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Nachts an der Tankstelle

Lübeck Nachts an der Tankstelle

Auch zu später Stunde ist dort noch einiges los. Viele Kunden kommen regelmäßig. Statt Benzin sind aber Kaffee, Zigaretten und Snacks gefragt.

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Die Avia-Tankstelle an der Lohmühle in Lübeck hat rund um die Uhr geöffnet.

Quelle: Fotos: Ulf-Kersten Neelsen

Lübeck. Erschöpft lässt sich Petra Quandt auf eine der Holzbänke vor der Avia-Tankstelle an der Lohmühle fallen. Sie greift nach ihrem Kaffeebecher und nimmt einen großen Schluck, dann kramt sie in ihrer Handtasche nach Zigaretten. Es ist 23.28 Uhr. „Endlich Feierabend“, sagt die 50-Jährige. Sie arbeitet im Vereinsheim des 1. FC Phönix, bewirtet Fußballer und Zuschauer. „Heute war es anstrengend, wir hatten ein Pokalspiel.“

LN-Bild

Auch zu später Stunde ist dort noch einiges los. Viele Kunden kommen regelmäßig. Statt Benzin sind aber Kaffee, Zigaretten und Snacks gefragt.

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23:28

Feierabend genießen: Petra Quandt (50) läutet mit einem Kaffee ihren Feierabend ein. „Ich fahre oft hierher, um runterzukommen“, sagt sie. Zudem besorgt sie sich an der Tankstelle schon mal Brötchen fürs Frühstück.

1:29

Zeitung lesen: LN-Reporterin Janina Dietrich (29) blättert in der Avia-Tankstelle durch die druckfrische Ausgabe der Lübecker Nachrichten. So wie sie lesen viele Kunden nachts die Zeitung – und trinken dazu einen Becher Kaffee.

0:43

Kaffee zubereiten: Koffein ist in der Nacht gefragt. Andrea Christoffer (34) muss während ihrer Schicht immer wieder den Kaffeeautomaten bedienen und Heißgetränke herausgeben. „Viele Kunden kenne ich bereits“, sagt sie.

1:02

Scheiben putzen: Alexander Klatt (24) arbeitet in Lübeck bei einem Pizza-Lieferservice und hat gerade Feierabend gemacht. Auf dem Weg nach Hause muss er den Firmenwagen mit Erdgas betanken und die Scheiben gründlich reinigen.

0:13

Verkaufsraum fegen: Es sind gerade keine Kunden in der Tankstelle. Mitarbeiterin Andrea Christoffer (34) nutzt die freie Zeit, um den Fußboden zu reinigen. Später müssen auch noch der Tresen und die Backwaren-Vitrine geputzt werden.

23:45

Toilettenpause machen: Taxifahrerin Sabine Schünke (53) stoppt ein bis zwei Mal pro Nacht an der Tankstelle, um sich einen Kaffee zu holen und auf die Toilette zu gehen. Am Ende ihrer Schicht wäscht und saugt sie dort auch ihr Auto.

1:14

Bockwurst essen: Gastronomie-Mitarbeiterin Monika Dombrowski (45) holt sich nach ihrem Feierabend mit Rüdiger Ludwig (69) eine Bockwurst an der Tankstelle. Die beiden sind extra aus Bad Schwartau gekommen.

0:05

Auto waschen: Der Lübecker Hans-Hermann Denker (72) ist Frühaufsteher, um Mitternacht hat er bereits ausgeschlafen. Dann fährt er zur Tankstelle an der Lohmühle, um seinen Wagen zu waschen und anschließend Kaffee zu trinken.

Nach der Arbeit steuert die Bad Schwartauerin häufig die Tankstelle an, „um runterzukommen“, bevor sie sich auf den Weg nach Hause macht. „Das ist die einzige auf der Ecke, bei der man abends noch draußen sitzen kann. Und sie hat rund um die Uhr geöffnet“, sagt sie. „Manchmal ist es nachts total voll hier, die Tankstelle ist für viele Menschen ein Treffpunkt.“

Mitarbeiterin Andrea Christoffer kann das bestätigen. Die 34-Jährige übernimmt häufig die Nachtschichten, von 23 bis 7.30 Uhr ist sie dann im Einsatz. Einsam werde es nie. „Ich bin höchstens mal ’ne halbe Stunde allein, sonst ist immer was los“, berichtet sie. Allerdings nicht unbedingt an den Zapfsäulen. „Dort herrscht erst ab 3 Uhr wieder starker Betrieb, wenn der Berufsverkehr langsam startet“, sagt sie. Davor kämen die Menschen, um sich Kaffee, Zigaretten oder etwas zu essen zu holen. „Nachts sind es fast immer dieselben Gesichter.“

Viele Gäste kommen

jede Nacht vorbei

Sabine Schünke ist einer dieser Stammgäste. Die Taxifahrerin stoppt jede Nacht mehrmals an der Tankstelle. „Ich hol’ mir hier mein Käffchen und benutze die Toilette“, sagt die 53-Jährige. „Die ist sehr sauber, so was findet man nicht so leicht.“ Gegen 3.30 Uhr, wenn ihre Schicht beendet ist, schaut sie erneut bei Andrea Christoffer vorbei – dann, um ihr Taxi zu reinigen. „Hier dürfen wir nachts Staub saugen, weil wir im Gewerbegebiet sind. Woanders ist das nicht erlaubt.“

Inzwischen ist es kurz nach Mitternacht. Auf der Hauptstraße vor der Tankstelle fahren nur noch vereinzelt Autos vorbei. Auch an den Zapfsäulen ist nichts mehr los. Doch dahinter, an der hell erleuchteten Waschanlage, ist plötzlich Betrieb. Hans-Hermann Denker ist mit seinem schwarzen Audi vorgefahren und wirft eine Münze in den Automaten. Dann beginnt er, seinen Wagen per Hand abzuspülen. Für den 72-Jährigen ist die Nacht schon zu Ende – zumindest, was das Schlafen betrifft. „Mein Zwergdackel will früh raus“, berichtet er. „Wir waren schon spazieren, jetzt liegt er wieder im Körbchen und schläft weiter.“ Für ihn selbst komme Weiterschlafen nicht in Frage. „Ich hatte früher eine Gärtnerei und bin immer nachts um eins zum Großmarkt gefahren“, erzählt er. „Diese innere Uhr habe ich noch drin.“

Deshalb fahre er nun jede Nacht von seinem Haus im Wohngebiet Bornkamp zur Lohmühle. Es gebe zwar einige Tankstellen, die dichter lägen, „aber diese ist meine liebste, weil hier so viele interessante Menschen unterwegs sind“. Oft sitze er einfach nur mit einem Kaffee in der Hand herum und beobachte die anderen Kunden. Oder er lese schon mal die Zeitung vom nächsten Tag. „Um 2 Uhr ist die neue LN meistens da“, sagt er.

Auch heute macht er es sich wieder auf einer der roten Polsterbänke im Verkaufsraum gemütlich, während Mitarbeiterin Andrea Christoffer den Fußboden fegt. „Später muss ich die Vitrine mit den Brötchen reinigen und dann auch schon mit dem Backen für den Morgen anfangen“, sagt sie. Vor 16 Jahren hat sie bei einer Tankstelle eine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau gemacht. „Danach habe ich eigentlich gedacht: Nie wieder Tankstelle, weil ich immer am Wochenende und so spät abends arbeiten musste“, sagt sie. Inzwischen könne sie sich aber gar nichts anderes mehr vorstellen. „Der Job ist so abwechslungsreich, jeden Tag passiert was anderes.“ Sie möge auch die Nachtschichten, weil die Atmosphäre besonders sei.

Das gefällt auch Monika Dombrowski und Rüdiger Ludwig. Sie sind aus Bad Schwartau gekommen, um sich Bockwurst mit Brötchen zu bestellen, dazu ein Spezi. „Das mache ich jeden Tag nach der Arbeit“, sagt Dombrowski, die in der Gastronomie angestellt ist. „In Bad Schwartau hat so spät nichts mehr geöffnet.“

Mittlerweile ist es 1.29 Uhr – doch Nachtruhe ist an der Tankstelle noch lange nicht eingekehrt.

Janina Dietrich

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