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Wirtschaft im Norden Anonyme Geständnisse aus dem Job
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18:23 11.06.2016
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Lübeck

Wenn Hotelmitarbeiter anonym ausplaudern, wie es an ihrem Arbeitsplatz angeblich zugeht, bestätigen sich die schlimmsten Befürchtungen. „Manchmal ziehe ich die Betten nicht ab. Ich mache das Bett nur neu und entferne die Haare mit einem Fusselroller – das geht einfach schneller“, verrät ein Zimmermädchen. Weitere fühlen sich ermutigt und gestehen: Die Handtücher werden nur selten gewechselt und des Öfteren nehmen sich die Angestellten etwas von dem Essen, das sie eigentlich unangetastet aufs Zimmer bringen sollen.

„Der Leser kann davon ausgehen, dass die Äußerungen ganz authentisch sind.“ Professorin Sabine Trepte, Universität Hohenheim

Ekelhaft? Das macht es nur umso reizvoller – für die Geständigen und ihre Leser der App „Whisper“. Bereits 30 Millionen aktive Flüsterer, so die Übersetzung, hat die kostenfreie Anwendung, die verspricht: Endlich kann jeder die Geheimnisse unerkannt ausplaudern. Ein digitales Schlüsselloch in ein meistens verborgenes Gewerbe. Nicht nur Hotelangestellte, auch das Schnellrestaurant-Personal oder Disneyland-Mitarbeiter machen hier ihrem schlechten Gewissen Luft. Oder lassen Dampf über die Kundschaft ab – und die halbe Welt liest mal amüsiert, mal angeekelt, aber immer interessiert mit.

„Die Anonymität bietet Privatheit: Keiner weiß, wer man ist, und so bekommt man den Eindruck, sich autonom und frei äußern zu können“, sagt Sabine Trepte, Professorin für Medienpsychologie an der Universität Hohenheim (Stuttgart). „Der Leser kann davon ausgehen, dass die Äußerungen ganz authentisch sind“, denn es gehe den Leuten nicht darum, sich toll zu präsentieren oder in gesellschaftliche Normen zu passen, „sondern ohne Angst vor Konsequenzen zu sprechen“. Das gebe den Geständigen eine Form der Entlastung. Noch zielführender, so sagt es die Expertin, sei natürlich ein persönliches Gespräch mit einem Vertrauten. „Wenn ich mich anonym preisgebe, werde ich möglicherweise ein weniger wertvolles Feedback bekommen, weil die anderen mich gar nicht kennen und meinen persönlichen Hintergrund nicht einbeziehen können“, erklärt Trepte.

„Whisper“ dient also als Ventil, um richtig Frust abzulassen. Bei den Geständnissen geht es aber auch um Spaß und das Brechen der Klischees. Stewardessen lächeln immer nur nett und schubsen Getränke durch den Gang? Das trügt. Auch Flugbegleiter haben ihre Plattform für Lästereien gefunden. Wer erfahren will, was das Flugpersonal wirklich denkt, braucht nur Hashtags wie „crewlife“ oder „passengershaming“ in soziale Netzwerke wie Twitter oder Instagram einzugeben und erhält die ganze Bandbreite von Fehltritten. Fotos von Fluggästen, die beim Schlafen auf ihre Nachbarn fallen oder ihren Sitzplatz wie ein Schlachtfeld aus Zeitungen, Essensresten und anderem Müll hinterlassen. „Ich bin froh, dass es hier noch andere Flugbegleiter gibt, die tagtäglich ähnlich absurde Dinge sehen wie ich“, kommentiert eine Nutzerin auf Instagram. Gemeinsam ablästern funktioniert wie eine Art Gruppentherapie. „Und denkbar ist auch ein Rache-Effekt“, sagt Trepte. „Mitarbeiter bestimmter Berufsgruppen arbeiten unter schlechten Bedingungen und wollen so mit einem System abrechnen, das sie benachteiligt.“

Lena Modrow

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