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Seite Drei Und was sagen die Glücksbringer?
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18:19 14.05.2016
Ich spiele selber auch. Wer wagt, gewinnt. Jeden Abend hat bei uns im Casino wieder irgendjemand Glück.“Sascha Hollatz (28), Croupier, Casino Lübeck

Kiel. Dreimal in Folge ganz oben auf der Liste der glücklichsten Regionen Deutschlands, vier neue Glücksspiel-Millionäre in den ersten sechs Wochen dieses Jahres – vielleicht ist doch etwas dran am Wort vom „Glückswachstumsgebiet“ Schleswig-Holstein, das sich die Tourismuswerber im Norden ausgedacht haben. Schon möglich, sagt Uwe Jensen (57). Jedenfalls bis zu einem gewissen Grad.

Jensen ist Professor an der Universität Kiel. Ein Mathematiker von Hause aus, der am Institut für Ökonometrie und Statistik lehrt. Aber er befasst sich auch mit Glück und Zufriedenheit, eher weichen Themen also neben der harten Zahlenwirklichkeit. Zum Beispiel mit der Frage, ob ein paar Lotto-Millionen wirklich glücklich machen oder nicht. Und da muss er dann enttäuschen.

Es kommt einem nämlich meist etwas Unangenehmes in die Quere: man selbst. Mit seiner Gier. Denn mit dem Geld wachsen die Ansprüche, sagt der Wissenschaftler. An der Situation hat sich dann im Grunde nichts geändert, sie ist nur auf ein anderes Level gehoben worden. Und wenn da vorher eine Leere war, besteht sie weiter, nur eben auf höherem Niveau.

Trotzdem geht es nicht ohne Wohlstand. Reichere sind grundsätzlich zufriedener als Ärmere, das ist nun mal die grobe und wenig überraschende Regel, sagt Jensen: „Wenn man eine gewisse Menge Geld hat, kann man sich gegen ein gewisses Maß an Zufriedenheit nicht wehren.“ Allerdings wächst mit mehr Geld nicht im gleichen Maße auch die Zufriedenheit. Ab einem bestimmten Einkommen, ab einem bestimmten Vermögen wird die Kurve flacher. Da bringt es nicht mehr viel fürs Lebensglück, noch ein paar Tausend Euro mehr im Jahr zu verdienen. Das schlägt sich nicht im Seelenfrieden nieder.

Außerdem plagt den Menschen der Vergleich. Man muss mehr haben als der andere, dann fühlt man sich wohl. Jedenfalls gilt das für die Mehrheit, wie ein Experiment zeigt: Eine Gruppe von Menschen, alle haben ein Haus, ein ordentliches Einkommen, es geht ihnen gut, und dann müssen sie sich entscheiden – 400 Euro mehr für alle oder 200 Euro mehr für einen selbst und nichts für die anderen? Sechzig Prozent wollten 200 Euro, so absurd es klingt. Und nach der Wende sank plötzlich und massiv der Zufriedenheitspegel im Osten, weil die bislang unerreichbaren Dinge nun zu haben waren. Man musste sie nur bezahlen können und merkte, worauf man all die Jahre zu verzichten hatte.

Diese seltsame Mischung aus Neid und Eigensinn ist wohl so angelegt im Menschen, wie die Glücksforscher überhaupt von einer grundsätzlichen Gestimmtheit ausgehen. Etwa fünfzig Prozent des Glücks sind genetisch bedingt, sagt Jensen. Zwanzig Prozent machen Faktoren wie Gesundheit, Alter oder Einkommen aus. Dinge also, die man nur bedingt beeinflussen kann. Weitere zwanzig Prozent ergeben sich daraus, ob man sich eher bescheidet in seinen Ansprüchen, ob man aktiv ist statt passiv oder ob man sich ehrenamtlich für andere engagiert (was im Übrigen sehr glücklich macht). Die restlichen zehn Prozent liefert ein Kurzzeitglück: wenn die Sonne scheint, wenn man auf der Straße angelächelt wird, wenn einen nach langen Jahren unvermutet ein Freund anruft.

Man kann also in Teilen an seinem Glück arbeiten. Man kann sich anstrengen und sich selbst erziehen. „Man kann dauerhaft die Zufriedenheit verändern“, sagt Jensen. Aber seine Gene verändern, das kann man nicht. Und weil die Gene etwa die Hälfte des persönlichen Glücksbefindens ausmachen, haben die Menschen in Schleswig-Holstein einiges ihrer geografischen Lage zu verdanken.

Sie könnten von dem in Skandinavien aktiven Gen-Pool profitieren, der etwa die Dänen regelmäßig zu so etwas wie Weltmeister im Glücklichsein werden lässt. Jensen hält das durchaus für möglich. Zumal auch eine Studie der Universität Warwick ein wachsendes Wohlbefinden mit zunehmender Nähe zur dänischen Gesellschaft festgestellt hat.

Und der Glücksforscher nimmt auch an, dass das eher gemächliche Leben in Schleswig-Holstein und das bedächtige Wesen seiner Bewohner eine Rolle spielen. Es ist eine ländliche Region, es fehlen wirkliche Großstädte, es gibt viel Ruhe und Natur im Land zwischen den Meeren. Das trägt bei zu einer gesunden Mittellage, in der Glück und Zufriedenheit eher zu finden sind als im Exzess. „Wie so oft,“ sagt Jensen.

Ruhe und Natur gibt es zwar etwa in Mecklenburg-Vorpommern genauso, aber der östliche Nachbar rangierte im regionalen Glücksatlas 2015 auf dem letzten Platz. Es müssen also noch andere Faktoren hinzukommen. Und weil Mecklenburg-Vorpommern beim Einkommen, der Gesundheit oder der Arbeitslosigkeit eher ungute Plätze belegt, könnten hier wohl gewichtige Gründe liegen.

Frauen sind im Übrigen im Durchschnitt zufriedener als Männer. Allerdings habe das in vielen Ländern nachgelassen, sagt Jensen. Das hänge auch mit der Befreiung aus einem alten Rollenverständnis zusammen. Wenn da jenseits von Haushalt und Kindern noch ein Beruf, ein eigenes Leben Platz greift, verändert sich etwas. Emanzipation, Befreiung aus überkommenen Mustern und Normen ist daher immer auch mit einem Risiko verbunden. „Es kann schick sein“, sagt der Glücksforscher, „aber auch ein Schock.“ Allerdings einer, den man selbst in der Hand hat.

Schlusslicht Osten

2015 war Schleswig-Holstein zum dritten Mal in Folge die glücklichste Region Deutschlands. Das besagt jedenfalls der Glücksaltas, den die Deutsche Post jährlich erarbeiten lässt. Auf Platz zwei rangierte Baden, gefolgt von Niedersachsen/Nordsee, Hamburg, Franken und Hessen. Die letzten Plätze belegten Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.

7,36 – auf einer Skala von 0 bis 10 verorteten die Schleswig-Holsteiner bei der Befragung zum Glücksatlas die allgemeine Zufriedenheit mit ihrem Leben bei dieser Zahl. Das war ein deutlicher Vorsprung vor den Nächstplatzierten. Die Bereiche Wohnung und Freizeit landeten sogar bei 7,7. Die Zufriedenheit mit der Arbeit wurde mit 7 angegeben, das Haushaltseinkommen lag bei 6,8 und die Gesundheit bei 6,7.

Der Aberglaube wächst

39,3 Prozent der deutschen Frauen haben einen persönlichen Talisman. Dagegen vertrauen nur 22 Prozent der Männer auf einen Glücksbringer (GfK-Umfrage von 2012). Und eine Langzeituntersuchung des Allenbach-Instituts zeigt: Der Aberglaube der Bundesbürger hat seit den 70er Jahren stetig zugenommen.

Schornsteinfeger sollen angeblich Glück bringen, weil bei Bränden in Städten oft jene Häuser unverseht blieben, in denen sie den Kamin gekehrt hatten. Marienkäfer gelten als Boten der Mutter Gottes. Das Kleeblatt erinnert daran, dass Eva beim Rauswurf aus dem Paradies ein solches mitgenommen haben soll.

Eine US-Studie hat gezeigt: Will man vor anderen glänzen, greift man eher zum Talisman, als wenn man nur ein persönliches Lernziel verfolgt.

Peter Intelmann

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