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Sauber im Sattel, spät im Ziel

Lübeck Sauber im Sattel, spät im Ziel

Heute beginnt die 100. Tour de France. Unsere Männer fahren nicht vorn mit. Das ist eine gute Nachricht für den deutschen Sport.

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Lübeck. Wenn heute 198 Radfahrer auf Korsika die 100. Tour de France in Angriff nehmen, ist das fast nur noch eine Randnotiz im Sportgeschehen. Zumindest in Deutschland, wo sich der Radsport seit dem Tour-Ausschluss des ehemaligen Siegers Jan Ullrich 2006 nicht mehr von der Einordnung als Sportart mit dem schlechtesten Leumund erholt hat. Das größte Radsportereignis der Welt hat schon bessere Zeiten erlebt.

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In den Bergen werden die deutschen Fahrer meist abgehängt: das Peloton 2012 während der 16. Etappe in den Pyrenäen.

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In Frankreich allerdings ist das Interesse bei dieser Jubiläumstour so groß wie lange nicht mehr. Die Verstrickung auch der großen Helden in Sportbetrug-Affären ändert daran nichts. „Wir mögen auch Skandale“, sagte dazu der Kabarettist Emmanuel Peterfavi, besser bekannt als „Alfons“. „Woanders verliert man das Interesse an der Tour wegen des Dopings. Aber für uns Franzosen ist es spannend, wenn etwas ein bisschen aus der Reihe tanzt“, findet der Mann mit dem Puschelmikrofon.

Es gibt aber noch einen Grund neben dem fortgesetzten Sportbetrug, warum in Deutschland kein Tour-Fieber herrscht: Es fehlt an heimischen Figuren, die vorne im Peloton mitmischen könnten. Zumindest fehlen sie im Bewusstsein der Sportkonsumenten. Ob ein Chris Froom (Großbritannien) oder ein Alberto Contador (Spanien) Gesamtsieger wird, das lässt hierzulande nur die Achseln zucken.

Doch es finden sich unter den neun deutschen Teilnehmern der diesjährigen Tour einige reifere Talente, die zumindest der Radsport- Gemeinde vertraut und des Dopings nicht verdächtig sind. Sie könnten in diesem Sommer ein paar Ausrufezeichen bei der Großen Schleife setzen — doch für einen vorderen Platz im Gesamtklassement, gar auf dem Podium, kommt keiner in Frage. Das ist zumindest ein Indiz für Redlichkeit.

Tony Martin — der unbekannte Weltmeister

Zum Beispiel Tony Martin. Er ist bereits 28 Jahre alt und zweifacher Weltmeister. Mit seinem spezifischen Talent, der Leidensfähigkeit, hat er eine Nische besetzt, die das große Publikum leicht übersieht: das Zeitfahren, bei dem jeder Fahrer auf sich allein gestellt ist. Bei normalen Etappen ist Martin unsichtbar. Aber am 10. Juli kann er sich beim 33-Kilometer-Zeitfahren von Avranches zur Insel Mont-Saint-Michel beweisen. Beim zweiten Zeitfahren am 17. Juli wird Martin aber kaum Chancen auf den Etappensieg haben — zu viele Berge stellen sich ihm im Département Hautes-Alpes entgegen.

Polizeimeister Tony Martin, zurzeit vom Beamtendienst freigestellt, geht offensiv mit dem Thema Doping um. Er hat sich soeben für drastische Sanktionen ausgesprochen. Doper sollten mit einer lebenslangen Sperre belegt werden, sagte er der „Bild“, und: „Unterstützend wäre es natürlich auch, wenn es nicht nur eine sportliche Strafe geben würde, sondern auch eine von einem ordentlichen Gericht.“

Experten für besondere Rennsituationen sind auch die Tour-Teilnehmer Marcel Kittel, André Greipel und John Degenkolb. Das deutsche Sprintertrio wird sich auf dem jeweils letzten Kilometer von flachen Etappen mit der britischen Dampframme Mark Cavendish herumschlagen müssen — und den Kürzeren ziehen, wie meist in der Vergangenheit.

André Greipel, 1982 in Rostock geboren und Spross des Jan-Ullrich-Nachwuchsteams, wurde soeben deutscher Meister und ist ebenfalls ein glaubhafter Saubermann: Er werde sich den Betrügern nicht geschlagen geben und „der Jugend und den Menschen da draußen weiterhin zeigen, dass es auch anders geht: fair und vor allem ehrlich“, lässt er wissen. Der stets frohgelaunte Kerl mit dem Spitznamen „Gorilla“ wird mit seinen 80 Kilo in den Alpen und Pyrenäen allerdings abgehängt werden und fällt damit für vordere Gesamtränge aus.

Ähnlich gebaut ist Marcel Kittel (25). Auch er hat nicht nur eine dezidierte Meinung zum Umgang mit Dopern, er äußert sie auch: Er will schärfere Strafen für die Erwischten und lässt selbstbewusst wissen: „Wir haben sehr gute junge Fahrer, und wir wollen für unser eigenes Recht kämpfen und neues Vertrauen entgegengebracht bekommen.“

John Degenkolb (24) gilt zwar als Sprinter, ist mit seinen 180 Metern Größe und 77 Kilo Gewicht aber ein Allrounder, der gut über große Steigungen kommt. Und er weist eine feine Rennintelligenz auf: Er antizipiert Rennverläufe, das gleicht manche konditionelle Schwäche aus. Doch sein Potenzial kann er eher bei Ein-Tages-Klassikern ausspielen als bei der dreiwöchigen Tour. Von seinem einstigen Idol Jan Ullrich hätte er sich gewünscht, „dass er mal richtig mit seiner Vergangenheit aufräumt und offen über alles redet“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“.

Was Degenkolb, Martin, Greipel und Kittel eint: Sie sind — anders als einst Jan Ullrich — selbständig denkende Fahrer, die über die medizinischen Risiken von Sport und Doping Bescheid wissen und keine väterlichen Manager an der Seite brauchen. Sie sind andererseits auch keine Besessenen — wie Lance Armstrong —, die nicht verlieren können. Degenkolb hat bereits einige Erfolge vorzuweisen — fünf Etappensiege bei der Vuelta a España —, doch er will sich für Resultate nicht verbiegen: „Einen Schritt nach dem anderen.“ Tony Martin gibt der Öffentlichkeit zur Leistung deutscher Fahrer zu bedenken: „Man kann keine Supersprünge erwarten, aber in den nächsten fünf bis zehn Jahren kann man den Radsport wieder gesellschaftsfähig machen.“

Bei aller Zuversicht, dass die jüngeren deutschen Radprofis keine pharmakologischen Beschleuniger nutzen, bleibt doch Skepsis: Schon oft wurde man von diesem Sport eines Schlechteren belehrt.

Sie sind alle sympathische Typen. Doch unsympathisch war Jan Ullrich zu seiner aktiven Zeit auch nicht.

André Greipel
Alter: 30 Team: Lotto Berisol Erfolge: Oranges Trikot in der Gesamtwertung der Tour Down Under 2008 und 2010, vier Etappensiege bei der Tour de France, zwei Etappensiege beim Giro d‘Italia, vier Etappensiege bei der Vuelta a España, Grünes Trikot in der Punktewertung der Vuelta a España 2009, Deutscher Straßenmeister 2013.
Marcel Kittel
Alter: 25 Team: Argos-Shimano Erfolge: Deutscher Meister Einzelzeitfahren Junioren 2006, Deutscher Meister Einzelzeitfahren U23 2007, Weltmeister Einzelzeitfahren Junioren 2005, 2006, Europameister Einzelzeitfahren U23 2009, Deutscher Meister Einzelzeitfahren U23 2010, Etappensieg Vuelta a España 2011, vier Etappensiege Polenrundfahrt 2011.
John Degenkolb
Alter: 24 Team: Argos-Shimano Erfolge: fünf Etappen Vuelta a España 2012, eine Etappe Giro d‘Italia 2013, Deutscher Meister (U23) 2010, Vize- Weltmeister im Straßenrennen (U23) 2010, Sieg beim Eintagesrennen Eschborn-Frankfurt 2011, erster Platz in der Gesamtwertung der UCI Europe Tour 2012, Ehrung als „Radsportler des Jahres“ 2012.
Tony Martin
Alter: 28 Team:   Omega Pharma-Quick-Step Cycling Erfolge: Olympiazweiter im Einzelzeitfahren 2012, Weltmeister im Einzelzeitfahren 2011 und 2012, Deutscher Zeitfahrmeister 2010 und 2012, Gesamtsieg Eneco Tour 2010, Gesamtsieg Paris—Nizza 2011, Gesamtsieg Tour of Beijing 2011, 2012, Deutscher Meister Einzelzeitfahren 2013.

Michael Berger

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Von Redakteur Michael Berger

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