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Seite Drei „Schauerböen und sonst gute Sicht“
Nachrichten Seite Drei „Schauerböen und sonst gute Sicht“
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20:21 30.07.2016
Im vergangenen Jahr: Charly Brüser am Steuerrad mit seinen Seglerfreunden Andreas Krause (M.) und Dieter Bruhn. Quelle: Fotos: Privat, Wolfgang Maxwitat, Fotolia

Lübeck. In der Biskaya brach sich erst mal einer aus der Crew den Oberarm. Charly Brüser musste Ostende ansteuern und ihn an Land bringen. Beim Drehen dort im Hafen fiel die Maschine aus, und sie rammten einem schwimmenden Restaurant ein schönes Loch in den Rumpf. Bei der Elbe dann war Nebel, „aber so was von Nebel!“ Ein Küstenmotorschiff trieb vorbei und riss ihnen den Klüverbaum weg. Eine Seefahrt ist manchmal eben nur in Grenzen lustig.

Und du denkst immer nur: Oh Gott, diese Situation, vergiss sie nie!“Charly Brüser über

große Momente beim Segeln

Aber man hat was zu erzählen. Und Charly Brüser aus Lübeck hat einiges zu erzählen. Er ist jetzt 84 und hat im Grunde die letzten sechs Jahrzehnte auf dem Wasser verbracht. Er hatte mit Segelschiffen zu tun, mit denen vor allem. Er ist viel herumgekommen zwischen Neuseeland und Travemünde. Er hat wunderbare Dinge erlebt und anderes, was zum Merken eher nicht geeignet war. Aber es gehört ja alles zusammen. Segeln ist Segeln, in guten wie in schlechten Zeiten, so heißt es doch wohl. Er selbst sagt: „Schauerböen und sonst gute Sicht.“ Und lacht.

Das ist eine ganze Menge für jemanden aus dem Sauerland, wo manche die See nur für ein Gerücht halten. Aber er war 14, als er in Ostfriesland am Ufer stand und zum ersten Mal das Meer sah. Als es nur Weite gab, irgendwo da hinten den Horizont und auch sonst wenig Grenzen. Und dann war die Sache im Grunde nicht mehr aufzuhalten.

Er ging nach Flensburg zur Marine, hatte einen Unfall, wurde Geschäftsführer und Jugendtrainer beim Lübecker Yachtclub. Er hatte eine Segelschule und einen Segelladen, war Technischer Leiter bei der Travemünder Woche. Er stand bei der „Lisa von Lübeck“ am Steuerrad und bot mit der „Adler von Lübeck“ Chartertouren an. Er fuhr Gäste durch griechische Gewässer und überführte Yachten wie die des Aachener Schokoladenfabrikanten, der im Nebel in der Elbmündung der Klüverbaum abhanden kam. Die Seefahrt ist sein Leben, er hat sogar ein Buch darüber geschrieben. „Labskaus und Rotspon unter Segeln“ heißt es und ist eine Hommage an das Wasser und was einem darauf passieren kann.

Zum Beispiel im Kanal von Korinth, einer schmalen, gut sechs Kilometer langen Passage, die man vor mehr als hundert Jahren durch griechisches Felsgestein getrieben hat. Man kann fast die Wände berühren, so eng ist diese Schlucht von Menschenhand. Und als sie hineinfuhren, die Sonne hatte sich verabschiedet, es war warm, es war einer dieser flirrenden griechischen Abende, da ging vor ihnen am Ende des Kanals der Mond auf, füllte die Passage aus mit seinem ganzen Licht und seiner ganzen Magie, und sie hielten genau darauf zu. „Unfassbar“, sagt er. „Ein Traum. Das Schiff läuft fast automatisch, du hast einen Sundowner in der Hand und guckst dir die Welt an. Und du denkst immer nur: Oh Gott, diese Situation, vergiss sie nie! So was erlebst du nicht noch mal!“

An Bord war auch Klaus Oldendorff, Reeder, Freund und ebenso versunken im Segeln wie Charly Brüser. Er war krank, sehr krank, aber Brüser hat ihn selten so ausgeglichen erlebt wie auf dieser Fahrt.

Ein Vierteljahr später war er tot.

Jahre zuvor hatte sich Oldendorff eine Yacht bauen lassen, auf einer Werft in Auckland in Neuseeland. 32 Meter lang war sie, hatte einen 40 Meter hohen Mast, eine selten geglückte Verbindung von Technik und Eleganz. Brüser sollte die „Happy Four“ vom anderen Ende der Welt nach Limassol auf Zypern segeln. Ein Vierteljahr waren sie unterwegs, drei Monate voller wunderbarer Momente.

Sie fuhren über Australien durch die Java-See an Bali und Surabaya vorbei nach Singapur, wo ein Tag im Hafen 3000 Dollar kostete. Sie waren gefasst auf Piraten in der Straße von Malakka, aber es waren keine Piraten da. Sie gingen eine Woche in Phuket vor Anker, wo der Strand traumhaft war und nach dem Tsunami Jahre später ein Trümmerfeld, ein Totenacker. Sri Lanka kam in Sicht, der Golf von Aden. Und als sie in das Rote Meer kamen, ging auf der einen Seite die Sonne unter, auf der anderen Seite hob sich der Mond in den Abendhimmel, Fische sprangen, sie hatten leise Musik an Bord, und dann steht man da und kann das alles gar nicht fassen.

Aber das Segeln hätte ihn auch fast Kopf und Kragen gekostet. Das Wasser hatte ihn schon gepackt und ihm gezeigt, welche Ungeheuer da draußen warten. Vor Portugal war das, als er die „Judith“

überführen sollte. Sie waren noch nicht weit aus dem Hafen heraus, als das Schiff sich merkwürdig verhielt. Er sah unter Deck und stand schon bis zur Hüfte im Wasser. Jemand hatte ein Bullauge nicht geschlossen, und jetzt spritzte das Wasser durch die Türritzen. In solchen Momenten bleibt nicht viel Zeit zum Überlegen. Er stürzte nach oben, machte noch das Schott zu, setzte seine Mütze auf, „so ein Blödsinn“, sprang ins Wasser, wo die anderen schon schwammen – und landete in einem Knäuel aus Tampen. Er konnte sich gerade noch befreien, bevor die „Judith“ unterging, sonst hätte sie ihn mitgerissen.

„Und dann bringen sie dich an Land“, sagt er. „Und du stehst da auf der Pier, tropfnass, und hast nichts mehr. Kein Geld, kein Schiff, gar nichts. Du stehst nur da und bist schiffbrüchig. Das war mein Waterloo, das Ganz-unten-Ding.“

Aber es nützt ja nichts. „Durch diese schlimmsten Momente, da muss man einfach durch“, sagt er. „Was hab’ ich schon für Wasser auf den Kopf gekriegt. Aber du bist ja eingebunden in diese Maschine, die musst du beherrschen können. Und wenn das alles so prima läuft, kommt das Sättigungsgefühl der Freude auf. Dann siehst du den Horizont und nichts anderes, das ist wunderschön.“ Hat Segeln mit Freiheit zu tun, Herr Brüser? „Ja“, sagt er, „das will ich wohl meinen.“

Segler-Latein von Achtern bis Winsch

Achtern: hinten; davon abgeleitete Begriffe wie achteraus oder Achterdeck meinen hinten und hinten befindliche Dinge

Backbord: links in Fahrtrichtung gesehen

Baum: das frei schwingende Längsholz des Großsegels; beim Ruf „Baum kommt“ muss man sich sofort abducken!

Crew: Besatzung eines Bootes

Dingi: kleines Motor- oder Ruderboot

Echolot: Tiefenmesser

Fock: das kleinere vordere Segel

Großsegel: Das größte Segel, wird am Mast und auf dem Baum befestigt

Hand-gegen-Koje: Onlineportal, über das Gelegenheiten zum Mitsegeln (weltweit) angeboten werden: www.handgegenkoje.de

Hissen: das Segel hochziehen

Jolle: kleines Boot, offenes Boot mit Schwert

Kreuzen: Zickzack-Segeln gegen den Wind

Lee & Luv: die dem Wind abgekehrte beziehungsweise zugekehrte Seite des Bootes

Leine: Seil

Mast: vertikale Stange, die das Großsegel trägt

Niedergang: Treppe/Leiter in die Kajüte

Pinne: Kurzbezeichnung für Steuerrohr

Reffen: Verkleinern der Segelfläche bei viel Wind

Seemeile: nautisches Längenmaß; eine Seemeile entspricht 1852 Meter

Skipper: verantwortlicher Schiffsführer der Yacht, er hat das Kommando

Steuerbord: rechts in Fahrtrichtung gesehen

Tiefgang: Distanz zwischen Wasseroberfläche und dem tiefsten Punkt des Bootes

Untiefe: Flachwasserstelle

Verzurren: die Ausrüstung an Bord sicher festbinden

Vollschlagen: leckschlagen

Wahrschau: Warnruf: Gefahr!

Winsch: Winde

Peter Intelmann

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