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Wo der Gasthof

Ratzbek/Gudow Wo der Gasthof

Rund 200 Dorf-Gasthöfe gibt es noch im Land, halb so viele wie vor zehn Jahren. Das Sterben geht weiter – aber nicht überall. Wir fragten Wirte nach ihrem Geheimnis.

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Wie in alten Zeiten: Otto und Editha Meincke (85 und 84), vor dem „Landgasthof Meincke“ in Kehrsen. Tochter Silvia (52, vorne) hat die

Ratzbek/Gudow. Auf den ersten Blick ist die Dorfwelt noch in Ordnung in Ratzbek (Kreis Stormarn). Der Gasthof „Zur Linde“ mit Kneipe, Saal, Laden und großem Parkplatz scheint alles zu bieten, was das Dörfler-Herz begehrt. Selbst Motoröl führt Inhaber Hartmut Paulat (59), der das Haus von seiner Mutter Meta übernommen hat.

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Rund 200 Dorf-Gasthöfe gibt es noch im Land, halb so viele wie vor zehn Jahren. Das Sterben geht weiter – aber nicht überall. Wir fragten Wirte nach ihrem Geheimnis.

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„Natürlich sind wir immer noch da“, sagt der Wirt. „Sie können hier abends ein Bier trinken und mittags ein Schnitzel bestellen. Und wenn jemand fragt, haben wir Seife, Brot, Kekse und Milch.

Aber...“, er holt einen Moment Luft. „So wie früher ist es nicht mehr.“

Früher kamen die Dorfbewohner jeden Sonntag zum Frühschoppen, erinnert sich Paulat, blieben manchmal zum Mittagessen. „Alle 14 Tage war Tanz. Da kamen 300 Leute.“ Heute aber ist der große Saal, der im Jahr 1913 angebaut wurde, meist leer. Für Familienfeiern wird er nur gelegentlich gebraucht. Und auch die Ständer des Spaclubs „Biene“und eines Sportvereins am Tresen sind nur noch Andenken. „Die Dorfgemeinschaft, wie sie einmal war, existiert so nicht mehr“, bedauert der Gastwirt. Er lebe hauptsächlich von der Zimmervermietung. Meist für Monteure, die günstig übernachten wollen. Für 32 Euro mit Frühstück. Und der Laden wurde als eigener Betriebszweig schon vor vier Jahren geschlossen. „Die Konkurrenz der Einkaufszentren in Lübeck und Reinfeld ist zu groß.“

Wenn sie können, werden Hartmut Paulat und seine Frau Kirsten (51), die hauptberuflich ohnehin in der Lübecker Uniklinik arbeitet, den Gasthof verkaufen.

Wieder ein Gasthof weniger – es würde ins Bild passen. „Seit zehn bis 15 Jahren beobachten wir das Sterben der ländlichen Gasthäuser“, bedauert Stefan Scholtis (59), Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Kiel. Gab es vor zehn Jahren noch an die 400 Gasthöfe im Land, so seien es heute höchstens noch halb so viele. „Es ist ein großer Kampf ums Fortbestehen.“

Die Gründe seien vielfältig. Zum einen habe sich das Kundenverhalten geändert. „Man trifft sich abends nicht mehr in der Kneipe, stattdessen bleibt man zu Hause und lässt sich das Essen liefern“, meint Scholtis. Hinzu komme die enorme Arbeitsbelastung der Wirte bei einem Verdienst, der dieser oft nicht entspreche. Neu gebaute Dorfgemeinschaftshäuser übernähmen die Funktion des Vereinslokals.

Scholtis: „Die meisten Landgasthöfe sind familiengeführt. Und wenn die Senioren aufhören, findet sich kein Nachfolger.“ Selbst die Kinder hätten oft keine Lust, von morgens früh bis spät in die Nacht hinter dem Tresen zu stehen. So würden zunehmend Betriebe aufgeben.

Und doch gibt es vereinzelt Dorfschänken, bei denen der Laden läuft. „Das sind Betriebe, die ihre Nische gefunden haben“, so der Dehoga-Experte. So etwas könne etwa eine besonders gute Küche sein.

„Es gibt Gasthöfe, zu denen fahren die Leute von weither.“

So einer ist der Landgasthof Meincke in Gudow-Kehrsen (Herzogtum Lauenburg). Silvia Meincke (52) hat ihn von ihrem Vater Otto (85) übernommen. Doch schon sein Vater, der ebenfalls Otto hieß, gründete das Lokal 1898. „In der guten Stube, auf 16 Quadratmetern“, erzählt der Senior.

Vieles ist noch wie früher bei den Meinckes. Die Ölbilder an den Wänden, der ausgestopfte Auerhahn, die 70-er-Jahre-Lampen aus Kupfer über dem Tresen. Und die gerahmten Sprüche an der Wand. „Der Wein sei rein, das Bier sei klar, die Sprache fein, das Wort sei wahr.“ „So was ist auch wichtig“, findet Otto Meincke.

Noch wichtiger aber ist etwas anderes: Herzblut. Das bringt Tochter Silivia, die früher als Krankenschwester in Lübeck und als Altenpflegerin in Mölln arbeitete, mit. „Morgens um 5.15 Uhr fange ich an“, schildert sie ihren Tagesablauf. „Und abends bleiben wir so lange, bis der letzte Gast gegangen ist.“ Meist sei das gegen 23 Uhr. Manchmal aber auch erst um ein oder zwei Uhr morgens. Vier Angestellte, darunter Silvia Meinckes Sohn und ihre Schwägerin, unterstützen sie.

Marcus Stöcklin

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