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Samariter aus Bad Segeberg

Bad segeberg Samariter aus Bad Segeberg

Dr. Uwe Denker hat die „Praxis ohne Grenzen“ gegründet. Sie hilft Menschen in Not. Und die sind immer öfter aus der Mittelschicht.

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Ein paar Stunden über die Autobahn: Uwe Denker behandelt einen Patienten aus dem Spreewald.

Bad Segeberg — Das Herz machte nicht mehr mit, es sammelte sich Wasser im Körper. Das Treppensteigen wurde dem Mann zur Qual. Inzwischen geht es ihm wieder besser. Heute hat er sich noch mal untersuchen lassen und seine Medikamente abgeholt. Dann macht er sich wieder auf die Reise, zurück in den Spreewald, ein paar Stunden über die Autobahn.

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Es war grandios. Man kann sich das gar nicht vorstellen.“Uwe Denker über die Unterstützung für die „Praxis ohne Grenzen“

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Die Menschen kommen teils von weit her zur „Praxis ohne Grenzen“ nach Bad Segeberg, zu zwei Räumen in einem geduckten Haus im Schatten der Marienkirche. Sie sind krank und wissen oft nicht weiter.

Sie sind durchs Netz gefallen, manche bis ganz nach unten. Und jetzt stehen sie hier und werden aufgefangen. Man stellt ihnen keine Fragen. Man will nicht wissen, wo sie versichert sind, welche Papiere sie haben, wer die Kosten trägt. Man will nur wissen, wo es weh tut, und dann werden sie behandelt.

Dr. Uwe Denker (75) hat die Praxis vor dreieinhalb Jahren gegründet. Er war Allgemeinmediziner in Bad Segeberg, jetzt ist er im Ruhestand. Ein freundlicher Mann, ruhig, gelassen, einer, der viel gesehen und viel verstanden hat. Als er mit dem Projekt begann, allein mit seiner Arzttasche in einem Konferenzraum bei der AOK, dachte er vor allem an Obdachlose als Patienten, an Migranten, an Mittellose. Jetzt aber sitzt meist der normale Mittelstand im Wartezimmer: Bauhandwerker, Schlachtermeister, Heilpraktiker, Versicherungsvertreter. Und sie werden zahlreicher.

„Es ist ein Segen“

Da ist der Mann aus Bad Oldesloe, 56 Jahre alt, der sich mit Kleintransporten selbstständig gemacht hat und irgendwann seine Krankenversicherung nicht mehr bezahlen konnte. „Das kriegst du schon hin“, hat er gedacht, und es ging natürlich schief. Er kam ins Krankenhaus, Schlaganfall. Jetzt ist er wieder auf den Beinen, aber die Rechnungen von der Klinik und für den Rettungswagen, ein paar tausend Euro insgesamt, die zahlt er in Raten ab. Bei Uwe Denker wird er untersucht und bekommt seine Tabletten, alles kostenlos. „Es ist ein Segen“, sagt seine Schwester, die neben ihm sitzt.

„Solche Menschen gibt es nicht alle Tage.“

Das sagt jeder, der hier ins Wartezimmer kommt. Die arbeitslose Mutter und ihre Tochter mit einem 450-Euro-Job sagen das, die an Neurodermitis leiden. Die fünffache Mutter sagt das, die Medikamente braucht, deren Mann wenig verdient und die jetzt ihre Schwester begleitet. Die Frau aus dem Spreewald sagt das, deren Freund auf Kosten der Praxis noch zu einem Kardiologen geschickt wird. Und es sagt der Mann, der regelmäßig aus Hamburg kommt und sich seine Medikamente abholt. Er hat BWL studiert, in großen Unternehmen gearbeitet und war fast 30 Jahre selbstständig. Dann hatte er einen schweren Burn-out, einen völligen körperlichen Zusammenbruch, und mehr als 150 000 Euro Außenstände für ihn sollen auch noch aktenkundig sein. „Die Ersten, die einen kaputt machen, sind die Banken“, sagt er und erzählt von Hartz IV und den 380 Euro pro Monat, die gerade einen halben Monat reichten. Von der Hamburger Tafel, ohne deren Hilfe es nicht gehe. Von den Sachbearbeitern, mit denen er Glück gehabt habe, „aber man fängt ja jedesmal an zu heulen“. Von der Krankenkasse, die ihn jetzt wohl aufnehmen will, ihn, einen nicht sehr gesunden Mann von über 55 Jahren.

Uwe Denker hat alleine begonnen, und er hätte auch allein weitergemacht. Aber er bekam schon bald Unterstützung. Nach wenigen Wochen kam ein Arzt aus Wahlstedt hinzu, dann einer aus Trappenkamp, nach anderthalb Jahren hatten sie einen Pool von 75 Mitarbeitern: Ärzte, Apotheker, Sprechstundenhilfen, Krankenschwestern, Physiotherapeuten, Psychiater, Psychologen — quer durch die Branche, und alle wollten helfen.

Und es kamen Spenden: Es gab Geld von den Apothekern und günstige Schränke von einem großen Möbelhaus. Sie bekamen EKG- und Ultraschallgeräte und mussten für eine teure Einheit zur Augenuntersuchung keinen Pfennig dazubezahlen. Handwerker berechneten nur das Material, ein Lübecker Laborarzt arbeitet seit Beginn an kostenlos mit, und der damalige Ministerpräsident Peter-Harry Carstensen schaltete sich ebenfalls ein. „Es war grandios“, sagt Denker. „Man kann sich das gar nicht vorstellen.“

Aber sie brauchen auch viel Geld. Für Medikamente geben sie monatlich bis zu 1000 Euro aus. Sie zahlen Miete für die Räume und übernehmen Krankenhausrechnungen. Eine Entbindung kostete sie 4300 Euro, für einen Darmkrebspatienten haben sie mehr als 20 000 Euro bezahlt.

Aber es nützt ja nichts. „Muss ja“, sagt Uwe Denker. „Wer hier an die Tür klopft und sagt: ,Ich bin in Not‘, dem wird geholfen. Und sie sind meistens in Not.“ Und manchmal passiert es dann, dass eine Patientin mit einer Muskelerkrankung von einer Spezialistin in Hannover nach allen Regeln der Kunst untersucht wird, und dann kommt eine Rechnung, und darauf steht: 37 Euro und zehn Cent.

Anfragen aus Kairo

Er hat sich früher nicht vorstellen können, dass jemand keine Krankenversicherung hat, sagt er. Zumal das seit 2007 auch Pflicht ist. Dann machte er die „Praxis ohne Grenzen“ auf und stieß auf eine neue Welt. Menschen leben darin, die eine Gratwanderung versuchen. Einige seit Jahren, andere seit kurzem, und viele stürzen ab.

800 000 sind es in Deutschland, die sich Krankheit nicht mehr leisten können, schätzt er. In Bad Segeberg gehen Anfragen aus München und Berlin ein, es kommen Rückmeldungen aus Kairo, Bangkok, der Ukraine und den USA. Wenn Uwe Denker zu Hause ist, berät er stundenlang Menschen am Telefon. Es sind viele, und es werden immer mehr. Aber das ist nicht entscheidend, sagt er: „Zur Not machen wir das hier auch nur für einen Patienten.“

Ein „Held des Nordens“
Uwe Denker (75) ist in Kiel groß geworden, hat dort Medizin studiert, war Klinikarzt in Kiel und Flensburg und hat in Bad Segeberg eine Praxis aufgebaut. Seine Frau Christa war dort schon seine „rechte Hand“, sagt er. Sie hilft auch in der „Praxis ohne Grenzen“, so wie seine frühere Sprechstundenhilfe Carola Koth. Er hat mit 68 „aufhören müssen“, die Altersgrenze war erreicht. Seit mehreren Jahren aber arbeitet seine Tochter in der ehemaligen Praxis.


Der Allgemeinmediziner und Facharzt für Kinderheilkunde hat sich in Bad Segeberg unter anderem im Sozialausschuss engagiert, war Vorsitzender des örtlichen Gesundheitsforums und des Ärztevereins. Für seine Arbeit mit der „Praxis ohne Grenzen“ ist er vielfach geehrt worden. U. a. wählten ihn 2010 Hörer des NDR und Leser norddeutscher Zeitungen zum „Helden des Nordens“.


Die „Praxis ohne Grenzen“ öffnet jeden Mittwoch von 15 bis 17 Uhr — Bad Segeberg, Kirchstraße 2,

Telefon: (04551) 95 50 27.

Spenden: Volksbank Raiffeisenbank

Kennwort: „Praxis ohne Grenzen“

Konto: 568 00 000; BLZ: 212 900 16

Peter Intelmann

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