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Vergnügungspark zu verkaufen

Berlin Vergnügungspark zu verkaufen

Seit zwölf Jahren verwildert der frühere Rummel im Berliner Spreepark. Jetzt wird das geschlossene Gelände zwangsversteigert. Doch so tot, wie es auf den ersten Blick scheint, ist der Park gar nicht. Fast wäre es am besten, wenn alles so bliebe, wie es gerade ist.

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Das Wahrzeichen des Parks: Vor der Kulisse des Riesenrads drehte das Fernsehen der DDR einst eine Kinderserie.

Quelle: Fotos: Robin Reinhardt

Berlin. Plötzlich dreht sich das Riesenrad. Ohne Passagiere, ohne Ankündigung, ohne menschliches Zutun. Nur der Wind greift ein. Langsam machen die demolierten Gondeln ihre Runde, rot, gelb, grün, blau. Das rostige Rad quietscht gespenstisch über den verwilderten Spreepark im Berliner Plänterwald. „Spuk unterm Riesenrad“, so hieß die Kinderserie, die das DDR- Fernsehen im einzigen Vergnügungspark der Republik drehte. 2001 ging der Spreepark pleite, der letzte Betreiber Norbert Witte setzte sich nach Peru ab und hinterließ Millionenschulden (siehe Kasten). Die Natur erobert das Gelände. Bäume sprießen aus der Achterbahn „Spreeblitz“, Schwanengondeln sind halb im Teich versunken, Dinosaurier-Skulpturen liegen vom Wind gefällt auf der Seite. Vor einem der Dinos plagiierte der Photo-Politstar zu Guttenberg einmal die Drachentöter-Pose, kurz bevor er selber fiel.

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Stumme Zeugen besserer Tage: Schwanengondel und Dinosaurierfigur im Dickicht des Parks.

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Angst vor der Zukunft

Wahrscheinlich wird hier nie wieder eine Achterbahn fahren. Die Fahrgeschäfte haben nur noch Schrottwert. Die Wittes aber sind schon lange wieder da. Norbert Witte wohnt in einem Caravan hinter dem Westerndorf und schmiedet große Pläne. Tochter Sabrina und Wittes Ex-Frau Pia sitzen vor dem „Café Mythos“ direkt hinter dem Parkeingang und haben Angst vor der Zukunft. Morgen Am Mittwoch wird vor dem Amtsgericht Treptow-Köpenick das Erbbaurecht zum Spreepark zwangsversteigert — das bis 2061 festgeschriebene Recht, auf dem Gelände einen Freizeitpark zu betreiben. Sollte ein neuer Investor zuschlagen, müssten die Wittes höchstwahrscheinlich raus. Vertrieben aus dem letzten Paradies von Berlin, so sieht es Sabrina Witte. „Der Park ist mein Zuhause“, sagt sie, „was jetzt passiert, ist ganz bitter.“

Sabrina Witte hat ihre Kindheit im Park verbracht, sie hat im Park ihr Erwachsenenleben geplant und sie hat ihn nicht loslassen können, als er unterging. Jetzt betreibt sie an den Wochenenden das Café, macht Führungen durch den Park, organisiert Konzerte und Veranstaltungen. Der Spreepark ist im Berliner Limbus der Zwischennutzung gefangen — nicht ganz geschlossen, nicht wirklich geöffnet.

Jede Veranstaltung muss gesondert genehmigt werden, wenn die Indieband „The XX“ hier vor 12 000 Menschen spielt oder 4000 Geocacher hier auf digitale Schnitzeljagd gehen. „Eigentlich kann es so bleiben, wie es jetzt ist“, sagt Pia Witte und lehnt sich in ihrem Plastikstuhl zurück. „Die Leute, die jetzt kommen, sind so niedlich.“

Gerüchteküche brodelt

Was jetzt ist, das verdankt der Park der Energie von Sabrina Witte und Gerd Emge. Vor acht Jahren hat Emge im Auftrag des Berliner Liegenschaftsfonds mit der Bewachung des Parks begonnen. Inzwischen macht er das unentgeltlich weiter, das Geld kommt durch die Zwischennutzungen rein. „Man kann den Park wirtschaftlich betreiben“, sagt er, „drei Großveranstaltungen pro Jahr reichen.“ Die vergangenen Wochen hat er jede Menge Interessenten durch den Park geführt, hat sich jede Menge Konzepte angehört — von Kunst bis zu Konzerten, nur ein klassischer Freizeitpark war nicht dabei.

Dabei gab es in den vergangenen Jahren jede Menge Interessenten. Die Dänen von Tivoli waren da und gingen wieder, zuletzt die Belgier von Plopsa, die an der Biene Maja die Rechte halten und Familien-Freizeitparks betreiben. Die Verhandlungen scheiterten immer an zwei Punkten: An den alten Schulden der Wittes, die mit dem Erbbaurecht verknüpft sind, und an der Lage des Parks im Landschaftsschutzgebiet: Maximal 500 000 Besucher pro Jahr würde der Bezirk hier zulassen, zudem müsste der Betreiber ein Parkhaus bauen, damit die Besucher nicht den Wald zuparken. Plopsa kalkulierte zunächst mit einer Million Besuchern im Jahr. Dem Vernehmen nach haben die Belgier auch einen abgespeckten Plan vorgelegt, die Verhandlungen mit Liegenschaftsfonds und Bezirk seien dennoch gescheitert. Wer durch den Park läuft, hört viele Gerüchte. Hinter den Kulissen werde längst mit einem neuen Interessenten verhandelt, heißt es da. Und, besonders raffiniert: Falls bei der Zwangsversteigerung kein Privater bietet, könnte der landeseigene Berliner Liegenschaftsfonds das Erbbaurecht selbst ersteigern. Damit wäre das Land aus seiner Bürgschaft entlassen, die es den Wittes einmal gewährt hatte. Der Park wäre schuldenfrei und es könne ein neuer Vertrag aufgesetzt werden.

Nur für die Wittes scheint in der Zukunft kein Platz. Der Name Witte ist verbrannt in Berlin, sagen alle. „Das ist Sippenhaft“, erregt sich Gerd Emge, und Pia Witte stellt sich so weit weg wie möglich von den krummen Geschäften ihres Mannes: „Ich war nie auf der Flucht.“ Als ihr Mann und ihr Sohn in die Fänge peruanischer Drogenfahnder gerieten, „war ich schon längst wieder in Berlin.“

Pia Witte kennt das Auf und Ab des Schaustellerlebens wie keine andere. Sie kommt aus der hannoverschen Schausteller-Familie Vorlop. Nach der Insolvenz des Spreeparks hilft Pia Wittes Mutter aus — die Tochter kann mit den Vorlopschen Imbisswagen die Flohmärkte rund um Berlin bedienen. Von Norbert Witte hat sie sich schon lange losgesagt — sie kann ihm nicht verzeihen, dass Sohn Marcel seinetwegen schon seit zehn Jahren in Peru im Knast leiden muss. Der Spreepark ist der Ausgangspunkt der Witteschen Familienkatastrophe — und dennoch können sie ihn nicht loslassen. Noch nicht. „Wo ein Ende ist, ist auch ein Anfang“, sagt Pia Witte zum Abschluss. „Es ist ganz bitter“, wirft Sabrina Witte ein, und lacht dabei, als würde sie gerade eine Achterbahn starten.

Der Spreepark
Auf 30 Hektar im Ost-Berliner Plänterwald, direkt an der Spree, bekam die DDR 1969 ihren ersten und einzigen Freizeitpark. Der Eintritt kostete 1,50 DDR-Mark, Kinder zahlten die Hälfte. Für die Fahrgeschäfte aber mussten die jährlich bis zu 1,7 Millionen Besucher extra zahlen.


45 Meter hoch ist das Riesenrad — das einstige Wahrzeichen des Parks mit seinen 36 Gondeln. Es ragt noch heute über die Baumwipfel hinaus und ist weithin zu sehen.

Mit der Vereinigung 1990 fällt der „VEB Kulturpark“ an den Berliner Senat, der 1991 den Betrieb des Vergnügungsparks öffentlich ausschreibt.


Neuer Betreiber wurde die Spreepark Berlin GmbH von Norbert Witte. In den ersten Jahren lief es gut. Neue Attraktionen wurden aufgebaut, es kamen bis zu 1,5 Millionen Menschen jährlich. Der Eintrittspreis wurde jetzt wie etwa im „Heide-Park“ pauschal an der Kasse verlangt. Er stieg Jahr für Jahr, ab 1997 wurden 28 D-Mark verlangt. Immer weniger Besucher kamen, in der letzten Saison 2001 waren es nur noch 400 000. Im selben Jahr ging die Spreepark GmbH pleite.


Mehr als 15 Millionen Euro Schulden lasten auf dem Gelände. Hauptgläubiger sind die Deutsche Bank und das Land Berlin. Zumindest die Bank wird leer ausgehen, wenn am Mittwoch (3.

Juli) das Erbbaurecht für den Spreepark vor dem Amtsgericht Treptow-Köpenick zwangsversteigert wird.


Nach diesem Vertrag kann (und muss) auf der Fläche bis 2061 ein Freizeitpark betrieben werden. Das Riesenrad und die anderen Fahrgeschäfte haben jedoch nur noch Schrottwert.

1,6 Millionen Euro beträgt der Verkehrswert für das Gelände.

Jan Sternberg

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