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Seite Drei Nach Unfall ohne Helm: Weniger Schadenersatz für Radfahrerin
Nachrichten Seite Drei Nach Unfall ohne Helm: Weniger Schadenersatz für Radfahrerin
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22:27 06.04.2014
Sabine Lühr-Tanck (61) fuhr mit dem Fahrrad zur Arbeit, als sie in eine sich plötzlich öffnende Autotür knallte. Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen
Lübeck/Glücksburg

Ihre Erinnerung an den Unfall ist lückenhaft. Sie weiß, dass das Auto dort stand, wo es nicht stehen durfte, sie weiß, dass sie deswegen einen Bogen fahren musste. Der Rest aber? Leere. Das Nichts des Vergessens. Aus dem Gedächtnis gelöscht oder verdrängt. Wie sich etwa die Wagentür genau in dem Augenblick öffnet, als sie das Auto passieren will. Wie sie mit ihrem roten Rad ungebremst gegen die Tür prallt. Wie sie mit dem Hinterkopf aufschlägt. Der Notfallarzt wird ihrem Mann später erklären: „Die Frakturen machen mir überhaupt keine Sorgen, übel sind die Blutungen.“

„Aberwitzige Situation“

Drei Jahre ist der Zwischenfall jetzt her, und Sabine Lühr-Tanck aus dem schleswig-holsteinischen Glücksburg hat — vergleichsweise — Glück gehabt: Sie hat den Unfall überlebt, immerhin. Trotz mehrfacher Schädelfraktur und schwerem Hirn-Trauma, und doch: Sie kann nicht mehr riechen und schmecken seit damals, sie klagt über Gleichgewichtsstörungen, sie hat Orientierungsschwierigkeiten, sie kann ihren Beruf als Physiotherapeutin nicht mehr voll ausüben, und die Ärzte wissen nicht, welche weiteren Folgen der Aufprall für ihre Gesundheit in Zukunft möglicherweise noch haben wird. Es ist also alles ein ziemlicher Mist, nichts, was sich ein Mensch wünscht, nur: Das ist nicht alles.

Unterwegs in der Unfall-Straße: Trotz allem fährt Sabine Lühr-Tanck noch immer mit dem Rad - auch ohne Helm.

Der Fall von Sabine Lühr-Tanck ist dabei, bundesdeutsche Gerichtsgeschichte zu schreiben. Weil sie am Unglücks-Tag keinen Fahrradhelm trug, soll sie, so zumindest entschied es das Oberlandesgericht in Schleswig im vergangenen Jahr, weniger Schadenersatz erhalten. Obwohl sie den Unfall nicht verschuldet hat. Obwohl das Auto, in das sie krachte, im Halteverbot stand. Und obwohl es in Deutschland keine Helm-Pflicht für Fahrradfahrer gibt. Sabine Lühr-Tanck spricht von einer „aberwitzigen Situation“; deswegen auch ist sie vor den Bundesgerichtshof gezogen, am 17. Juni wird er in Karlsruhe entscheiden.

Es dürfte spannend werden. Denn sollten die obersten Richter ihren Schleswiger Kollegen folgen, mutmaßt das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“, „käme es nicht nur einer Helmpflicht durch die Hintertür gleich“; der Autor geht gleich noch einen Schritt weiter: „Auch als Sportler oder Fußgänger könnte man dann gut beraten sein, Kopfbedeckungen oder Knieschützer zu tragen, um nach einem Unfall nicht finanziell abgestraft zu werden.“ Auch Christine von Milczewski, die Sprecherin des Oberlandesgerichtes, bezeichnet das zu erwartende Urteil als „richtungsweisend für die künftige Rechtsprechung“.

Es geht also genaugenommen nicht mehr um Sabine Lühr-Tanck, der Fall hat eine Eigendynamik bekommen. Es geht um das Recht der Radfahrer, es geht um staatliche Bevormundung, es geht um Eigenverantwortung, und — um das ganz große Wort zu bemühen — die Freiheit der Bürger. Es geht um viel, andere sagen: Es geht um alles; die Aufregung ist entsprechend groß.

Experten streiten

In Internet-Foren streiten Leser und Experten; Zahlenkolonnen und Statistiken werden gegeneinander ins Feld geführt; es ist ein Hauen und Stechen, jeder Zentimeter zählt, in Teilen erinnert die Diskussion an die Einführung der Anschnallpflicht. Und wie damals hat jeder seine eigene Sicht der Dinge.

Fahrradfahren mit Helm würde mehr gefährden als schützen, beharren die Gegner der Helmpflicht; von Untersuchungen wird gesprochen, wonach Autos Fahrradfahrern mit Helm näher kämen als ohne. Frauen ohne Helm würden am wenigsten Gefahr laufen, bei Überholmanövern bedrängt zu werden. Und dass Fahrradfahren mit Helm zu riskanterem Fahr-Verhalten führe — alles belegt mit Untersuchungen und Expertenmeinungen. Die Gegenseite spricht von Milchmädchenrechnungen und präsentiert andere Ergebnisse. Alle reden, jeder weiß es besser.

Sabine Lühr-Tanck ist das längst alles zu viel. Wie ein eiserner Reifen umklammert sie der Unfall; er schnürt sie ein, er sorgt dafür, dass sie sich schlecht fühlt, dass sie zweifelt, dass sie nachts plötzlich und aus unerfindlichen Gründen hochschreckt, und passiert sie die Stelle, an der das Drama damals geschah, hält sie jedes Mal die Luft an. Am liebsten hätte sie ihre Ruhe, und noch lieber hätte sie ihr altes Leben zurück, und wenn das schon nicht geht, zumindest die Hoheit über die Gegenwart. Ungewollt ist sie zwischen die Fronten geraten, es ist ihr Schicksal, sie kann nichts dafür, sie ist nicht verantwortlich für diese Situation — und wird doch zur Verantwortung gezogen. Natürlich hofft sie auf einen Richterspruch in ihrem Sinn — auch wenn sie sagt: „So quer kann man gar nicht denken, was die sich ausdenken“, ihr Ehe-Mann, Winfried Lühr-Tanck, jedoch ist überzeugt: „Ich bin sicher, dass wir gewinnen.“

Sicher? Was ist sicher? Das Leben? Das Fahren mit Helm im Straßenverkehr? Wer übernimmt das Risiko? Kann es Sicherheit überhaupt geben? Dazu ein paar Zahlen:

• 19 Prozent der Radfahrer tragen immer oder fast immer einen Helm (IfD Allensbach) • 399 Fahrradfahrer sind 2013 tödlich verunglückt,   74 370 wurden verletzt (Statistisches Bundesamt). Die Hauptschuld trugen: Autofahrer. Und:

• 53 Prozent der Fahrradfahrer halten das Tragen eines Helms für wichtig (IfD Allensbach).

Sabine Lühr-Tanck hat dazu ihre eigene Sicht der Dinge. Sie sagt: „Auch Michael Schumacher hat einen Helm getragen — und bestimmt nicht den von Aldi, sondern einen guten. Er war langsam, er war vorsichtig, er war ein erfahrener Skifahrer.“ Die Folgen sind — soweit — bekannt.

Unsichtbarer Helm
Ein Airbag für Radfahrer kommt aus Schweden. Sechs Jahre haben zwei Studentinnen am Konzept gefeilt, herauskam: „Hövding“.



Dabei handelt es sich um eine Art Halskrause; bei einem Unfall bläst sich der Kragen in einer Zehntelsekunde auf, stülpt sich über den Kopf, stabilisiert den Nacken.


Nachdem sich deutsche Radfahrer einige Zeit gedulden mussten, ist der „Hövding“ inzwischen auch hierzulande erhältlich; der prognostizierte Erfolg allerdings blieb bisher aus. Das mag zum einen am stolzen Preis von etwa 400 Euro liegen — also deutlich mehr als die 50 bis 100 Euro, die man für einen Helm bezahlen muss.



Mehr unter: www.hovding.se/en/
Andere Länder
Zu den wenigen Ländern, die eine generelle Helmpflicht für Radfahrer eingeführt haben, zählen Australien, Neuseeland, Südafrika, Finnland. Länder wie Österreich, Slowenien und Schweden verordnen Kindern das Tragen eines Helmes; Deutschland verzichtet bisher auf eine solche Regelung — wie unter anderem auch Dänemark, die Niederlande, Frankreich, Großbritannien, die Schweiz.
Die Radlobbyorganisation ECF warnt immer wieder vor den womöglich negativen Folgen einer Helmpflicht — und beruft sich dabei unter anderem auf eine Statistik aus Australien, wo nach der Einführung der Helmpflicht die Radnutzung um 20 bis 40 Prozent sank. In Kanada, wo es provinzunterschiedliche Regelungen zum Tragen eines Helms gibt, untersuchten Wissenschaftler die Folgen.
Zwar sank während des gesamten Studienzeitraums die Verletzungsquote. Doch dort, wo eine Helmpflicht eingeführt wurde, registrierten die Forscher keinen stärkeren Rückgang der Kopfverletzungen als in jenen ohne Helmpflicht.

Zahlen und Fakten

1976 wurde in Deutschland die Anschnallpflicht für Autofahrer eingeführt – zeitgleich die Helmpflicht für Motorrad- und Mopedfahrer. Eine Helmpflicht für Radfahrer wird immer wieder diskutiert, bisher ohne Ergebnis. Anders verhält es sich im professionellen Radsport. Nachdem der kasachische Radrennfahrer Andrei Kiwiljow bei der Tour de France 2003 so unglücklich stürzte, dass er seinen Verletzungen erlag, veranlasste der Internationale Radsportverband unter anderem deswegen eine Helmpflicht bei all seinen Rennen. Auch der Fall von Radrennprofi Marcel Wüst sorgte für Schlagzeilen. Er stürzte im Jahr 2000 bei der Tour, verlor sein rechtes Augenlicht – und musste seine Karriere im Profisport beenden. Seither wirbt er für das Tragen eines Helms im Straßenverkehr. 

Vier Monate konnte Sabine Lühr-Tanck nach ihrem Unfall nicht arbeiten; bis heute hat sie mit den Folgen des Zusammenstoßes zu kämpfen. Das Oberlandesgericht in Schleswig sprach ihr eine Teilschuld zu – und entschied: Sie erhält nur 80 Prozent Schadenersatz, weil sie ohne Helm fuhr. 

200 Meter war Sabine Lühr-Tanck von ihrem Wohnhaus in Glücksburg entfernt, als sie in die plötzlich aufgerissene Autotür knallte. Das Landgericht in Flensburg entschied zunächst zu ihren Gunsten, die Gegenseite ging jedoch in Revision. Nun wird der Bundesgerichtshof entscheiden müssen.

Marion Hahnfeldt

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