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Nachrichten Seite Drei Sportstadt Hamburg – der geplatzte Traum
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18:12 28.05.2016

Hamburg. Das Grauen kam gegen Mitternacht. Freezers-Geschäftsführer Uwe Frommhold erklärte am späten Dienstag, dass man keine Lizenz für die neue Saison beantragen werde. Das war das Aus. Das war das Ende für erstklassiges Eishockey in Hamburg. Und es war der Schlusspunkt einer schwarzen Serie, von der man nicht weiß, ob sie schon zu Ende ist (siehe unten).

Milliarden-Spiele

11,2 Milliarden Euro hätten die Sommerspiele 2024 in Hamburg nach Senatsangaben kosten sollen. 7,4 Milliarden wären davon auf die öffentliche Hand entfallen.

Mit knapp 74 000 Mitgliedern ist der HSV der größte Hamburger Sportverein. Der FC St. Pauli kommt auf knapp 23000 Mitglieder

Bürger sagen Nein zu Olympia

November 2015: Aus der Traum: Hamburgs Bürger wählen Olympia ab. Beim Referendum stimmten 51,6 Prozent – rund 650000 der 1,3 Millionen Wahlberechtigten – gegen eine Bewerbung für die Spiele 2024. Dass in Kiel, als Ausrichter der Segelwettbewerbe, 65,5 Prozent Ja gesagt hatten, war so bedeutungslos.

Kein Geld: Aus für die Volleyball-Frauen

April 2016: Zwei Jahre suchten die Volleyball-Frauen von VT Aurubis vergeblich nach einem neuen Sponsor. Rund 370000 Euro fehlten für die neue Saison. Der Erstliga-Neunte hat deshalb keine Lizenz für die Bundesliga beantragt – zum ersten Mal nach 15 Jahren. Aurubis hat immerhin für die 2. Liga gemeldet.

Bundesliga-Handball ist Geschichte

Januar 2016: Im Jahr 2002 mit Schwartauer Lizenz und Spielern von Lübeck an die Elbe umgezogen, ist nach 14 Jahren Schluss mit Erstliga-Handball in Hamburg. Lizenz weg, Spieler weg, Millionen-Schulden. Der Insolvenzverwalter meldet das Profiteam, den Champions-League-Gewinner von 2013, vom Spielbetrieb ab.

US-Besitzer lässt Freezers fallen

24. Mai 2016: Das 14 Jahre währende Kapitel Hamburg Freezers in der Deutschen Eishockey-Liga ist Geschichte. Der Besitzer, die Anschutz Entertainment Group (AEG), sagt: Schluss. Selbst eine beispiellose Rettungsaktion, die binnen sechs Tagen 1,2 Millionen Euro erbrachte, stimmte den US-Eigner nicht mehr um.

Kein Hauptsponsor: Cyclassics droht Aus

Mai 2016: Hauptsponsor Vattenfall (Energieversorger) steigt aus dem Sattel. Das WorldTour-Radrennen Hamburg Cyclassics steht ab 2017 vor dem Aus. Die Austragung des bedeutendsten deutschen Eintagesrennens ist mit einem Etat von 3,2 Millionen Euro nur noch in diesem Jahr (21. August) finanziell abgesichert.

Sportstadt hatte Hamburg sein wollen, Olympiastadt gar. Höher, weiter und schneller hatte es zugehen sollen an der Elbe und dann weiter, hinaus durch das Tor zur Welt. Aber als die Bürger im vergangenen November die Olympia- Bewerbung stoppten, als sie knapp Nein sagten zu dem großen Wurf mit einem neuen Stadtteil im Hafen, da war der Jammer laut.

Es war eine schwere Niederlage, gerade auch für Bürgermeister Olaf Scholz. Er hatte vor fünf Jahren die Macht in der Stadt für die SPD zurückgeholt und wieder alte sozialdemokratische Stammlande besiedelt. Er war so etwas wie ein kleiner hanseatischer König geworden, der Olympia ’24 zum wichtigsten Projekt seiner Regentschaft erklärt hatte. Aber plötzlich blätterte der Lack. Und es wagten sich Leute aus der Deckung, die ihn schon immer für eine Fehlbesetzung im Rathaus gehalten haben wollten.

Da kippte etwas in der Stadt. Und es kam das Aus im Handball dazu, im Volleyball, im Radrennen, im Eishockey. Und das Aus für Weltklasse-Tennis am Rothenbaum, wo Steffi Graf sechsmal in Folge gewann.

Wo Boris Becker und Roger Federer um Weltranglistenpunkte kämpften und wo man schon lange international nur noch die zweite Geige spielt.

Sportstadt Hamburg? Man hatte schon besser gelacht.

Dafür hob an ein Wettern gegen die örtliche Wirtschaft, die den Sport im Stich gelassen habe. Man übersah dabei nur, dass der Stopp für Olympia von den Bürgern kam. Zwar war die hanseatische Kaufmannschaft nicht eben Feuer und Flamme gewesen und hatte sich mehr auf den „Eigennutz als olympische Disziplin“ („Die Welt“) verlegt, aber das Nein war eines aus der Zivilgesellschaft. Aus einer Zivilgesellschaft zudem, die auch schon mal zum Spitzensport geht, aber solche Veranstaltungen bitte nicht in der Nachbarschaft haben möchte. Und die auch gern übersieht, dass ein Verein wie der Hamburger SV ohne die Millionen des Milliardärs Klaus-Michael Kühne ganz kleine Brötchen backen müsste. So wie sie dem FC St. Pauli drohten, als mit dem Geld von Präsident Heinz Weisener der ein oder andere Ruin verhindert werden konnte.

Das sind wie beim Hamburger Eishockey, Handball und Volleyball heikle finanzielle Monokulturen, die man hinnimmt, solange Geld fließt. Die man aber zornig anprangert, wenn es ausbleibt. „Ich bin von der Stadt Hamburg und ihren vielen Mäzenen enttäuscht“, heißt es dann in Leserbriefen an die „Morgenpost“.

Kann man der Wirtschaft die Zurückhaltung verdenken? Nein, sagt Ulrich Reinhardt, Wissenschaftlicher Leiter der Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen. Sponsoring ziele auf Aufmerksamkeit, und die sei jenseits von „König Fußball“ nur schwer zu finden. Es verwundere nur wenig, dass in fast allen anderen Sportarten die erfolgreichen Teams „eher selten aus Metropolen“ kämen. Im Übrigen setzten sich Kulturangebote „tendenziell“ immer weiter gegen Sportangebote durch. Das habe viele Gründe: von der demografischen Entwicklung über die Vermischung von Breiten- und Hochkultur bis zur Weiterentwicklung von Kulturangeboten in den letzten Jahren. Allerdings, so Reinhardt, sind große Sportveranstaltungen für jeden vierten Bundesbürger wichtig für das Ansehen einer Stadt.

Sie glaube dennoch nicht an einen Imageschaden für Hamburg, sagt Ricarda Pätzold, Stadt- und Regionalplanerin am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin. Es komme zwar immer auf den Umgang mit Pleiten wie dem Olympia-Aus an, aber Sport sei nur ein Baustein in der Außendarstellung einer Stadt. Im Idealfall lasse sich über Sport wie beim FC St. Pauli „ein Lebensgefühl“ vermitteln. „Wenn das gelingt, transportiert das mehr. Dann hat es mit Identität und Einbindung zu tun. Aber das passiert eher weniger geplant.“

Henning Vöpel, Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts und Sportökonom, sieht dagegen schon einen Verlust an Reputation für die Stadt. Spitzensport mit seiner Reichweite und als weicher Standortfaktor sei wichtig für die Wahrnehmung einer Metropole. Man spüre derzeit eine „Lethargie“ in Hamburg, und natürlich könne sich das auch wieder ändern, aber dafür brauche man etwas, das Bürgermeister Scholz eher verdächtig erscheine: „Es fehlt der Stadt eine Leitidee.“

Andererseits sei Spitzensport in Hamburg ja nicht ab sofort verboten, beeilte sich Innensenator Andy Grote (SPD) zu erklären. 2017 etwa werde es den Ironman in der Stadt geben, 2019 die Handball- WM, 2021 womöglich die EM der Springreiter. Und mit dem Masterplan „Active City“ werde man die „Sportstadt auch ohne Olympia“ entwickeln. Sport jedenfalls sei „als Lebensgefühl in unserer Stadt besser verankert als je zuvor.“ Das klang etwas verzweifelt, war aber nicht ganz falsch. „Deutlich wichtiger als der Profisport ist der Breitensport“, so Ulrich Reinhardt vom Institut für Zukunftsfragen. „Drei von vier Bürgern nennen dies als ein zentrales Merkmal zum Wohlfühlen in ihrer Stadt.“

Peter Intelmann

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