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Schatten auf dem Sommermärchen

Hannover Schatten auf dem Sommermärchen

Bei der Vergabe der Fußball- Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland soll Schmiergeld geflossen sein.

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Da war noch alles gut: die Führungsriege der deutschen Mannschaft (v. l.) mit dem Torwarttrainer Andreas Köpke, Bundestrainer Jürgen Klinsmann, Co-Trainer Joachim Löw und Teammanager Oliver Bierhoff zum Abschluss der Weltmeisterschaft im Juli 2006 auf der Fanmeile in Berlin.

Quelle: Fotos: Marcus Brandt/dpa; Imago

Hannover. Es ist der 6. Juli 2000, der Tag der großen Entscheidung. Mit 12:11 Stimmen bekommt Deutschland den Zuschlag für die Weltmeisterschaft 2006. Es ist der Geburtstermin einer Veranstaltung, die lange Zeit als Sommermärchen in den Geschichtsbüchern firmieren wird. Möglich wurde sie, weil sich der Neuseeländer Charles Dempsey enthalten hatte. Bei einem 12:12 hätte die Stimme von Fifa-Präsident Sepp Blatter doppelt gezählt — und Südafrika die WM erhalten.

Die Satirezeitschrift „Titanic“ hatte sich jahrelang mit einer Geschichte gebrüstet: Aus einer Laune heraus hatte ihr Chefredakteur Martin Sonneborn am Vorabend der Abstimmung ein Fax ins Hotel geschickt und den Fifa-Herren „feinste deutsche Kuckucksuhren“ und deutsche Wurstwaren versprochen, wenn sie für Deutschland stimmen würden. Und nach der Abstimmung wird Dempsey, zermürbt von tagelangem Werben, Einflüstern und Diskutieren, den folgenden Satz sagen: „This final fax broke my neck“ — dieses letzte Fax habe ihm das Genick gebrochen.

Weder Uhren noch Wurst

Denn seit gestern ist endgültig klar: Diese herrliche Geschichte rund um das Fax und die Kuckucksuhren, sie ist zwar schön — aber falsch. Am Ende waren es wohl doch nicht Kuckucksuhren und Wurstkörbe, die Deutschland den Zuschlag verschafften. Sondern gekaufte Stimmen.

Die Weltmeisterschaft selbst ist ebenso unvergessen wie unzerstörbar. Die Legende von der moralisch untadeligen Fußballnation aber ist gestern zerplatzt. Denn ab sofort steht die bittere Frage im Raum: War das alles nur gekauft?

Laut dem Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ hätte es das Sommermärchen nie geben dürfen — die Rede ist von Bestechungsgeld in Millionenhöhe. Konkret geht es um 13 Millionen D-Mark, die der damalige, 2009 verstorbene Adidas- Chef Robert Louis-Dreyfus in eine schwarze Kasse eingezahlt haben soll, als Darlehen, um Funktionäre im Fifa-Exekutivkomitee bei der Vergabe des Turniers an Deutschland zu „überzeugen“. Und es geht um 6,7 Millionen Euro, für deren Rückzahlung das WM-Organisationskomitee mit Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach an der Spitze im Jahr 2005 den Umweg über ein Fifa-Konto gewählt hatte. Stimmen die Anschuldigungen, bedeutet dies unweigerlich: Sie hängen alle ganz tief mit drin.

Beckenbauer wollte sich gestern nicht äußern. Der DFB dementierte vehement und ließ mitteilen: „Die Zahlung stand in keinem Zusammenhang mit der bereits rund fünf Jahre zuvor erfolgten Vergabe.“ Am Abend schob der Verband nach und kündigte rechtliche Schritte gegen die Veröffentlichungen des „Spiegel“ und auf „Spiegel.online“ an.

Niersbach selbst hatte im Juni dieses Jahres noch erklärt: „Ich darf immer daran erinnern, dass wir die absolut beste Bewerbung hatten. Das hat uns die Fifa von einer unabhängigen Kommission bescheinigt. Es hat eine Abstimmung gegeben mit 12:11. Wir wissen, dass die acht Europäer für uns gestimmt haben. Wo die vier anderen Stimmen herkamen, können wir nur spekulieren. Die haben wir überzeugt.“ Inzwischen muss man fragen: Womit überzeugt? Von den drei noch lebenden asiatischen Funktionären verweigerten zwei Vertreter auf „Spiegel“-Anfrage eine Stellungnahme. Der Südkoreaner Chung Mong-Joon sagte, die Fragen seien es nicht wert, beantwortet zu werden. Chung wurde jüngst von der Fifa-Ethikkommission sechs Jahre gesperrt. Ihm werden Verstöße im Zusammenhang mit Südkoreas gescheiterter Bewerbung für die WM 2022 vorgeworfen.

Bereits vor etwas mehr als einem Jahr hatte der Weltfußballverband Beckenbauer in den Mittelpunkt eines Skandals um eine WM-Vergabe gerückt — damals allerdings ging es um Russland und Katar. Jetzt geht es um Deutschland.

Sollten sich die harten Anschuldigungen des „Spiegel“ bewahrheiten, dass das Geld aus der schwarzen Kasse benutzt wurde, um Deutschland vier asiatische Stimmen zu sichern, dann ist der größte Fußballskandal der deutschen Geschichte perfekt — und von denen hat es schon so manchen gegeben.

Um zu verstehen, was rund um diesen 6. Juli 2000, den Tag der Kuckucksuhren-Abstimmung in Zürich, tatsächlich passiert ist, muss man noch ein Stück weiter zurückgehen. Dorthin, wo alles begann.

Am 2. März 1997 stellt der DFB ein Team aus fünf Männern auf, das die WM 2006 nach Deutschland holen soll: DFB-Präsident Egidius Braun, dessen Vize Gerhard Mayer-Vorfelder, DFB-Generalsekretär Horst Schmidt, DFB-Präsident Wolfgang Niersbach (damals noch Pressesprecher) — und eben Franz Beckenbauer.

Deutschland hat seine Bewerbung schon vier Jahre vorher angemeldet, bis jetzt stehen die Chancen gut. Als ernst zu nehmende Konkurrenten sind Brasilien und England im Rennen. Südafrika, Marokko und Ägypten gelten als Außenseiter. Die Unterstützung von Fifa-Präsident João Havelange gilt als sicher. Alles, was Deutschland jetzt noch tun muss, ist, um Zustimmung bei den Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees zu buhlen. Dafür hat der DFB Beckenbauer vorgesehen. Doch dem „Kaiser“ ist die Sportpolitik fremd. Und deshalb stellt ihm der DFB einen Mann zur Seite, der mit allen Wassern gewaschen ist, der Fäden ziehen und Politik machen kann: Fedor Radmann. Als Adidas-Marketingchef kennt Radmann das Geschäft.

Während das Duo Beckenbauer-Radmann auf Goodwill-Tour ist, schlägt Fifa-Präsident Havelange plötzlich einen Salto rückwärts. Am 10. Februar 1998 wirft der Brasilianer wie aus heiterem Himmel Deutschland vor, den Weltfußball dominieren zu wollen. Im Juni 1998 wird der Schweizer Joseph Blatter neuer Fifa-Präsident — und der verfolgt seine eigenen Ziele. Die Karten im WM-Poker sind neu gemischt, und der Druck auf das Gespann Beckenbauer-Radmann wächst mit jedem Tag.

Blatter, inzwischen genauso gesperrt wie sein Kollege Michel Platini von der Uefa, hat den Deutschen immer signalisiert: Wenn ihr mich stürzen wollt, dann reiße ich euch mit in den Abgrund. Jetzt hat sich dieser Abgrund plötzlich aufgetan.

„Keinerlei Hinweise“
Der DFB hat gestern eine Erklärung abgegeben — Auszüge:



„Im Rahmen seiner Prüfungen hat der DFB keinerlei Hinweise auf Unregelmäßigkeiten gefunden. Ebenso wenig haben sich irgendwelche Anhaltspunkte dafür ergeben, dass Stimmen von Delegierten im Zuge des Bewerbungsverfahrens gekauft wurden.


Im zeitlichen Zusammenhang mit diesen Prüfungen sind dem DFB Hinweise bekannt geworden, dass im April 2005 eine Zahlung des Organisationskomitees der WM 2006 in Höhe von 6,7 Millionen Euro an die Fifa geleistet wurde, die möglicherweise nicht dem angegebenen Zweck (Fifa-Kulturprogramm) entsprechend verwendet wurde. Die Zahlung stand in keinem Zusammenhang mit der bereits rund fünf Jahre zuvor erfolgten Vergabe.


Diese Hinweise hat der DFB-Präsident im Sommer dieses Jahres zum Anlass genommen, eine interne Untersuchung anzuordnen, die die Aufklärung dieses Vorgangs zum Gegenstand hat. . .
. Die Prüfungen dauern noch an.“
„Wo die vier anderen Stimmen herkamen, können wir nur spekulieren. Die haben wir überzeugt.“
DFB-Präsident Wolfgang Niersbach

Marco Fenske, Imre Grimm und Udo Röbel

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Wurde die WM 2006 gekauft?
Von Jürgen Rönnau

Bisher konnte sich der DFB elegant heraushalten aus den Korruptionsgeschichten, die seit Wochen die Fifa erschüttern bis ins Mark und über ihren Präsidenten Michel Platini auch die Uefa erreicht haben.

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