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Steinmeier: Konflikte am Verhandlungstisch lösen

Historikertag Steinmeier: Konflikte am Verhandlungstisch lösen

Die Gewaltspirale in Syrien dreht sich seit Jahren: Um Frieden im Mittleren Osten zu schaffen, sollte nach Ansicht von Außenminister Steinmeier die Diplomatie Elemente des Westfälischen Friedens von 1648 anwenden. Steinmeier eröffnete den Deutschen Historikertag.

Hamburg/New York. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) hat bei der Eröffnung des 51. Deutschen Historikertages neue Ansätze für eine Befriedung des Mittleren Ostens vorgeschlagen.

Die Diplomatie sollte auf den Westfälischen Frieden von 1648, der den Dreißigjährigen Krieg beendete, blicken und Elemente dieses bedeutenden Friedenskongresses übernehmen, sagte Steinmeier. Wie damals die Reichsstände könne jetzt Europa als „dritte Partei“ versuchen, die starren Fronten aufzulösen mit der Fokussierung auf Frieden. „Die Bilder vom Krieg martern unsere Seele.“

„Mir geht es um den praktischen Nutzen historischer Forschung für heutige Friedensbemühungen“, sagte Steinmeier. „Wo sind die Hebel, um die Dynamik auf dem Schlachtfeld zu drosseln und die Dynamik am Verhandlungstisch zu erhöhen.“ Seine Rede wurde live aus New York um 6.00 Uhr Ortszeit zur Eröffnung des Historikertages ins Hamburger Rathaus übertragen. Steinmeier nimmt an der UN-Vollversammlung teil, bei der der blutige Syrien-Konflikt ein Schwerpunkt ist.

Steinmeier verwies auf die „historische Erfolgsfaktoren“ des Westfälischen Friedens als Modell für den Mittleren Osten. Dementsprechend forderte er ein tabuloses Ausloten von Sicherheitsinteressen und Unterhändler, „die diskret und mit weitgehenden Vollmachten arbeiten - professionelle und vollmandatierte Diplomaten, wie sie in Münster und Osnabrück den Unterschied gemacht haben“.

Und: „Wir müssen die Kraft aufbringen, den sich verändernden Realitäten am Boden ins Auge zu sehen und daraus Schlüsse zu ziehen.“ Die Diplomatie habe 1648 auf das wechselnde Kriegsglück reagiert. „Haben wir dazu im aktuellen Medienzeitalter noch die Kraft und den Spielraum?“, sagte Steinmeier.

Der Historikertag ist Europas größter geisteswissenschaftlicher Kongress. Bis Freitag werden 3500 Historiker aus mehr als 20 Nationen in der Elbmetropole erwartet. 400 Wissenschaftler referieren in 19 Sektionen. Veranstalter sind der deutsche Historikerverband und der deutsche Geschichtslehrerverband. Partner ist Indien und damit erstmals ein Land jenseits der westlichen Hemisphäre.

Der Kongress hat als Leitthema „Glaubensfragen“. Dabei gehe es um die wachsende Bedeutung von Religionen, aber auch nationale Wissensbestände, die gegen objektive Einwände oft resistent seien, hieß es. Und zudem wollen die Historiker eigene Annahmen kritisch hinterfragen - so etwa die lange wie ein Glaubensdogma akzeptierte Säkularisierungstheorie, Religion werde immer unwichtiger.

Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) rief die Historiker dazu auf, mit einer globalgeschichtlichen Perspektive dem Rechtspopulismus entgegenzuwirken. „Die Historiker sollten uns aus der nationalgeschichtlichen Perspektive herausführen.“

Für das Verstehen einer immer komplexeren Weltlage gewinnen nach Ansicht des Historikerverbandes Geschichtskenntnisse und -bewusstsein an Bedeutung. Die Übersichtlichkeit des Kalten Krieges und die Selbstverständlichkeit eines immer enger zusammenwachsenden Europas gebe es nicht mehr, sagte der Verbandsvorsitzende Martin Schulze Wessel. Das Wissen der Historiker sei jetzt sehr gefragt.

Schulze Wessel kritisierte, Geisteswissenschaften würden nicht so gefördert wie Naturwissenschaften. Auch der Geschichtsunterricht bereite Sorgen, da er zunehmend von fachfremden Lehrern in integrierten Fächern - „Hybridfächern“ wie Schulze Wessel sagte - mit Erdkunde und Politik unterrichtet werde. Dabei seien die Schulen der Ort, an denen Schüler Geschichtsbewusstsein lernten. Es gelte das dicke Brett zu bohren, Geschichte wieder die Stundenzahl zu verschaffen, „die für die staatsbürgerliche Bildung nötig ist“.

dpa

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