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Deutsche Fotografin taucht in Mexikos Halbwelt ein

Teufelsweiber von Tepito Deutsche Fotografin taucht in Mexikos Halbwelt ein

In dem Viertel in Mexiko-Stadt herrschen Armut, Gewalt und Kriminalität. Die Männer sind oft im Gefängnis, tot oder haben sich davon gemacht. Es sind die Frauen, die das Barrio zusammenhalten.

Nachts in Tepito.

Quelle: Anja Jensen

Mexiko-Stadt. Doña Queta ist in Trauer. Vor wenigen Tagen wurde ihr Mann erschossen. Zwei junge Männer rasten auf einem Motorrad heran und eröffneten das Feuer. Er wurde ins Herz getroffen und war sofort tot, sein Bruder brach neben ihm schwer verletzt zusammen.

In ihrem Haus hat Doña Queta einen Altar für Santa Muerte eingerichtet - die Schutzheilige der Mörder, Drogenhändler und Prostituierten. Ihren Mann konnte sie nicht schützen.

Tepito in Mexiko-Stadt ist ein Barrio Bravo, ein wildes Viertel. Nur wenige Kilometer vom historischen Stadtzentrum mit der Kathedrale, dem Nationalpalast und dem Platz Zócalo entfernt, beginnt eine ganz andere Welt. Hier haben kriminelle Banden das Sagen, Polizisten setzen selten einen Fuß in das unübersichtliche Gassengewirr.

„Hier brauchst du einen 360-Grad-Blick“, sagt Mayra Valenzuela Rosas, die in dem Viertel aufgewachsen ist. „Behalte deine Umgebung im Auge, trödel nicht herum und mache dich gerade - dann passiert dir nichts.“ Sie ist eine der „Siete Cabronas“ (Sieben Teufelsweiber) von Tepito - Frauen, deren Wort im Barrio Gewicht hat. Sie setzen sich für ihr Viertel ein und kämpfen gegen die Stigmatisierung der Bewohner.

Auf den Märkten gibt es Hehlerware, Raubkopien, gefälschte Medikamente und alles, was sonst noch so verboten ist. Auch wer seinen Geschäftspartner oder seine Ehefrau loswerden will, ist hier an der richtigen Adresse. Nirgendwo in Mexiko soll es so viele Sicarios - Auftragsmörder - geben wie in Tepito.

„Hier gibt es viel Gewalt und Kriminalität, aber eben auch hart arbeitende Menschen, die jeden Tag für ihre Familien kämpfen“, sagt Valenzuela. „Meine Mutter hat mir immer gesagt: Du kommst aus dem Barrio, aber verhalte dich nicht wie das Barrio.“

Die deutsche Fotografin Anja Jensen ist tief in die Halbwelt von Tepito eingetaucht. Über Monate begleitete sie die „Cabronas“. Unter deren Schutz streifte sie durch das Viertel und machte intime Porträts von den Frauen. Im Rahmen des deutsch-mexikanischen Jahres zeigt sie die Fotos nun in einer Ausstellung in Mexiko-Stadt.

Leticia Ponce Ramos steht in einer engen Gasse, die zu ihrer Wohnung führt. An der Wand ein Graffiti - „Jerzy“ in schwarzen Lettern. Ihr Sohn hat sein Namen dort hingesprüht, kurz bevor er aus einer Bar verschleppt und wahrscheinlich getötet wurde. „Es ist jedes Mal ein Stich ins Herz, wenn ich an diesem Schriftzug vorbeikomme“, sagt die 51-Jährige.

Der Fall erregte 2013 in Mexiko große Aufmerksamkeit. Vermummte und schwer bewaffnete Männer entführten damals zwölf junge Leute aus der After-Hour-Bar „Heaven“ im Herzen von Mexiko-Stadt nur wenige Meter von der Prachtstraße Paseo de la Reforma und dem berühmten Unabhängigkeitsdenkmal entfernt.

Monate später wurden die Toten außerhalb der Stadt gefunden. „Sie haben mir eine Leiche gegeben, aber das war nicht mein Sohn“, sagt Ponce. „Für die Behörden ist der Fall abgeschlossen, aber ich habe noch viele Fragen.“

Jerzy war der gemeinsame Sohn von Ponce und Jorge Ortiz Reyes alias „El Tanque“ (Der Panzer) - dem einst mächtigen Herrscher von Tepito. Seit 2003 ist der Gangsterboss wegen Mord, Raub und Erpressung in Haft. Die Entführung könnte ein Racheakt im Milieu gewesen sein. Oder Jerzy - zum Zeitpunkt seines Todes gerade einmal 16 Jahre alt - war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort.

Wie „El Tanque“ sind viele Männer aus Tepito im Gefängnis, andere sind im Bandenkrieg gefallen oder haben sich einfach davon gemacht - zusammengehalten wird das Viertel von den Frauen. „Hier in Tepito herrscht das Matriarchat“, sagt Mayra Valenzuela und steckt sich noch eine Zigarette an. „Jede Frau hat ihre eigene Geschichte. Jede von uns ist nur ein Funken, aber gemeinsam werden wir eine Kerze für Tepito anzünden.“

Trotz Armut, Kriminalität und Gewalt gebe es auch viel Solidarität in dem heruntergekommenen Viertel. Das liegt vor allem am starken Zusammenhalt unter den Frauen, glaubt Leticia Ponce. „Auch wenn hier oft ein rauer Ton herrscht, wenn du wirklich Hilfe brauchst, bekommst du sie - von Freundinnen, Nachbarinnen - innerhalb von fünf Minuten“, sagte die Inhaberin eines kleinen Ladens, in dem sie T-Shirts, Pullover und Baseballmützen verkauft.

Mayra Valenzuela führt manchmal Besucher durch ihr Viertel. Sie geht mit ihnen durch die Tianguis-Märkte, zeigt ihnen Kunstprojekte, erzählt von ihrem täglichen Kampf ums Überleben. „Tepito existe, porque resiste (Tepito existiert, weil es Widerstand leistet) lautet das inoffizielle Motto des Viertels. Die Menschen dort sind stolz und wehren sich gegen die Stigmatisierung. Valenzuela sagt: „Wir wollen den Namen von Tepito reinwaschen.“

dpa

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