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Seite Drei Wie Hochkultur unters Volk gebracht wird
Nachrichten Seite Drei Wie Hochkultur unters Volk gebracht wird
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18:31 14.01.2017
Von Michael Berger

Die sogenannte klassische Musik hat wie die gesamte Hochkultur ein Problem – ein Imageproblem. Sie sei einer Elite vorbehalten, die sich anstrengende Hörarbeit erlauben könne. Politiker haben bei der Eröffnung der Elbphilharmonie deshalb vorsorglich versichert: Die neue Musik-Kathedrale solle ein offenes Haus für alle sein. Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz versprach: Jeder Schüler solle die Elphi-Konzerte besuchen können, denn Kultur halte eine zivilisierte Gesellschaft zusammen. Bundespräsident Joachim Gauck legte nach: Die Anziehungskraft der Elbphilharmonie sei eine große Chance, mehr Menschen für klassische Musik zu begeistern.

„Die Massen strömen immer dann, wenn die klassische Musik mit unterhaltsamem Spektakel

verbunden wird.

Bisher wird die Begeisterung allerdings durch den Mangel an Eintrittskarten gebremst. Wollte die Elbphilharmonie alle Wünsche erfüllen, müsste sie zehnmal mehr Tickets anbieten, als Plätze vorhanden sind.

Ist die Publikums-Sturmflut am Kaiserkai der Beweis, dass Klassik, Romantik, Moderne und auch Avantgarde über ein riesiges, bisher schlafendes Hörerpotenzial verfügt? Ja und nein: Die Massen strömen immer dann, wenn die Musik mit Spektakel verbunden wird. Das wird die gestrenge Klassik- Polizei nicht gerne hören, aber erst wenn es nicht nur um den reinen Klang geht, sondern auch um Feier und Amüsement, entfaltet die Musik ihre integrative Kraft. Wenn Wunder-Schlagzeuger Martin Grubinger irgendwo seine Perkussionsinstrumente aufbaut, ist die Veranstaltung garantiert ausverkauft. Das hat sich bei vielen Konzerten des Schleswig-Holstein Musik Festivals gezeigt. Dabei bietet der Österreicher komplexe Kompositionen ohne wohligen Wohlklang. Doch Grubinger verfügt über eine Gabe: Er kann Menschen für seine Kunst einnehmen, er vermittelt höchst charmant zwischen Werk und Zuhörer. Wer offene Ohren hat, wird in seinen Konzerten erstens hervorragend unterhalten, zweitens kommt man klüger heraus, ohne überfordert worden zu sein. Grubinger demonstriert auf das Schönste, wie man auch zeitgenössische Werke unters Volk bringen kann.

Apropos Volk. Eine Stimme, die viel Beifall fand nach der Eröffnung des neuen Hamburger Konzertsaales, sprach: „Das Volk hat es bezahlt – das Volk und nicht Politiker oder Fußballer sollten dort sitzen.“ Nun sind natürlich sowohl Politiker wie auch Fußballspieler Volk, doch was da mitschwang, war: Nur Begüterte können sich diesen Luxus leisten – ein verbreitetes Vorurteil. Denn Konzerte der Lübecker Philharmoniker, die hervorragenden Aufführungen der Musikhochschule, ja, selbst ein Großteil der Karten für die Elbphilharmoniekonzerte kosten nicht mehr als eine Kinokarte. Man muss allerdings vom Sofa heruntersteigen.

LN

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