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Wo die Reichen ihren Reichtum bunkern

Berlin Wo die Reichen ihren Reichtum bunkern

In Zollfreilagern kaufen und lagern Anleger ihre Schätze steuerfrei. Das Geschäft in der Schweiz boomt — was Steuerfahnder auf den Plan ruft.

Berlin. Es sind gewaltige Festungen aus Granit, Tuff oder Basalt; meterdicke Naturstein-Mauern ohne Fenster, allenfalls mit ein paar schmalen Schlitzen versehen, die an Schießscharten erinnern. Sie beherbergen die Schätze der Gegenwart: wertvolle Gemälde und Skulpturen, Gold, Platin, Diamanten, Uhren, Oldtimer oder alte Weine. Sie liegen nicht auf Sizilien, am Rhein oder auf der schwäbischen Alb — sie wuchern in Steuerparadiesen wie der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Singapur oder Hongkong. Das Zauberwort der Superreichen und der von Niedrigzinsen und Euro-Krise geplagten Steuermuffel heißt:

Zollfreilager.

Einer dieser Superreichen ist Claus Richter (Name geändert). Sein Vater baute in Deutschland nach dem Krieg einen erfolgreichen Konzern auf. Nach dessen Tod verkauften die Erben das Unternehmen für einen dreistelligen Millionenbetrag an einen US-Hedge-Fonds. Das Geld investiert der heute 65-jährige Sohn seither unermüdlich in Kunst, vor allem in wertvolle Bilder und seltene Möbel. „Irgendwann wurde unsere Villa in Baden Baden zu klein. Zum Tauschen und Weiterverkaufen sind Zollfreilager ideal“, schwärmt Richter.

Milliardenschätze

im Bunker

Über Jahrzehnte dienten die Katakomben, Betonhallen und ehemaligen Alpen-Bunker als kurzfristige Transitdepots für Importeure und Weiterverkäufer. Längst jedoch sind die Hochsicherheitslager zu geheimen Dauereinrichtungen im steuerrechtlichen Niemandsland geworden. Seit dem Bröckeln des Bankgeheimnisses entstehen immer mehr dieser mysteriösen Schatzgrotten. Allein in der Schweiz gibt es laut einem Bericht der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) von 2013 mittlerweile 245 offene Zolllager mit Werten von rund 14 Milliarden Euro. Hinzu kommen zehn Zollfreilager, deren Inhalt Versicherer auf wenigstens 100 Milliarden Euro taxieren.

Das größte von ihnen ist der sechs Stockwerke hohe Steinklotz „Embraport" bei Genf mit etwa 100000 Quadratmetern — einer Fläche von 14 Fußballfeldern. Das Genfer Lager soll nach Schätzungen von Kunstliebhabern inzwischen allein 300 Gemälde von Picasso beherbergen. Es wäre damit die zweitgrößte Picasso-Sammlung der Welt. Auch Millionen-Erbe Richter zählt zu den Genfer Kunden. Das Zollfreilager St. Gotthard 90 Kilometer südlich von Zürich verfügt sogar über „kugel- und explosionssichere Türen“. Weil die Schweizer Bergtresore längst aus allen Nähten platzen, entsteht bis Anfang 2017 am Rande der Liechtensteiner Gemeinde Mauren ein neues riesiges Lager.

Doch was treibt Wohlhabende dazu, ihre Preziosen an solchen Orten zu verschanzen? „Für Investoren ist es natürlich ein Anreiz, Edelmetalle außerhalb der EU zu besitzen“, wirbt das deutsch- schweizerische Handelsunternehmen Pro Aurum ganz offiziell in Hochglanzbroschüren für eigene Zollfreilager in der Schweiz und in Hongkong. „Lagern Sie Ihre Zukunft zollfrei“, lautet der Slogan. Der Mindesteinlagewert liegt bei 10000 Schweizer Franken. Auch wenn die findigen Händler vordergründig „die stabilen politischen Verhältnisse in der Schweiz“ als „Motivation“ anpreisen, wird schnell klar, worum es eigentlich geht: „19 Prozent Mehrwertsteuer werden erst fällig, sobald die Schätze die Schweiz in Richtung Deutschland verlassen“, erklärt René Buchwalder, Geschäftsführer der Pro Aurum Schweiz AG.

Eigentum verpflichtet, heißt es in Artikel 14 des deutschen Grundgesetzes. Soll heißen: Wer etwas besitzt, muss darauf Steuern zahlen — „zum Wohle der Allgemeinheit“. „Kommunistisches Geschwätz“, nennt das Millionen-Erbe Richter. Bleiben die Kostbarkeiten gut verwahrt im voll klimatisierten Bunker, können die eingesparten Steuern — bei Milliarden-Einlagen durchaus erkleckliches Kapital — in der Zwischenzeit andernorts Früchte tragen. Repräsentative Verkaufshallen mit Video-Konferenzsälen geben den Mietern die Möglichkeit, ihren Picasso gegen ein paar Kilogramm Gold oder Wein-Raritäten zu tauschen.

Vor gut einem Jahr nahm der Luxemburger Freeport als neuestes und wohl modernstes Zollfreilager seinen Betrieb auf. Dort achten die Betreiber unter anderem peinlich genau darauf, dass Temperatur und Luftfeuchtigkeit gleich bleiben. Wein kann so vibrationsfrei reifen. Ganz ungestört laufen die Geschäfte allerdings nicht mehr ab. Der Eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) ist ein Dorn im Auge, dass Güter zum Teil jahrzehntelang in den Zollfreilagern verweilen. Zudem keimt der Verdacht auf, die eingelagerten Kunstschätze könnten mit „schmutzigem Geld" bezahlt worden sein.

Die Behörde fürchtet einen „Reputationsverlust für den Standort Schweiz“ und hat daher dem Parlament, dem Bundesrat, empfohlen, bis Ende dieses Jahres eine Strategie zu entwickeln, wie künftig verfahren werden soll.

Auch in Deutschland wächst das Unbehagen. Offiziell erklärt das Bundesfinanzministerium auf Nachfrage, es lägen „keinerlei Erkenntnisse darüber vor, dass eine Neigung deutscher Steuerpflichtiger besteht, in Zollfreilagern wertvolle Kunstgegenstände dauerhaft einzulagern“. Auch Steuerhinterziehung könne man derzeit nicht erkennen. Hinter vorgehaltener Hand spricht ein Steuerfahnder jedoch Klartext: „Was früher die dubiosen Bankkonten waren, sind heute die Bunker und steinernen Tresore. Der Verdacht, dass dort Steuerhinterziehung im Spiel ist, liegt nahe.“

Der Neigung der Superreichen, ihre Kostbarkeiten in Hightech- Festungen einzulagern, tut dies jedoch keinen Abbruch. In einem Depot in der Schweiz liegt eine mehrere Millionen Euro teure Stradivari-Geige. Das Klima in der Berggrotte bekommt dem Instrument nicht besonders gut. Und so hat sein Besitzer einen Konzertgeiger eingestellt. Zweimal pro Woche spielt der nun die Geige im Bunker. Auf dass die Stradivari ihren Marktwert möglichst lange behält.

Jörg Köpke

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