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22:10 27.06.2013
Von Peter Intelmann
Lübeck

Urlaub ist nichts für Feiglinge. Man muss sich nicht nur erholen können, man muss es auch wollen. Und dazu gehört ein klarer Schnitt gegenüber der Arbeit. Aber den bekommen längst nicht alle hin. Sie packen mindestens ihr Handy ein, und dann ist die Falle im Grunde schon zugeschnappt.

Aber das ist auch kein Wunder in einem Land, das in den vergangenen Jahren von Handys regelrecht überschwemmt wurde. Laut dem Branchenverband Bitkom hat es 1992 in Deutschland eine gute halbe Million Mobilfunkanschlüsse gegeben. Inzwischen ist die Zahl explodiert. Vor zwei Jahren zählte man schon 114 Millionen (bei gut 80 Millionen Einwohnern!), und der Großteil davon sind inzwischen Smartphones.

Sie stellen vier von fünf Geräten, die in diesem Jahr verkauft werden, und das werden voraussichtlich insgesamt 35 Millionen sein.

Smartphones sind ja keine Telefone. Es sind Minicomputer, mit denen man auch telefonieren kann. Sie sind nützliche Sklaven und in vielen Fällen kaum zu schlagen. Aber sie können einen eben auch zum Sklaven machen. Sie rauben Zeit, sie belasten mit völlig absurdem Wissen. Vor allem aber schließen sie einen via Internet an all den großen und kleinen Wirbel um einen herum an, und das auch zu Zeiten, in denen man ihn gar nicht braucht. Sie heben die Grenze auf zwischen Arbeit und Freizeit, was ein Segen sein kann, aber sich doch so viel öfter als Fluch erweist.

Die Deutsche Telekom hat darauf vor drei Jahren reagiert. Sie erließ eine Richtlinie, wonach Mitarbeiter außer in Notfällen abends, am Wochenende und im Urlaub nicht auf Mails und Anrufe reagieren müssen. Das habe zunächst nur für leitende Angestellte gegolten, aber die seien Vorbild für alle 130 000 Beschäftigten des Konzerns gewesen, sagt ein Sprecher. Eine Untersuchung über die Folgen stehe noch aus, aber das Ziel war klar: „Ein Unternehmen darf und soll nicht komplett über die Zeit der Mitarbeiter verfügen“, erklärte Telekom-Managerin Mechthilde Maier in einem Interview. „Sie brauchen garantierte Frei- und Ruheräume, in denen sie ungestört sind.“

Das ist wohl wahr. Vor allem haben sie diese Räume dringend nötig. Mehrere Untersuchungen in den vergangenen Jahren haben ergeben, dass viele Menschen auch im Urlaub arbeiten. Dabei sagten laut dem „Urlaubsreport 2012“ der DAK sechs von zehn Befragten, der fehlende Arbeitsstress sei der wichtigste Faktor für eine gute Erholung. Bei den 33- bis 44-Jährigen waren es gar drei von vier.

Und es sind nicht nur Führungskräfte, die sich für unentbehrlich halten, die allerdings ganz besonders. Nur zwei Prozent von ihnen sind nach Feierabend nicht zu erreichen, ergab eine Studie der Technischen Universität München. 86 Prozent fühlten durch die ständige Erreichbarkeit über ihre Smartphones zumindest zeitweise höheren Stress, mehr als jeder Dritte spürte diesen Stress sogar häufig oder jederzeit. Einen deutlichen Schub hat die Erreichbarkeit laut einer Erhebung des Personaldienstleisters Robert Half 2007 erfahren — 2007 war das Jahr, in dem die Smartphones in die Läden kamen.

Dabei ist man nicht verpflichtet, ständig erreichbar zu sein. Laut dem Bundesurlaubsgesetz müssten Arbeitnehmer an ihren freien Tagen grundsätzlich ganz von der Arbeit entbunden sein, sagt die Kölner Arbeitsrechtsanwältin Nathalie Oberthür. Anderslautende Klauseln im Arbeitsvertrag seien unzulässig.

Und es ist vor allem unverzichtbar, sich für eine Zeit ganz auszuklinken. „Wir raten, das Handy im Urlaub auf jeden Fall auszuschalten“, sagt Professor Michael Kastner, Leiter des Instituts für Arbeitspsychologie und Arbeitsmedizin in Herdecke. Nur ein Mensch sollte wissen, wo man steckt, um im Notfall erreichbar zu sein. Ansonsten gelte: Ich bin dann mal weg. Und das am besten drei Wochen lang.

Das Handy sei ein Stressfaktor, sagt er. „Man kommt dadurch immer wieder in eine Alarmsituation. Viele meinen, sie hätten weniger Stress, wenn sie wüssten, was im Büro läuft. Aber das ist Quatsch.

Legen Sie die Uhr ab, machen Sie das Handy aus — Sie müssen gar nichts, sondern nur nach Licht, Luft und Liebe leben. Wenn man lesen will, liest man. Wenn man schlafen will, schläft man. Man muss den Körper in eine absolute Ruhephase bringen, und es dauert ja schon fast eine Woche, bis er soweit ist. Wenn man zwischendurch immer wieder zum Handy greift, kriegt man sein Stresslevel nicht in den Griff.“ Wenn der Körper diese Auszeiten nicht bekomme, seien langfristig Bluthochdruck oder Burn-out die Folge. „Urlaub ist Urlaub“, sagt er. Und ein schlechtes Gewissen müsse deswegen niemand haben.

Peter Intelmann

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