behandler sperren sich oft“, sagt Claudia Brügge, die Vorsitzende des Vereins „DI Netz“, der Spenderkinder und ihre Eltern vertritt, in Bielefeld. „Antwortschreiben sind meist kurz und abweisend.“ Die Deutsche Klinik Bad Münder zum Beispiel gibt Informationen tatsächlich erst nach einer Verurteilung heraus. „Um uns gegenüber den Spendern abzusichern“, sagte Klinik-Leiter Arvind Chandra. Diesen habe man seinerzeit nämlich Anonymität zugesichert.

Eine gesetzliche Regelung ist

daher dringend notwendig. Beim Bundesjustizministerium gibt es zwar bereits einen Arbeitskreis

zum Thema Abstammung. Mit

einem Ergebnis rechnet das

Ministerium aber erst 2017.

Von Heike Manssen

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