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Zerstörtes Palmyra: der unersetzliche Schatz

Berlin Zerstörtes Palmyra: der unersetzliche Schatz

Die Terrormiliz IS hat die einzigartige antike Oasenstadt Palmyra dem Erdboden gleichgemacht. Nun sind die islamistischen Fanatiker aus dem Unesco-Weltkulturerbe vertrieben. Die Diskussion über einen Wiederaufbau wird beginnen.

Berlin. Quirlig ging es in Palmyra vor fast 2000 Jahren zu. Händler, Soldaten, Reisende kamen aus allen Teilen des Römischen Reiches in die prachtvolle Oasenstadt.

Kamel-Karawanen lagerten vor den Toren, sie brachten Weihrauch, Gewürze, Perlen und Seide aus Persien und Indien. Die Frauen in Palmyra verschleierten ihr Gesicht nicht.

Palmyra lebte eine multikulturelle Vielfalt. Jeder Stamm behielt sein traditionelles Heiligtum, der Baal-Tempel wurde 32 nach Christus geweiht. Die Bewohner Palmyras „waren stolz darauf, echte Römer geworden zu sein und blieben doch sie selbst“, schreibt der französische Historiker Paul Veyne (85) in seinem Buch „Palmyra - Requiem für eine Stadt“.

Im Mai 2015 nahm die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) Palmyra ein, sprengte den fast 2000 Jahre alten Baal-Tempel und auch den Baal-Schamin-Tempel, zerstörte die einzigartigen Grabtürme, den weltberühmten Triumphbogen und Säulenkolonnaden. Die Barbarei machte vor der Bevölkerung nicht halt. Der IS ließ viele Menschen im antiken Amphitheater von Palmyra hinrichten und enthauptete und kreuzigte den 81-jährigen Chefarchäologen Khaled Assad. Ihm hat Veyne, einer der angesehensten Althistoriker Frankreichs, das Palmyra-Buch gewidmet.

Zehn Monate später haben Regimetruppen die islamistischen Fanatiker aus dem Unesco-Weltkulturerbe vertrieben. Zurück ließ der IS die Ruinen der Ruinen. Ob die einzigartige Ausgrabungsstätte auch bei den heftigen Rückeroberungsgefechte noch weiter in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist unklar. Die UN-Kulturorganisation will so rasch wie möglich die Kriegsschäden untersuchen.

Schon bald dürfte dann die Diskussion beginnen, ob die antiken Bauwerke wieder aufgebaut werden sollen. Eine Reproduktion der Ruinen der antiken Prachtbauten, sobald der IS aus Palmyra vertrieben sei, hat bereits der Kunsthistoriker Horst Bredekamp gefordert. Er ist Mitglied der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums in Berlin. Ein Wiederaufbau Palmyras wäre für Bredekamp keine „rückschauende Heilung“, sondern eine „vorausblickende Markierung von Geschichte“. „Gegenüber den Zerstörungen der Terroristen sollte die Kunst der Reproduktion triumphieren“, erklärte Bredekamp.

Der Franzose Veyne stellt solche Forderungen nicht auf. Er lässt stattdessen in seinem Buch vor dem inneren Auge die Oasenstadt wiederauferstehen, für die Multikultur und Toleranz zum Selbstverständnis gehörten. Deshalb hat auch der IS keinen Platz in dem 127 Seiten langen Text. Die Barbaren des 21. Jahrhunderts werden nur an zwei Stellen erwähnt.

Das „kulturelle Patchwork“ Palmyra verkörperte alles, was der IS verabscheut, vor allem den Dialog zwischen den Kulturen. „Der Reichtum an Mischungspotenzial war rekordverdächtig“, schreibt Veyne. In der Oasenstadt kamen das alte Mesopotamien, das aramäische Syrien, Phönizien, Persisches und Arabisches zusammen. Und die Klammer waren die griechische Kultur und die römische Politik.

Als „Fremdenführer durch die Vergangenheit“ erzählt Veyne von orientalischen Festmählern, Patrizierhäusern mit kunstvollen Mosaikböden, der Verehrung von 50 Gottheiten von Baal bis Isis, Bronzestatuen und von wenigen reichen Magnaten, die Herrscher über den Karawanenbetrieb waren. Auf der anderen Seite aber gab es hohe Lebenshaltungskosten, horrend teures Wasser und bitterarme Bauern außerhalb der Stadt.

Bis in unsere Zeit hat Palmyra Dichter, Künstler, Architekten fasziniert und beeinflusst, wie derzeit eine Ausstellung mit Zeichnungen des 19. Jahrhunderts im Kölner Wallraf-Richartz-Museum zeigt. Veyne hat sein Buch der Zerstörungswut der radikalen Islamisten des 21. Jahrhunderts entgegengestellt. Sein Fazit: „Wer nur eine einzige Kultur, nämlich seine eigene, kennt und auch nur die kennen will, der verdammt sich selbst, unter einer Käseglocke zu leben.“

dpa

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