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„Sie suchen nach Erklärungen“

Lübeck/Potsdam „Sie suchen nach Erklärungen“

Ein Psychologe erklärt, warum der Strafprozess für Opfer und Angehörige so wichtig ist.

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Gerd Reimann, Psychologe.

Quelle: privat

Lübeck/Potsdam. Gerd Reimann aus Potsdam ist stellvertretender Leiter der Fachgruppe Notfallpsychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Lübecker Nachrichten: Was löst ein Strafprozess bei den Opfern oder ihren Angehörigen aus?

Gerd Reimann: Unabhängig davon, ob sie vorher betreut worden sind oder nicht: Er ist eine zusätzliche Belastung. Sie werden gezwungen, sich noch einmal mit der Tat zu befassen. Wenn sie dem Angeklagten gegenübertreten müssen, kann das belastend für sie sein und das Trauma wieder hervorrufen - völlig unabhängig davon, wie der Angeklagte sich vor Gericht verhält. Egal ob er sich entschuldigt oder kalt ist: Allein die Tatsache, mit ihm in einem Raum zu sein, ist für die Opfer und ihre Angehörigen sehr unangenehm.

LN: Warum wollen Angehörige dann bei einem Mordprozess dabei sein?

Reimann: Sie suchen nach Erklärungen - für etwas, was man eigentlich nicht erklären kann. Trotzdem wollen sie alles wissen und fragen: Wieso gerade mein Kind? Was war das Motiv? Hat er es zufällig ausgesucht? Sind sie sich schon einmal über den Weg gelaufen? Oder war es Zufall?

LN: Wenn es Zufall war: Hilft der Prozess den Angehörigen dann überhaupt?

Reimann: Ein bisschen ist so ein Prozess mit einem Urteil auch der Abschluss eines Kapitels, ähnlich wie eine Beerdigung. Vor allem, wenn die Opfer oder ihre Angehörigen empfinden, dass der Täter seine gerechte Strafe bekommt. Wenn aber das Strafmaß überhaupt nicht dem entspricht, was sie sich erhofft haben, kann es auch zu Frust führen.

LN: Was geht in Opfern vor, wenn sie als Zeugen aussagen müssen?

Reimann: Das kann sehr belastend sein. Sie können sich psychologisch darauf vorbereiten lassen, und ich empfehle das sehr — vor allem, was die Rolle des Strafverteidigers angeht. Er versucht, die Belastungszeugen möglichst unglaubwürdig erscheinen zu lassen. Das gehört zu seiner Aufgabe, aber das verstehen die Zeugen oft nicht. Ich habe es sehr häufig erlebt, dass Zeugen nicht kooperativ waren, weil sie das Gefühl hatten, selbst wie Täter behandelt zu werden. Sie behaupteten dann, sie erinnerten sich an nichts mehr.  

Interview: H. Kabel

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