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„Schlichte Gesten, nicht viele Worte“

„Schlichte Gesten, nicht viele Worte“

Pastor Schwarze denkt an die spontane Gedenkfeier in der Lübecker Marienkirche zurück.

Lübeck. Bernd Schwarze hatte sich einen Tag frei genommen an diesem 11. September, einem Dienstag vor fünfzehn Jahren. Seine Frau hatte Geburtstag, sie waren zum Drägerpark an die Wakenitz gefahren und dort spazieren gegangen. Es war kein schönes Wetter, aber es gefiel ihnen, so waren sie ganz allein. Zurück im Auto stellten sie das Radio an, es liefen Nachrichten. Und sie waren schon halb aus der Parklücke heraus, als der Marienpastor wieder zurücksetzte und mit seiner Frau zu verstehen versuchte, was da Unfassbares in den USA geschehen war.

 

LN-Bild

Die Titelseite der „Lübecker Nachrichten“ vom 12. September 2001.

Quelle:

Zu Hause schalteten sie den Fernseher ein. Sie sahen die Maschinen, die ins World Trade Center flogen, sie sahen die Türme kollabieren, sie sahen den Staub und das Grauen über Manhattan. Er weiß

nicht mehr, ob er selbst zum Telefon gegriffen hat oder angerufen wurde. Jedenfalls war binnen einer halben Stunde klar, dass die Pastoren und Mitglieder aus den Vorständen der Innenstadtkirchen noch am Abend in der Marienkirche zusammenkommen mussten.

„Es gab keine wirkliche Vorbereitung“, sagt Schwarze, der damals noch recht neu an St. Marien war und heute Pastor an der Lübecker Petrikirche ist. Sie haben sich dann in der Marien-Sakristei getroffen und eilig eine kleine Andachtsliturgie ausgearbeitet. Ihm ist noch im Gedächtnis, wie AegidienPastor Thomas Baltrock an die Klagelieder Jeremias erinnerte, in denen die Zerstörung Jerusalems und des Tempels beklagt wird. „Wie liegt die Stadt so wüst“, heißt es darin. Aus ihnen sollte gelesen werden. Und Schwarze selbst kam in den Sinn, dass sie sich unter den Doppeltürmen der Marienkirche versammelten und in New York an diesem Tag die Doppeltürme an der Südspitze Manhattans in sich zusammengefallen waren.

Es war keine Zeit, die Gedenkfeier anzukündigen. Dafür ging alles zu rasch. Dennoch waren viele Lübecker gekommen. „400 waren es bestimmt“, schätzt der Pastor. „Sie waren verängstigt und besorgt. Sie waren ohne Einladung oder Zeitungsmeldung ganz spontan in die Mitte der Stadt gekommen und haben geschaut, ob sie in die Marienkirche gehen können. Ich erinnere mich an Gesichter, an Menschen, denen man ansah, dass sie geweint hatten und verzweifelt waren. Sie haben Trost gesucht, es gab Umarmungen. Es waren viele schlichte Gesten, nicht viele Worte, ein wenig Orgelmusik und dann der Versuch, sich auf die Weisheit alter Texte einzulassen. Es war einfach das erste Auffangen dessen, was die Anschläge mit den Menschen in unserer Stadt gemacht haben. Wenn etwas ganz Schlimmes passiert, suchen die Leute eigentlich nicht ihre Kirche auf, sondern kommen zur Marienkirche. Es war ein eindrückliches Gefühl, dass dieser besondere Ort in der Mitte der Stadt wieder einmal zeigte, was für eine Kraft er hat.“

Schwarze kann sich noch an die Stimmung dieser Tage in Lübeck erinnern. Er hat das vorher und nachher nie wieder so erlebt. „Es war schon sehr besonders“, sagt er. „Auch wie es mich erwischt hat. Es ist ganz besonders ans Mark gegangen.“ Er war selbst ein paar Jahre zuvor in New York gewesen und hat auch vom World Trade Center auf die Stadt geschaut. „Es war für mich kein anonymer Ort“, sagt er.

Er kannte die Gegend unten an der Südspitze, er wusste, wie es dort aussah.

Er hat in den nächsten Tagen nach den Anschlägen wenig geschlafen. Es gab viel zu bedenken und zu tun. Unter anderem fand zwei Tage später eine offizielle Gedenkfeier in der Marienkirche statt, bei der er predigte. Es waren 800 Menschen gekommen, das Philharmonische Orchester der Hansestadt spielte den „Trauermarsch“ aus Beethovens „Eroica“, Ernst-Erich Stender spielte Bach und Buxtehude auf der Orgel, es wurde gesungen, gelesen und geschwiegen, und Bürgermeister Bernd Saxe sagte: „Wozu sind Menschen bloß fähig, die auch noch glauben, von ihrem Gott ermächtigt zu sein?“ int

LN

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