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Albig: Windstrom als Standortvorteil

Albig: Windstrom als Standortvorteil

Ministerpräsident im LN-Interview: Schleswig-Holstein ist interessant für grün denkende Unternehmen.

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Der Bund bremst den Ausbau der Windkraftanlagen in den windstarken Bundesländern des Nordens.

Quelle: dpa

Herr Albig, bald fallen die ersten schleswig-holsteinischen Windräder altersbedingt aus der Förderung des Erneuerbare-Energien- Gesetzes (EEG). Fürchten Sie um die Einnahmen?

 

LN-Bild

„Ich sehe einen riesigen Wett- bewerbsvorteil.“ Torsten Albig

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Ministerpräsident Torsten Albig (SPD): Na, erst mal freue ich mich sehr über den großen Erfolg der Energiewende. Wir haben uns aufgemacht, Atomstrom durch Strom aus Wind, Sonne und Wasserkraft zu ersetzen – und es ist beachtlich, wie weit wir damit gekommen sind. Aber klar, für Schleswig-Holstein ist es eine Herausforderung, die Vermarktung von Windstrom sicherzustellen, der nicht mehr durch das EEG gefördert wird. Hier darf es zu keinem Einbruch kommen.

Wie wollen Sie das schaffen?

Albig: Beispielsweise indem wir den dann extrem günstig produzierten Strom für intelligente Lösungen hier im Land nutzen. Schon heute arbeiten viele unserer Unternehmen an entsprechenden Ideen. Nehmen Sie zum Beispiel GP Joule, die setzen auf die Umwandlung von überschüssigem Strom in Wasserstoff. Solche Antworten brauchen wir. Schleswig-Holstein hat heute eine Chance, wie man sie vielleicht alle 100 Jahre bekommt.

Ist das nicht ein bisschen übertrieben?

Albig: Überhaupt nicht! Wir waren früher ein ländlich strukturiertes Bundesland, das mit drei großen Atomkraftwerken Strom für die industriell geprägten Länder produziert hat. Die dezentral produzierte Windenergie wollen wir dagegen einsetzen, um die Wertschöpfung im eigenen Land zu steigern.

Aber wir haben doch kaum Industrie . . .

Albig: Das stimmt so nicht ganz: Wir haben kaum Industrie im klassischen Sinn. Aber genau das beginnt ja gerade, sich zu ändern. Für grün denkende Unternehmen sind wir extrem reizvoll. Wir können diesen Firmen schon heute sagen: Bei uns bekommt ihr 100 Prozent Ökostrom, 24 Stunden am Tag – und das so günstig wie nirgendwo sonst auf der Welt. Welcher Standort kann das schon von sich behaupten? Ich sehe da einen riesigen Wettbewerbsvorteil.

An welche Unternehmen denken Sie?

Albig: Nehmen Sie Apple. Die haben gerade ein riesiges Serverzentrum im dänischen Jütland aufgebaut. Die hätten genauso gut zu uns kommen können. Am Ende fiel die Entscheidung für Dänemark nur wegen einer Besonderheit bei der Netzinfrastruktur, die denen entgegenkam. Der Chef meiner Staatskanzlei war gerade im Silicon Valley und hat dort mit Google und vielen anderen Firmen gesprochen.

Die waren erstaunt, welche Vorteile der Standort Schleswig-Holstein bietet. Google etwa will künftig nur noch erneuerbare Energien nutzen. Für diese Unternehmen sind wir ein sehr, sehr interessanter Anbieter.

Gibt es schon konkrete Projekte?

Albig: Nein, aber die werden kommen. Keine Sorge.

Unternehmen der erneuerbaren Branche klagen über schlechte Rahmenbedingungen.

Albig: Da müssen wir besser werden. Wer heute Strom in andere Energieträger wie Wasserstoff umwandelt, muss trotzdem die Abgaben für Letztverbraucher zahlen. Die müssen weg. Außerdem brauchen wir Förderinstrumentarien für Speicher. Und: Es fehlen immer noch Lehrstühle an den Universitäten, die sich mit den Themen beschäftigen. Ich erwarte, dass der Bund bei diesen Themen mehr Mut aufbringt und entsprechende Mittel zur Verfügung stellt. Sonst machen das eines Tages die Chinesen.

Ziehen die Bürger mit? Selbst im Windland Schleswig-Holstein nahm zuletzt der Widerstand gegen die „Verspargelung“ der Landschaft zu.

Albig: Die Gegner werden stärker wahrnehmbar. Früher waren Abende zu erneuerbaren Energien für mich sehr dankbare Veranstaltungen. Heute ist deutlich spürbar, dass die Akzeptanz sinkt. Ich kann das zum Teil auch gut nachvollziehen. Manche Regionen an der Westküste sind, vor dem Hintergrund eines früher ungezügelten Ausbaus von Windenergie, für viele Menschen zu einer Belastung geworden.

Was sagen Sie denen?

Albig: Erstens, dass wir mit unserer Regionalplanung den Wildwuchs der frühen 90er Jahre, den es unbestritten gegeben hat, zurückdrängen werden. Wir streben über unser neues Repoweringkonzept eine Flurbereinigung an, die die Belastung an vielen Orten reduzieren wird. Und zweitens: dass der Strom irgendwo herkommen muss. Einen besseren Weg als die Erzeugung von Strom durch Wind und Sonne habe ich noch nicht entdeckt. Manchmal sage ich den Gegnern, wir können die Atomkraftwerke auch wieder anstellen. Totschlagargument, sagen die dann. Ist es aber nicht. Bei jeder Form der Stromerzeugung werden einige mit Beeinträchtigungen leben müssen, damit alle mit Energie versorgt werden können.

Und sehen das die Menschen ein?

Albig: Es gibt verschiedene Beurteilungsebenen. Wer einen Resthof weit draußen kauft und seine Ruhe haben will, wird immer gegen den Windkraftausbau vor seiner Tür sein. Fragen Sie ganz Schleswig-Holstein, bekommen Sie ein Votum dafür. Meine Aufgabe als Ministerpräsident ist es, das Wohl aller im Blick zu haben.

Hilft es, auf mehr Bürgerbeteiligung zu setzen?

Albig: Ja und nein. Natürlich ist die Beteiligung betroffener Bürger eine wichtige Voraussetzung für den Erfolg eines Projektes. Aber es ist ein großes Missverständnis, dass man mit Bürgerbeteiligung alle Widerstände aus dem Weg räumen kann. Im Gegenteil: Manche nutzen die Beteiligung auch nur, um ein Projekt irgendwie zu verhindern. Diesen Menschen müssen wir ehrlich sagen, dass die Interessen der Gemeinschaft mehr zählen als die jedes Einzelnen.

Damit machen Sie sich bei den Betroffenen nicht beliebt . . .

Albig: Nein, und das Schlimme ist, dass solche Themen danach schreien, von Populisten gekapert zu werden. Die stellen sich dann hin und sagen: Wir verhindern all das, was ihr nicht wollt. Bei betroffenen Bürgern bekommen sie dafür Applaus. Aber mit dieser Haltung kann man kein Land regieren.

Wie lösen Sie dieses Dilemma?

Albig: Meine Antwort lautet: Klarheit. Die Welt verändert sich, und die Menschen werden mit Veränderungen leben müssen. Meine Aufgabe ist es, das zu erklären und ehrlich zu bleiben.

Ausbau langsamer

Verbraucher müssen zur Förderung von Strom aus Windkraft und Sonne im nächsten Jahr erneut tiefer in die Tasche greifen. Die sogenannte Ökostrom-Umlage wird von derzeit 6,35 Cent auf wohl 6,88 Cent pro Kilowattstunde steigen. Die Umlage zahlen Verbraucher über die Stromrechnung.

Im Zuge der Neuordnung der Ökostrom-Förderung sollen in Norddeutschland künftig deutlich weniger neue Windkraft-Anlagen gebaut werden als bisher. Laut Planung der Bundesnetzagentur muss der Norden mit etwas mehr als der Hälfte des bisherigen Zubaus auskommen: Von den jährlich 2500 Megawatt Windkraft-Leistung, die von 2017 an jährlich neu gebaut werden sollen, dürfen künftig nur maximal 902 Megawatt in den „Netzausbaugebieten“ im Norden entstehen. Grund für den gebremsten Ausbau sind Engpässe im Stromnetz. Da der Bau großer Nord-Süd-Stromleitungen nur schleppend voran kommt, lässt sich der Windstrom aus dem Norden oft nicht nutzen. „Das ist besonders ärgerlich für uns, weil wir in Schleswig-Holstein unsere Hausaufgaben im Netzausbau gemacht haben, andere nicht, die Ausbau-Bremse aber zu unseren Lasten geht“, betonte CDU-Landeschef Ingbert Liebing gegenüber den LN. „Die Probleme liegen in Hessen und Niedersachsen, weil der Ökostrom nicht transportiert werden kann.“

Energieminister Robert Habeck (Grüne) sagte, es gebe nicht zu viele erneuerbare Energien, vielmehr verstopften Kohle- und Atomstrom die Netze.

Interview: Andreas Niesmann

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