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Warten auf den Literaturnobelpreis

Countdown Warten auf den Literaturnobelpreis

Der Japaner Murakami ist zu hip, Philip Roth zu amerikanisch, der syrische Poet Adonis zu alt für einen Literaturnobelpreis, meinen Kritiker. Aber wer kriegt ihn dann? Die Zocker glauben es zu wissen.

Stockholm. Ihre Lippen sind versiegelt: „Fast wie die CIA“ hüteten die Juroren für den Literaturnobelpreis ihr Geheimnis, sagt der schwedische Verleger Stephen Farran-Lee.

In den Tagen vor der Verkündung des Preisträgers (13. Oktober) bleibt Literaturexperten und Journalisten deshalb wenig anderes übrig, als sich an den Zockern im Internet zu orientieren. Wer schon Wochen vorher auf die Wettlisten bei Anbietern wie Ladbrokes starrt, wird nicht schlauer. Erst wenige Tage und Stunden vor der Bekanntgabe lohnt sich ein Blick. Kurz vor der Auflösung des Rätsels in diesem Jahr liegt ein alter Bekannter in der Gunst der Tipper ganz oben.

Geht es nach ihnen, bekommt Ngugi Wa Thiong'o die begehrte Auszeichnung am Donnerstag zuerkannt. Der kenianische Schriftsteller war schon in den vergangenen Jahren regelmäßig unter den Top Fünf zu finden. Deshalb laufe er aber auch Gefahr, wie der Japaner Haruki Murakami und der US-Amerikaner Philip Roth als ewiger Kandidat zu enden, meint Verlagschef Svante Weyler: „Wir wissen: Wenn jemand drei Jahre auf der Shortlist der Nobeljury gestanden hat und keine Mehrheit gefunden wurde, ist er oder sie weg vom Fenster.“

Manche schafften es später mit neuen Werken wieder auf die Liste und bekämen dann doch den Preis, wie J.M.G Le Clezio 2008. Doch für den beliebten 83-jährigen Roth, der 2012 seinen Rückzug vom Schreibtisch verkündet hatte, könnte es zu spät sein. Auch der syrische Dichter Adonis, der auf den Wettlisten gerade auf Platz drei rangiert, könnte für einen Nobelpreis schon zu alt sein, meint Farran-Lee. „Ich habe seinen Namen zum ersten Mal 1987 gehört. Jetzt ist es vielleicht ein bisschen zu spät.“ Auch der Verleger Weyler zweifelt an den Chancen des Syrers. „Er schreibt nicht genug gute Gedichte“, sagt Weyler. „Und er würde als Kandidat für die arabische Literatur gesehen. Die Akademie scheut sich vor repräsentativen Kandidaten.“

Die Spekulationen vor der Preisvergabe durch die höchst verschwiegene Jury gründen aber häufig auf Proporz. Wann gab es zuletzt einen Preisträger aus Afrika? Wäre es nicht Zeit für einen Dramatiker? Dann könnte es der Norweger Jon Fosse werden, munkeln Kenner. Aber die Schwedische Akademie, die den Preisträger kürt, schreckt vor nordischen Kandidaten zurück, seit sie 1974 mit Eyvind Johnson und Harry Martinson zwei ihrer Mitglieder auszeichnete und Schelte kassierte. Erst einmal ging der Preis seitdem an einen Skandinavier: den schwedischen Dichter Tomas Tranströmer 2011. Zum Glück ein ganz unumstrittener Kandidat.

„Als Journalist in Schweden guckst du in den Herbstwochen vor dem Nobelpreis immer genau hin, wenn du Mitglieder der Akademie siehst“, sagt die Literaturkritikerin Åsa Beckman von der Zeitung „Dagens Nyheter“. „Wir versuchen alle Zeichen zu deuten, die uns etwas darüber sagen, was sie lesen und diskutieren.“ Beckman setzt auf den israelischen Schriftsteller David Grossman. „In den Spekulationen hört man häufig seinen Namen.“ Weylers heißester Tipp ist der Rumäne Mircea Cartarescu. „Cartarescu taugt für einen Nobelpreis. Er war ziemlich lange aktuell, jetzt hat er seine Trilogie vollendet. Er kommt aus Rumänien - alles könnte für Cartarescu sprechen.“

Adonis' Verleger Simon Brouwers hat die Hoffnung dagegen noch nicht aufgegeben, dass sein Autor den Preis bekommen könnte. „Er ist einer der besten Dichter der Welt“, sagt der Schwede. Wa Thiong'o oder Adonis: Liegen die Zocker also vielleicht doch richtig? Es wäre nicht das erste Mal. Auch die Weißrussin Swetlana Alexijewitsch, Literaturnobelpreisträgerin 2015, thronte in den Tagen vor der Bekanntgabe an der Spitze der Wettlisten.

dpa

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