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"Humor ist eine Waffe gegen die Angst vor dem Fremden"

Lucas Gregorowicz "Humor ist eine Waffe gegen die Angst vor dem Fremden"

Lucas Gregorowicz steigt als „Polizeiruf“-Kommissar in Brandenburg ein („Polizeiruf: Grenzgänger“, Sonntag, 20.12., 20.15 Uhr, ARD)

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"In Frankfurt/Oder ist mir viel Sympathie entgegenkommen": Lucas Gregorowicz ermittelt ab sofort in den "Polizeiruf 110"-Produktionen des Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) als Kriminalhauptkommissar Adam Raczek.

Quelle: Rbb / Max Kohr

Mit dem 1976 in London geborenen Schauspieler Lucas Gregorowicz betritt der RBB Fernseh-Neuland. Der Sender besetzte Gregorowicz als Kriminalhauptkommissar Adam Raczek, als männliche Hälfte eines Duos, das im Grenzgebiet der beiden Nachbarländer Polen und Deutschland ermittelt. Ihm zur Seite steht mit Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (gespielt von Maria Simon) eine alte „Polizeiruf“-Bekannte, die nach dem Ausstieg von Horst Krause an die Grenze versetzt wurde. Passend dazu trägt der erste Fall des neuen Duos den Titel „Polizeiruf 110: Grenzgänger“. Im Interview erklärt Gregorowicz Besonderheiten der Dreharbeiten, reflektiert über die neue Popularität und über die Flüchtlingssituation, die der hochaktuelle Krimi aufgreift …

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"Es gibt Stellen, die lustig sind, lakonisch und auch selbstironisch sind", verrät der Schauspieler Lucas Gregorowicz über den deutsch-polnischen "Polizeiruf"-Krimi, der am Sonntag, 20. Dezember, 20.15 Uhr, im Ersten ausgestrahlt wird.

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teleschau: Eine Neuerung bei Ihrem „Polizeiruf“ ist das Team, das auf dem Bildschirm über Landesgrenzen hinaus ermittelt, aber eben auch binational hinter den Kulissen zusammen gestellt ist. Wo haben Sie das beim Dreh bemerkt, gab es Missverständnisse?

Lucas Gregorowicz: Eigentlich war es ein deutsches Team, das mit einem deutsch-polnischen Regisseur in Polen und Deutschland gedreht hat. Wir hatten zwar polnische Schauspieler am Set, allerdings auch türkische und syrische. Deswegen war das ohnehin ein babylonischer Sprach-Wirrwarr. Es ist ungewöhnlich, die Sprache so zu wechseln. Regisseur Jakob Ziemnicki sprach auch Polnisch mit mir, da vergaß ich manchmal, zu übersetzen. Manchmal haben wir uns auch verrannt, weil wir so aufgeregt waren, auf Polnisch zu arbeiten. Ich habe - abgesehen von „Unsere Mütter, unsere Väter“ - noch nie auf Polnisch gespielt.

teleschau: Hat die Sprache Ihre Vorbereitung verändert?

Gregorowicz: Nein. Es war insofern anders, als dass viele Dinge erst am Set geklärt wurden, etwa was für ein Typ der Kommissar ist. Für Kommissarin Olga Lenski ist das ein neues Setting. Viele Dinge wurden auf Papier erdacht, aber wir schauten erst mal, was vor Ort passiert. Ich sprach mit meinen Kollegen viel auf Polnisch, um im Fluss zu sein und die Sprache parat zu haben. Wenn ich meine Eltern länger nicht sehe, komme ich nicht dazu, Polnisch zu sprechen.

teleschau: Horst Krause, der eine Art Vorgänger von Ihnen war, könnte man als das Gesicht des „Polizeirufs“ bezeichnen. Sie werden nicht sein Nachfolger, der in den Ort kommt und ihn ablöst, sondern Maria Simons Olga Lenski wird zu Ihnen versetzt. Löst das eine andere Erwartungshaltung aus als umgekehrt?

Gregorowicz: Das setzt alles auf Null, auch für Olga Lenski. Für sie ist alles neu. Gleichzeitig nimmt sie die Zuschauer mit in diese neue Gegend, die er durch Lenskis Augen entdeckt. Das wäre anders, wenn Fragen nach Krause gestellt worden wären.

teleschau: Was ändert das für Sie als Krauses Nachfolger?

Gregorowicz: Mir nimmt es die Last, mich einreihen zu müssen und in diese Fußstapfen zu treten, die nicht zu füllen sind. Er war so eine Institution und geliebte Gestalt, da kann man nicht mithalten. Das muss man sich erarbeiten - und er hat sich die Gunst der Zuschauer über Jahre erarbeitet. Ich stehe ganz am Anfang. In Frankfurt/Oder ist mir viel Sympathie entgegenkommen, und ich hoffe, dass mir die Zeit und damit die Chance gegeben wird, meinen Kommissar vorzustellen.

teleschau: Horst Krause war Horst Krause ...

Gregorowicz: Horst Krause ist wahrscheinlich die einzige Figur im Fernsehen, die sich selbst, also unter eigenem Namen spielt. Die Entscheidung, die Distanz zwischen Schauspieler und Figur aufzulösen, muss man erst mal treffen. Mir ist es wichtig, diese Distanz aufrecht zu erhalten. Wir Schauspieler kreieren etwas und stellen es vor. Mit der Figur haben wir wenig zu tun, obwohl wir genauso aussehen.

teleschau: Sie haben deutsch-polnische Wurzeln. Gibt es denn Parallelen zur Figur?

Gregorowicz: Geschichten aus der Kindheit helfen mir gar nicht. Es sind konkrete Dinge: Ich kann die Sprache und kann reagieren - aber deshalb bin ich noch lange kein Polizist.

teleschau: Es war eine konsequente Entscheidung, mit Ihnen und Regisseur Ziemnicki diesen Grenzgänger-Geist in die Reihe hineinzutragen. Führt das zu einer Authentizität?

Gregorowicz: Danach habe ich nicht gesucht. Mir ging es darum, die Geschichte spielbar zu machen. Weniger um regionale Glaubwürdigkeit, die ergibt sich - oder sie ergibt sich nicht. Ich habe viel mit Polizisten gesprochen, die wirklich mit polnischen Polizisten zusammenarbeiten. Das ist für mich spannend. Das ist deren Alltag, davon etwas zu übernehmen, ist die Aufgabe.

teleschau: Das erzählte Doppelteam gibt es in der Realität nicht, aber das seit Juli geltende Polizeiabkommen zwischen Deutschland und Polen erleichtert die grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Deutsche und polnische Polizisten fahren an der Grenze gemeinsam Streife, zudem gibt es eine bilaterale Informationsstelle.

teleschau: Hatten Sie Kontakt mit den echten Polizisten?

Gregorowicz: Mit denen war die Redaktion schon während der Drehbuchvorbereitung in Gesprächen, und für uns waren die vor Ort ansprechbar. Es gibt Stellen, die lustig sind, lakonisch und auch selbstironisch sind. Humor ist bei denen als Kommunikationsmittel eine wichtige Brücke. Über sich selber lachen können und Dinge mit Humor nehmen, das ist im tristen Polizeialltag bestimmt wichtig. Das wollte ich mitnehmen. Der Alltag ist viel trister, als das, was wir zeigen. Auch wenn Witze nicht gut sind, wird wenigstens versucht, einen Witz zu machen. In der Wirklichkeit ist das noch viel schlimmer, da ist der Humor überzogener. Wer nach Israel reist, versteht nicht, wie da jemand Witze über den Zustand dort machen kann. Da denken wir auch nicht, dass man darüber lachen kann, aber doch, darüber kann man lachen. Humor ist eine Waffe gegen die Angst vor dem Fremden.

teleschau: Gibt es Klischees oder Situationen zwischen den Nachbarländern, die nur durch einen Fluss getrennt sind, die Sie selbst kennen und über die Sie schmunzeln?

Gregorowicz: Da muss ich an meine Großmutter denken, deren direkte Übersetzung von Liebe Essen war. Meinen deutschen Freunden musste ich erklären, dass je mehr Essensangebote sie bekommen, je fettiger es ist, je mehr Fleisch es gibt, desto mehr bedeutet das Liebe und Zuneigung. Meine Mutter hat das jetzt auch. Keine Ahnung, ob das typisch Polnisch oder typisch mütterlich ist. Mir fällt es schwer, Klischees zu benennen, da das für mich beides selbstverständlich war und mich nie abkämpfen musste. Ich bin immer in beiden Kulturen aufgewachsen und sehe eher an den Reaktionen anderer, dass da irgendwas komisch ist oder nicht stimmt.

teleschau: Der nächste Fall, „Polizeiruf 110: Preis der Freiheit“, ist schon abgedreht. Wohin entwickelt Adam Raczek sich, bei dem bisher manches nur angedeutet wird?

Gregorowicz: Ich finde es gut, wenn nicht schon am Anfang zehn Hintergrundgeschichten eines Kommissars erzählt werden. Ich hoffe, man versteht und akzeptiert ihn so. Der zweite Fall ist für ihn viel persönlicher, und da zeigen wir andere Seiten von ihm. Er ist vielleicht weniger ironisch, weil es weniger nah an ihm dran ist. Das ist eine Facette, die ein großes Bild ergibt, das sich jeder selbst vorstellen kann. Ich finde es gut, wenn der Zuschauer genug Platz hat, sich selbst Dinge vorzustellen - was gerade bei Fernsehkrimis nicht immer der Fall ist. Im Gegenteil, da bekommen die Zuschauer oft viel verraten und müssen sich selbst wenig Gedanken machen. Bei unserem „Polizeiruf“ muss man das Bügeleisen ausschalten, ehe man anfängt, den Film zu gucken.

teleschau: Wie war es für Sie, als Sie die Nachricht bekamen, „Polizeiruf“-Kommissar zu werden? War das pure Freude oder sorgt man sich wegen der Präsenz am Sonntag in der ARD, um 20.15 Uhr?

Gregorowicz: Diese Aufmerksamkeit hatte ich während der Arbeit nicht wirklich auf meinem Plan. Die habe ich vielleicht auch verdrängt. Ich hatte genug Aufgaben, auf die ich mich konzentriert habe und nicht darüber nachgedacht. Das ist natürlich gut, je mehr Leute mich sehen und kennen, desto besser. Ich mache auch noch andere Dinge, spiele Theater, drehe andere Filme. Es ist wichtig, dass Figur und Person nicht zu sehr verschmelzen - was man vielleicht nicht kontrollieren kann. Die Leute wollen ihren Kommissar sehen. Das muss man wissen und sehen, dass das auch eine Gefahr ist.

teleschau: Sie sind der erste Kommissar aus Frankfurt/Oder ...

Gregorowicz: Ist das so? Cool.

teleschau: Entsteht da eine Bindung?

Gregorowicz: Bei der Premiere hat mich diese Begeisterung und die Liebe sehr an meine Heimatstadt Bochum erinnert. Frankfurt/Oder sieht darin toll aus. Ich dachte mir, in Bochum wäre das genauso. In Berlin ist man das eher gewohnt. Hier werden Straßen abgefeiert. Das kann ich nachvollziehen. Einer Stadt, die nicht dafür bekannt ist, besonders hübsch oder cool zu sein, wird eine Liebeserklärung gemacht. Das finde ich toll als jemand, der aus einer kleineren Stadt kommt.

teleschau: In der Story von „Polizeiruf 110: Grenzgänger“ steckt viel tagesaktuelle Brisanz, ermittelt wird in einer Flüchtlingsunterkunft ...

Gregorowicz: Als wir gerade mit den Dreharbeiten durch waren, begann dieser Ansturm über die Balkanroute. Im Film zeigen wir eine Flüchtlingsunterkunft - und die ist recht leer. Das entspricht nicht mehr der Realität. Dort haben die Leute alle eigene Zimmer und einen Schlafplatz - das ist heute nicht mehr so. Jetzt müssen wir schauen, wie die Menschen über den Winter kommen. Ob die überhaupt ein Bett oder einen Schlafplatz haben, ein Dach über den Kopf. Das konnte niemand vorhersehen. Ich frage mich sehr, warum das ausgerechnet jetzt passiert.

teleschau: Hängen bleibt das fiktive Vorwort des fiktiven Dichterbandes eines tschetschenischen Intellektuellen, den Husam Chadat spielt: „Hinter dem Deckmantel der Zivilisation sind wir alle Bestien.“ Wie zivilisiert ist denn die Gesellschaft?

Gregorowicz: Wir sind so zivilisiert, wie wir fähig sind, auf andere Menschen zuzugehen, uns zu öffnen, entgegen allen Ängsten darauf zu vertrauen, dass das Gegenüber uns nichts Böses will. Das ist vielleicht eine naive Haltung, aber ich denke, das ist sehr wichtig. Es ist ein hehres Gut, dass Grenzen offen sind und wir die Möglichkeit haben, aufeinanderzuzugehen und einen Film zusammen zu drehen. Peu à peu. Das trägt dazu bei, dass Grenzen offen bleiben. Wenn ich mich an meine Kindheit und die Grenzen erinnere, die meine Eltern überwinden mussten, obwohl kein Krieg war. Die offenen Grenzen muss man bewahren und schützen - und zwar die inneren wie die äußeren Grenzen. Das soll nicht pseudo-philosophisch klingen, das denke ich wirklich. Das ist keine Botschaft des Films, der ist Abendunterhaltung, ein Krimi und den sehen viele Leute. Das ist wertvoll.


Homepage Jakob Ziemnicki
Agenturseite Lucas Gregorowicz
Homepage "Polizeiruf" Brandenburg

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