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Yunus Turgut kämpft gegen das Rachegefühl

München Yunus Turgut kämpft gegen das Rachegefühl

Der Bruder des in Rostock ermordeten Mehmet Turgut verfolgt den Prozess sehr genau: „Das bin ich mir und meiner Familie schuldig.“

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Die Brüder Yunus (r.) und Mustafa Turgut am Tatort der Ermordung ihres Bruders Mehmet in Rostock.

München. Yunus Turgut hat sich etwas vorgenommen: „Ich muss mich im Griff haben, auch wenn es unendlich schwer fällt.“ Der Bruder des Mordopfers Mehmet Turgut hat an diesem Tag im NSU-Prozess auf der Bank der Nebenklagevertreter Platz genommen. Der heute 36-Jährige will wissen, was genau an diesem 25. Februar 2004 in Rostock passierte. Er will wissen, wie sein Bruder starb und wie das Gericht den Fall aufarbeitet. Und auch, welche Rolle Beate Zschäpe bei dem Mord spielte.

Die Hauptangeklagte sitzt nur wenige Meter vor ihm auf der Anklagebank. Gleich zu Beginn der Hauptverhandlung treffen sich die Blicke. Zschäpes sonderbarem Lächeln begegnet er mit festem Blick. Da ahnt Yunus Turgut, dass er diesen Tag gut überstehen und seiner verordneten Vernunft treu bleiben wird: „Auch wenn ich mit ihr in einem Raum allein wäre — ich würde sie trotzdem an die deutsche Justiz übergeben.“

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Yunus Turgut hat Schattenseiten der deutschen Sicherheitsbehörden erlebt wie nur wenige andere und glaubt doch weiter an sie. „Was bleibt mir auch anderes übrig“, sagt er fest.

Weil er mit seinem Bruder als Kind die Pässe tauschte, glaubten die Ermittler zunächst, Yunus Turgut sei ermordet worden. Das führte zu Missverständnissen. Noch heute wird in der Anklageschrift der Bundesanwaltschaft der falsche Name geführt — und in den Fußnoten berichtigt.

Als vor Gericht die Sprache schließlich auf die jahrelangen Verdächtigungen gegen ihn und seine Familie kommt, als es wieder um angebliche Geldwäsche und Drogenhandel geht, da ist Yunus Turgut mit den Gedanken bei seinem Vater Hanifi. Der 57-Jährige litt am stärksten unter den Unterstellungen und harten Verhören der türkischen Ermittler. Seit dem Tod des Sohnes ist er an Parkinson erkrankt und kann keiner Arbeit mehr nachgehen. Nach der Nachricht, dass Rechtsterroristen seinen Sohn erschossen, war für ihn und die Menschen in seinem Heimatdorf Kayalik Schluss mit den falschen Verdächtigungen: Mehmet starb nicht, weil sein Vater womöglich in kriminelle Geschäfte verwickelt war.

Auch Yunus Turgut wohnt heute wieder in Kayalik, mit seiner Frau Songül und den zwei Kindern. Er führt ein einfaches Leben als Bauer. Deutschland sei schön, die Menschen sehr freundlich, doch die Behörden arbeiteten „sehr technisch“. Genau wie sein Bruder stellte Mehmet mehrere Asylanträge — erfolglos. Genau diese Gründlichkeit und Konsequenz der Behörden vermisste er aber bei der Aufarbeitung des Mordes. Turgut kann sich nicht vorstellen, dass die Taten des NSU ohne direkte Unterstützer vor Ort möglich waren. „Da müssen noch mehr Leute dahinter stecken.“ Turgut will den Prozess auch deshalb weiter regelmäßig in München verfolgen, um den Angehörigen in der Heimat berichten zu können. „Das bin ich mir und meiner Familie schuldig.“ P. Tiede

LN

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