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Nachrichten Seite Drei Was ist Whatsapp?
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17:05 20.02.2014

Jasmin Arriero tippt einige Male konzentriert auf ihr ­iPhone und dreht dann das Display zum Beweis herum: „Das letzte Mal online um 18.03 Uhr. Na ja, das sind immerhin 20 Minuten“, sagt sie seufzend. Seit ihre Tochter Toni ein Smartphone samt Internetzugang besitzt, kommuniziert die 15-Jährige fast ausschließlich über WhatsApp – einen mobilen Kurznachrichtendienst. Dort unterhält sie sich in Gruppenchats mit ihren Freundinnen, Schulkameraden und Tanzschulkollegen. „Das geht schon morgens nach dem Aufstehen los. Abends vorm Schlafengehen kassiere ich das Handy ein – sonst schreibt sie die ganze Nacht“, sagt Arriero. WhatsApp sei bei ihrer Tochter wie eine Sucht.

Whatsapp-Alternativen im Test:

Das weiß die 40-Jährige nicht zuletzt durch die Funktion, die anzeigt, wann der Gesprächspartner zuletzt online war. „Immer wenn ich nachsehe, ist Toni entweder gerade online, oder sie war es vor höchstens zehn Minuten“, sagt Arriero. Obwohl sie ihrer Tochter vertrauen wolle, habe sie mittlerweile einen regelrechten Kontrollwahn entwickelt. Denn das unaufhörliche Chatten bringt Probleme mit sich: Die 15-Jährige konzentriert sich nicht mehr auf die Hausaufgaben, das aktuelle Zeugnis ist das bislang schlechteste der Gymnasiastin. Und damit ist sie nicht allein. In Tonis Schule sind Handys seit einigen Monaten verboten. Der Grund ist WhatsApp. „Die Schüler haben sich im Unterricht ständig geschrieben, da mussten die Lehrer durchgreifen“, sagt Arriero.

Vollends verteufeln will die 40-Jährige den kostenlosen Messenger aber nicht. Auch sie selbst nutzt WhatsApp mit Freunden und Arbeitskollegen. Was ihn so attraktiv macht, ist die Verschmelzung von Chat und SMS. Eigentlich sind WhatsApp-Nachrichten nichts anderes als übers Internet übertragene SMS, die für Smartphoneinhaber mit Internetflatrate kostenlos sind – mit einem entscheidenden Extra: Die Nutzer können Gruppen bilden, in denen sie sich „unterhalten“ können. Ähnlich wie eine Gruppen-E-Mail kann darin jeder die Antworten der anderen mitlesen, allerdings ohne die störenden Zwischenzeilen. Und es werden nicht nur Texte übertragen, sondern auch Bilder, Filme und Tonaufnahmen.

Diese einfache Erweiterung ist mittlerweile der Kern des Erfolgs von WhatsApp. Ein Geschenk organisieren? Einen Kneipenabend verabreden? Mit den Nachbarn grillen? Nichts geht schneller, als eine WhatsApp-Gruppe zu gründen, in der jeder, egal wann und von wo aus, mitreden kann. WhatsApp hat hier eine Lücke gefunden, die Twitter, Facebook und YouTube noch offen gelassen haben. 400 Millionen Menschen nutzten WhatsApp Ende 2013. Alleine 100 Millionen haben in den letzten vier Monaten des vergangenen Jahres die App erstmals heruntergeladen. In Deutschland war die App Ende August 2013 laut Comscore und Statista auf knapp 20 Millionen Smartphones installiert – und hat damit Facebook auf Platz eins der beliebtesten Apps verdrängt. WhatsApp soll laut Onavo Insights – einer Facebook-Tochter – auf 91 Prozent der deutschen iPhones installiert sein.

Junge Leute ziehen WhatsApp mittlerweile der Facebook-App vor. Im vorigen Sommer fragte die Jugendmesse You ihre Besucher nach der Nachrichten-App: 36 Prozent benutzten WhatsApp, aber nur 23 Prozent Facebook. „Auf Facebook kann fast jeder auf deine Seite zugreifen und dich verfolgen oder stalken“, sagt der 13-jährige Maximilian aus Drensteinfurt im Münsterland. „Auf WhatsApp schreiben mir nur die, die sowieso meine Nummer haben.“ Die 17-Jährige Johanna aus der Nähe von Bonn sieht das genauso. „Viele meiner Freunde sind nicht bei Facebook, aber WhatsApp hat fast jeder. Die meiste Kommunikation läuft in Gruppen. Ich habe eine Gruppe für fast jedes meiner Fächer – Englisch, Spanisch, Mathe – und mit den Leuten, mit denen ich fürs Abi lerne.“ Johanna benutzt die App seit einem halben Jahr und hat seitdem 6500 Nachrichten geschrieben. Das ist eher wenig.

Richtig rund geht es aber bei den noch Jüngeren. Johannas kleine Schwester Paula hat zu Weihnachten das alte iPhone ihres Vaters bekommen. Seit Anfang Januar ist die Schülerin endlich „on“. „Ich hab gar nichts mehr mitbekommen ohne WhatsApp“, sagt die 13-Jährige. „In unserem Klassenchat werden Hausarbeiten reingestellt und weitergegeben, wenn eine Stunde ausfällt. Wenn du das nicht lesen kannst, bist du außen vor.“ Knapp 4000 Nachrichten hat sie innerhalb des vergangenen Monats geschrieben – und 30 000 empfangen. „Wenn ich manchmal ein paar Stunden nicht reingucke, dann habe ich 500 neue Nachrichten.“

Manche Altersgenossen wären den ständig quakenden Plauderkasten bei diesem Nachrichtenaufkommen längst losgeworden. „Ich muss schließlich nicht wissen, was meine Freunde in jeder Minute ihres Tages machen“, sagt der 13-Jährige Kilian aus Hannover. Aber auch er hat 2013 mehr als 55 000 Nachrichten gesendet und empfangen.

Mehr als 1000 Nachrichten am Tag – ist das noch normal? Nadia Kutscher, Professorin für soziale Arbeit und Ethik an der Universität Vechta, beschwichtigt. „Zwischen 14 und 17 Jahren haben die Jugendlichen in den sozialen Netzen unglaublich viele Kontakte. Es ist die Zeit, in der sie viele Entwicklungsaufgaben erledigen. Sie probieren sich aus, sie suchen nach Anerkennung“, sagt die Mitautorin des 14. Kinder- und Jugendberichts des Familienministeriums. Die sozialen Medien, so Kutscher, würden im Diskurs oft dramatisiert. WhatsApp und Facebook sind Bereiche, in denen Jugendliche früh unabhängig von elterlicher Kontrolle vieles ausprobieren – im positiven wie im negativen Sinn. „Eltern haben damit die Möglichkeit, ihre Kinder mehr zu überwachen. Junge Menschen nutzen Smartphones aber auch als ,soziale Leibwächter‘, um sich in unsicheren Situationen durch Kontakt mit anderen sicherer zu fühlen“, sagt Kutscher

Die permanente Erreichbarkeit hat aber auch ihre Schattenseiten. In Lehrerforen im Internet ist Cybermobbing ein zen­trales Thema. Ob es seit Facebook und WhatsApp mehr Mobbing gebe, wie oftmals behauptet werde, könne zwar niemand seriös beantworten, sagt Kutscher. „Aber natürlich sind die Jugendlichen durch die größere Öffentlichkeit in digitalen Medien verletzlicher geworden.“ Gravierender aber – und das betreffe vor allem WhatsApp – sei der Zwang, ständig über sich Auskunft zu geben. Wer nicht antworte, müsse sich oft dafür rechtfertigen. „Die Jugendlichen sind permanent on, und jeder kann es sehen. Das produziert hohe gegenseitige Erwartungen“, sagt Kutscher. „Besonders kritisch ist jedoch auch, dass das normale Handeln von jungen Leuten einer immensen Datenproduktion dient, deren Folgen niemand abschätzen kann.“

Was mit ihren Nachrichten passiert, ist eine Sache, über die WhatsApp-Nutzer nicht gerne nachdenken. Die WhatsApp-Macher selbst versichern, nicht mehr zu speichern als die Telefonnummern ihrer Kunden – eine Aussage, der Sebastian Wolters keinen Glauben schenkt.

Wolters ist Geschäftsführer von mediaTest digital und berät Unternehmen dabei, welche Apps sie für ihre Mitarbeiter freigeben. Bisher hat kein derzeit verfügbarer Messenger, weder Apples iMessage noch Snapchat, den Test bestanden. „Die App verstößt gegen das Bundesdatenschutzgesetz, weil sie Daten Dritter ohne ihre Zustimmung übermittelt“, sagt Wolters. Jeder neue Benutzer offenbart dem Dienst nicht nur seine eigene Telefonnummer. WhatsApp kopiert das gesamte Telefonbuch des Nutzers auf einen US-amerikanischen Server.

Diese massive Datenschutzverletzung steht Wolters zufolge zwar in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, aber die AGBs seien erst nach dem Download einsehbar und gut versteckt. Dort sei auch zu lesen, dass die Daten an Strafverfolgungsbehörden gegeben würden, ohne den Inhaber zu informieren. „Und wird WhatsApp einmal verkauft oder geht pleite, werden die Telefonnummern mit übergeben“, warnt Wolters.

Hat sich WhatsApp alle Telefonnummern unter den Nagel gerissen, ist es mit der Sammelsucht aber noch nicht vorbei. Die App sichert sich weitreichende Befugnisse: Sie kennt den Standort des Nutzers. Sie kann ermitteln, welche Apps er noch benutzt. Sie könnte sogar das Telefonbuch umschreiben, alle SMS mitlesen, Anrufe mithören und die Kamera benutzen. „Was davon WhatsApp auch wirklich macht, können wir nicht feststellen“, sagt Wolters. „Aber auch ohne diesen Zugriff sammelt WhatsApp Daten wie kaum eine andere App.“

Trotz aller Einwände: Der Anziehungskraft von WhatsApp haben diese Unwägbarkeiten bisher keinen Abbruch getan. Warum soll ich die App nicht nutzen?, fragt sich mancher, wenn WhatsApp meine Daten doch sowieso schon von meinen Freunden bekommen hat. Für junge Menschen wie die 15-jährige Toni spielt der Sicherheitsaspekt ohnehin keine Rolle. Für „digital natives“, also für die Generation, die mit dem Internet aufwächst, gehört die Partizipation an sozialen Netzwerken ganz einfach zum normalen Alltag. Kaum einer von ihnen hinterfragt das.

„Ich will immer wissen, was bei meinen Freunden los ist“, sagt die Schülerin. Dass in ihren Chatgruppen nonstop geschrieben wird, stört sie nicht. Schließlich gebe ihr WhatsApp das Gefühl, in ständiger Gesellschaft zu sein, sagt sie. Und das Beste sei: Im Gegensatz zum Telefonat könne sie direkt antworten, oder auch später. Oder auch gar nicht – das ist bei Toni allerdings äußerst selten.

Von Sarah Dettmer und Ann-Kathrin Seidel

Top 5 der WhatsApper

Der Kontrolletti

Au weia: Die Chatanzeige, wann der Gesprächspartner das letzte Mal online war, kann den Kontrollwahn von Menschen mit einem Hang zur Überwachung befriedigen! Schnell kommt es unter Partnern zum Streit: „Warum warst du um 5 Uhr morgens noch online?“, „Mit wem hast du denn gerade geschrieben?“ oder „Warum schreibst du nicht zurück? Ich hab doch gesehen, dass du schon online warst!“ – so oder ähnlich lauten die typischen Vorwürfe des ewig rumschnüffelnden Partners. WhatsApp macht’s möglich!

Der Kontaktjunkie

Es gibt ja sooo viel zu erzählen! Und zwar täglich, zu jeder Zeit. Der Kontaktjunkie hat stets mindestens 20 Chats offen und teilt sich all seinen Freunden und Bekannten mit. Nach dem Aufstehen mal eben einen Guten-Morgen-Gruß gesendet, ein Foto vom Mittagessen verschickt, über nervige Mitmenschen gelästert und den Feierabend herbeigesehnt. Mitgeteilt wird einfach alles! Vor allem Teenager entwickeln dank WhatsApp ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis – ist ja schließlich kostenlos. Also ran an die Tasten.

Die kranke Mutter

Dasselbe Zimmer und dieselben Gesichter Tag ein, Tag aus: Lange Krankenhausaufenthalte sind nicht nur kräftezehrend, sondern oftmals auch kummervoll und einsam. Weil sich über WhatsApp aber grenzenlos Dateien verschicken lassen, kann das Programm zum kleinen Fenster zur Welt werden. Bilder, Videos und Sprachnachrichten von Kindern und Enkeln erfreuen jede kranke Mutter und machen die schwere Situation etwas erträglicher.

Der Inszenierer

„Mein Leben, ein Film“ lautet das Motto von so manch WhatsApp-Süchtigem. Wohin er geht und was er dabei alles sieht, muss er seinen Freunden bei WhatsApp, am besten in einer eigens dafür angelegten Gruppe, mitteilen. Videosequenzen zeigen eine Zugfahrt, einen Vortrag oder das Haustier. Das Zauberwort heißt Inszenierung. Die geht sogar so weit, dass Freunde im Beisammensein über Kurznachrichten kommunizieren und sich gegenseitig filmen – natürlich um diese Filme sogleich bei WhatsApp zu senden.

Die gute alte Hausgemeinschaft

Zusammen grillen, gegenseitig Blumen gießen, das Nachbarhaustier füttern: Nachbarn rücken mit WhatsApp wieder näher zusammen. Denn einmal im Treppenhaus Nummern „für den Notfall“ getauscht, ist die erste Chatgruppe mit allen Hausparteien auch nicht mehr fern. So können aus dem anonymen nebeneinanderher leben wieder echte Hausgemeinschaften entstehen. Und noch besser: Der Ersatzhausschlüssel kann bedenkenlos nur eine Tür weiter deponiert werden.

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