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00:20 20.03.2016
Stallgeflüster: Annette Tenthoff vom Kattendorfer Hof. Die 44-Jährige kennt sich aus mit Schweinen, etwa 200 gibt es auf dem Bauernhof. Quelle: Ulf-Kersten Neelsen

Sauwohl? Ja, das könnte stimmen. Hier könnte ein Wort wie sauwohl wohl herkommen. Aus diesem Gewimmel von, sagen wir, vielleicht zwanzig Ferkeln, die sich übereinander türmen und untereinander hindurchkriechen, bis es einer der Sauen zu bunt wird, sie ein paar unruhige Geister durch die Luft wirbelt und dann wieder Ruhe ist im Koben. Jedenfalls bis zur nächsten kleinen Schweinerei.

Die Ferkel sind drei, vier Wochen alt, Angler Sattelschweine, eine etwas in Vergessenheit geratene Rasse, die hier im Stall eine Heimat gefunden hat. Der Stall gehört zum Kattendorfer Hof, einem mehr als hundert Jahre alten Anwesen, auf dem seit Mitte der Neunziger biologisch-dynamisch gewirtschaftet wird. Es gibt Ackerbau und Viehzucht, es gibt Ziegen, Rinder und Schweine. Und dass hier ein Kilo Schweinegulasch 18,50 Euro kostet, kommt nicht von ungefähr. Es stecken eine Menge besonderer Umstände darin.

Schweine auf dem Kattendorfer Hof kennen keinen nackten Spaltenboden, sondern haben Stroh in den Ställen. Sie behalten ihre Ringelschwänze, sie können zwischen drinnen und draußen pendeln, und reichlich Platz haben sie ebenfalls. Alt werden sie aber auch in Kattendorf nicht. Wenn sie 110 bis 130 Kilo wiegen, kommen sie auf den Hänger und werden fünfzehn Kilometer weiter Richtung Bad Segeberg gefahren. Nach Todesfelde. Zur Landschlachterei Pirdzuhn.

Es gibt etwa 200 Schweine auf dem Hof, davon zehn Zuchtsauen, und das hat mit den Kühen zu tun. Weil zum Hof auch eine Käserei gehört, beim Käsemachen Molke entsteht und Molke ein gutes Futter für Schweine ist, hängt die eine Zahl von der anderen ab. Es ist ein Kreislauf, ein Abkommen auf Gegenseitigkeit. Wie überhaupt der Hof ein Demeter-Hof nach Rudolf Steiner ist und sich als System versteht, als ein Organismus, bei dem auf natürliche Weise eins ins andere greift. Es soll möglichst wenig Überflüssiges entstehen und für möglichst alles eine Verwendung gefunden werden. Das ist die Idee.

Zum Thema: Wie leben Schweine in Schleswig-Holstein? Dieser Frage geht unsere dreiteilige Serie nach.

Ein Schweineleben beginnt in Kattendorf im Abferkelstall. Dort liegen bis zu vier Sauen auf Stroh in abgetrennten Buchten und warten darauf, demnächst etwa jeweils zehn Junge zur Welt zu bringen. Es ist warm, die Decke hängt tief, die Buchten sind mit Lärchenholz ausgekleidet, und auf die kleinen Schweine wartet eine Wärmelampe. Futter und Wasser kriegen die Sauen draußen.

Im nächsten Stall sind Ferkel und die bis zu 300 Kilo schweren Muttertiere noch ein paar Wochen zusammen, nach Möglichkeit in einer Gruppe mit den anderen Sauehn und deren Nachkommen. Es ist eine Familienbucht, in der die kleinen kastrierten Eber zusammen mit den anderen Schweinen aufwachsen. Nur der Vater fehlt. Der liegt nebenan, ein junger Eber, der sich eigentlich um bis zu vierzig Sauen kümmern kann und mit den zehn auf dem Hof eher unterbeschäftigt ist.

Acht Wochen insgesamt bleiben die Ferkel bei den Müttern, dann kommen sie eine Station weiter und haben im Grunde nur noch eine Aufgabe: größer werden. Sie schlafen und dösen, sie spielen und rangeln, vor allem aber fressen sie. Es gibt Molke und Kartoffeln, Kleie und Silage, es gibt Gemüseabfälle, Kleegras oder eingeweichtes Getreideschrot. Die Jüngeren werden dreimal am Tag gefüttert, die Älteren nur morgens gegen sechs und nachmittags gegen fünf. Sie legen zu, jeden Tag ein bisschen mehr. Und dann, wie gesagt: Todesfelde.

Eigentlich sind Laurence Dungworth und ein Kollege für die Schweine auf dem Kattendorfer Hof zuständig. Aber der Mann von der britischen Insel macht gerade seinen Landwirtschaftsmeister, also führt Annette Tenthoff durch den Stall. „Schweine sind eigentlich sehr reinliche Tiere“, sagt die 44-Jährige, die sich mit ihrem Mann Klaus zwölf Jahre um die Schweine gekümmert hat und jetzt für andere Bereiche auf dem Hof zuständig ist. Sie kennt sich aus mit Schweinen, hat Landwirtin gelernt und kommt von einem Schweinehof in der Nähe von Recklinghausen. Etwa 700 Tiere hatten sie im elterlichen Betrieb, sagt sie. Aber davon könnte man heute nicht mehr leben. Den Hof gibt es zwar noch immer, aber dort wird jetzt Spargel angebaut.

Schweine sind dem Menschen nicht unähnlich. Sie sind Allesfresser, neugierig und ruhen ganz gerne, sie gähnen, schmatzen und haben einen ausgeprägten Sinn für Rangordnung. Und wenn sie zu viel Platz haben, lassen sie die Dinge schon mal laufen und fangen an rumzumisten. Deshalb werden die Ställe auch gern verkleinert, dann halten sie ihre Strohbuchten sauberer. Und weil sie das Stroh durchschnüffeln und durchbeißen, gehen sie sich auch nicht an die Ringelschwänze. „Wenn Schwänze, dann Stroh“, sagt Annette Tenthoff – alte Bauernregel. Aber wenn Stroh, dann muss eben auch jeden Morgen ausgemistet werden – auch eine alte Bauernregel.
Draußen vor dem Stall laufen die Tiere auf Beton, eine Schweineweide gibt es nicht. Die wäre auch schnell hinüber, sagt Annette Tenthoff. Bei sandigen Böden wäre das eher möglich, nicht aber bei der schweren Erde hier in der Gegend. Oder man müsste den Schweinen Ringe durch den Rüssel ziehen, dann würden sie das Schnüffeln und Graben mit der Schnauze sein lassen. Aber wer hat schon gern einen Ring durch den Rüssel?

Von Peter Intelmann

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