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Was bedeutet Martin Luther für uns heute?

Berlin Was bedeutet Martin Luther für uns heute?

Luther, der große Reformator, hatte auch seine dunklen Seiten. Ein Interview mit der evangelisch-lutherischen Theologin Prof. Dr. Dr. hc. Margot Käßmann.

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EKD-Botschafterin Margot Käßmann.

Quelle: epd

Berlin. Martin Luther war ein Kind seiner Zeit. Ein früher Aufklärer, doch in vielem noch stark im mittelalterlichen Denken verhaftet. Inwieweit kann er für uns heute noch maßgeblich sein? Wir sprachen mit Margot Käßmann (55), von 2009 bis 2010 Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Derzeit ist sie Botschafterin des Rates der EKD für das 500-jährige Reformationsjubiläum 2017.

Lübecker Nachrichten: Wieso ist Martin Luther für uns heute noch so wichtig?

Margot Käßmann: Viele waren beteiligt an der Reformation, aber er war von Anfang an dabei. Er bleibt die Symbolfigur. Sätze wie sein „Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ vor dem Reichstag in Worms 1521 beeindrucken noch heute. Wir wissen zwar nicht, ob er das wörtlich genau so gesagt hat. Aber das war seine Haltung. Er konnte und wollte nicht gegen seine Überzeugung handeln, gegen seinen Glauben, nicht gegen sein Gewissen.

LN: Was man heute nicht mehr verstehen kann, ist beispielsweise seine Haltung zu den Juden. Er hat 1538 vorgeschlagen, ihre Synagogen niederzubrennen und ihre Häuser zu zerstören.

Käßmann: Die evangelische Kirche hat 2013 einen Schwerpunkt auf die Schattenseiten der Reformation gelegt. Wir können Luther sicher nicht als makellosen Helden sehen. Er hat leider auch mit seinem Antijudaismus die Entwicklung der evangelischen Kirche geprägt, bis hin zum Holocaust. Er wetterte auch gegen die Türken und Wiedertäufer. Seine Intoleranz gegenüber anderen Glaubensrichtungen ist für uns heute völlig inakzeptabel. Da gibt es Gott sei Dank eine Lerngeschichte in der Reformation.

LN: Hat er mit der lutherischen Kirche nicht auch eine typisch deutsche oder gar norddeutsche Glaubensrichtung geschaffen, die sehr gut auf die Bedürfnisse der Menschen hier zugeschnitten war?

Käßmann: Das Luthertum ist ja auch in anderen Regionen präsent. Es gibt die lutherische Kirche sogar in Brasilien und Südindien...

LN: . ..Aber sie wurde sicher auch von Deutschen dorthin gebracht.

Käßmann: Ja, durch Mission und Auswanderung. Luthers Botschaft, durch die Taufe sind wir alle gleich, hat dort viele bewegt. Das heißt ja, dass nicht die Kaste, etwa in Indien, oder die Hautfarbe, etwa in Südafrika, entscheidend ist. Die Taufe stellt uns auf Augenhöhe, Frauen und Männer gleich welcher Herkunft. Manche Farmer in Südafrika waren deshalb mit der Taufe ihrer Landarbeiter gar nicht so einverstanden.

LN: Könnten wir einen Luther in unserer Gesellschaft heute brauchen?

Käßmann: Gerade heute ist es für uns wichtig, zu unseren Überzeugungen zu stehen. Auch wenn sie querliegen zum Mainstream. Glaube hat etwas mit dem Leben zu tun. Luther hat gezeigt: So wie du lebst, das hat Bedeutung vor Gott. Deshalb hat er geheiratet, eine Familie gegründet. Er hat damals schon gesagt, dass Männer ruhig auch Windeln wechseln können, wenn es im Glauben geschieht. Es kommt auf die Lebensausrichtung an. Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leute nur noch nach Geld, Aussehen und Erfolg beurteilt werden. Gott sagt: Das macht deinen Wert nicht aus. Nur Gott sagt dir Lebenswert zu, niemand anders. In einer leistungs- und erfolgsfixierten Gesellschaft ist das doch eine sehr erfreuliche Botschaft.

LN: Viele feiern heute lieber Halloween statt des Reformationstages. Ist das auch okay?

Käßmann: Nein. Halloween ist kommerzieller Humbug. Das wurde gezielt eingeführt, um irgendwo im Kalender zwischen den Sommer-Grillpartys und dem 1. Advent noch ein Verkaufs-Event mit allem möglichen Schnickschnack zu etablieren. Halloween ist gegen alle Grundüberzeugungen der Reformation: Martin Luther wollte Angst nehmen — vor Geistern, Gespenstern, dem Bösen, dem Teufel. Und heute? Da sind am 31. Oktober die Kinder in Grusel-Kostümen unterwegs. Das kann ich nicht ernst nehmen.

Interview: Marcus Stöcklin

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